LONDON / LONDON (IT BOLTWISE) – Ein Bericht aus dem US-Kongress macht Harvard dafür verantwortlich, Forschungspartnerschaften mit chinesischen Universitäten und Einrichtungen nicht ausreichend abgesichert zu haben. Im Fokus stehen laut Bericht über 140 gemeinsame Veröffentlichungen, die teils mit dem chinesischen Militär- und Verteidigungsumfeld in Verbindung gebracht werden. Zusätzlich wirft der Bericht Harvard Finanzflüsse im Rahmen der US-Offenlegung für Auslandszuwendungen vor und fordert strengere Regeln. Unklar bleibt dabei, ob bestimmte Teilnehmende an Weiterbildungsformaten tatsächlich anwesend waren.

Harvard steht in den USA unter deutlichem politischem und institutionellem Druck, nachdem ein Bericht aus dem US-Kongress einen weiten Bogen aus gemeinsamen Publikationen und Förderströmen zwischen der Hochschule und chinesischen Forschungspartnern skizziert. Im Kern geht es laut Bericht um Sicherheitslücken bei der Prüfung von Kooperationen – nicht um die pauschale Ablehnung wissenschaftlicher Zusammenarbeit, sondern um das Argument, dass Harvard die Risiken zu eng entlang rein juristischer Pflichten bewertet habe. Der Bericht nennt zudem eine Reihe von Universitäten, die in den USA als besonders relevant für Chinas Verteidigungsforschung gelten.
Aus technischer Sicht ist dabei weniger die Frage „Ob Forschung stattfindet“ ausschlaggebend, sondern „Wie die Filterkette im Alltag funktioniert“. Der Bericht beschreibt, dass Harvard-affiliierte Forschende gemeinsam mit Forschenden aus einem Verbund chinesischer Militärnaher Hochschulen über 140 Veröffentlichungen co-authored haben sollen. Genannt werden dabei auch Einrichtungen, die in US-Listen als zentral für Chinas Modernisierung im Verteidigungsbereich gelten, darunter die „Seven Sons of National Defense“. Gerade bei interdisziplinären Themen wie Robotik, Sensorik oder Materialien können Anwendungen schnell von Grundlagenarbeit zu potenziell zweckgebundener Technologie kippen – insbesondere dann, wenn Partner in nationalen „Military-Civil Fusion“-Ökosystemen eingebettet sind.
Ein Beispiel aus dem Bericht zielt auf 2023 veröffentlichte Arbeiten zu bioinspirierten Soft-Robotern für die Erkundung der Tiefsee. Laut Bericht wurde diese Arbeit von einem Harvard-affiliierten Forscher und einem Forscher von Beihang University co-authored, die in US-Zusammenhängen als Teil eines sicherheitsrelevanten Hochschulclusters auftaucht. Der Bericht argumentiert, dass das untersuchte Forschungsfeld militärische Anwendungen ermöglichen könnte, etwa im Bereich Unterwassererkennung, während Harvard das Projekt als nichtmilitärische Forschung eingeordnet haben soll. Damit trifft der Konflikt genau den Punkt, der in vielen Forschungscompliance-Programmen schwer operationalisierbar ist: zwischen „veröffentlichungsorientierter“ Grundlagenforschung und „dualer Verwendbarkeit“ zu unterscheiden, ohne pauschal ganze Felder auszublenden.
Der Bericht greift zudem weitere Kooperationen auf, darunter eine 2023er Veröffentlichung mit Bezug zur National University of Defense Technology, ebenfalls eine Einrichtung, die in den USA in restriktiven Kontexten geführt wird. Nach Darstellung im Bericht beschäftigte sich die Studie mit magnetischen Materialien und soll teilweise durch die US Army Research Office unterstützt worden sein; hier wird deutlich, wie komplex die Lage wird, wenn öffentliche Drittmittel und internationale Partner in ein Projekt hineinwirken. Zusätzlich nimmt der Bericht das Thema auslandsbezogener Finanzierungs- und Offenlegungsregeln in den Blick: Harvard habe demnach nach den im Bericht zitierten Daten mehr als 600 Millionen US-Dollar aus China über das US-System zur Offenlegung ausländischer Geschenke nach Section 117 erhalten – mehr als jede andere US-Hochschule. Die politische Schlussfolgerung lautet, dass finanzielle Verflechtungen und Forschungskooperationen strenger überwacht werden müssten, auch wenn damit keine automatische Gefährdung jedes einzelnen Projekts verbunden ist.
Auch bei Bildungsformaten geht der Bericht weiter über reine Labor- und Publikationsdaten hinaus. Er untersucht ein Executive-Education-Programm mit der chinesischen National Healthcare Security Administration und verweist darauf, dass in Teilnehmer- und Registrierungsunterlagen zeitweise Personen mit Bezug zum Xinjiang Production and Construction Corps (XPCC) auftauchten. XPCC steht seit 2020 unter Sanktionen wegen Menschenrechtsvorwürfen in Xinjiang; der Bericht macht jedoch selbst deutlich, dass unklar bleibe, ob XPCC-affiliierte Personen tatsächlich an jeder betreffenden Sitzung teilnahmen. Gleichzeitig wird laut Bericht behauptet, Harvard habe im Vorfeld Informationen zu Teilnehmenden für eine 2020er Online-Session gehabt, in der XPCC-affiliierte Personen aufgeführt gewesen seien, und es seien keine weiteren Maßnahmen ergriffen worden. Auch hier wird sichtbar, wie wichtig nicht nur die technische Bewertung von Projekten, sondern auch Sanktionen- und Compliance-Schulungen für organisatorische Abläufe sind.
Der Bericht richtet ferner Kritik gegen Harvards Sicherheitsansatz, der nach Darstellung vorsieht, Kooperationen jeweils „case-by-case“ zu bewerten und nicht pauschal jede Arbeit mit chinesischen Institutionen zu untersagen. Laut Bericht fokussiere diese Ausrichtung zu stark auf technische, juristische Anforderungen und berücksichtige aus Sicht des US-Kongresses nicht ausreichend nationale Sicherheitsrisiken, die aus der Einbindung in das chinesische Militär-Ökosystem entstehen können – selbst dann, wenn ein Projekt nicht klassifiziert ist und zur Veröffentlichung vorgesehen bleibt. Der Bericht stellt außerdem Fragen zu einer mit Harvard verbundenen Non-Profit-Struktur für globale Forschung und Unterstützung, die laut Bericht Awards annehmen kann, wenn Harvard die Bedingungen eines Sponsors nicht direkt übernehmen darf. Die Behauptung lautet, diese Konstruktion könne helfen, Meldepflichten zu Auslandszuwendungen zu umgehen; Harvard werde das voraussichtlich bestreiten, heißt es sinngemäß im Umfeld der Veröffentlichung. Entscheidend für die Praxis ist dabei: Solche Strukturen können in der Compliance-Landschaft wie „Umgehungspfade“ wirken, wenn Transparenz und Reporting nicht durchgängig bis zur wissenschaftlichen Nutzung rückverfolgt werden.
Als konkrete Empfehlungen nennt der Bericht, dass Harvard Forschungsbeziehungen mit Einrichtungen auf US-restriktiven oder sanktionierten Listen verbieten und die Kontrolle über Forschungssicherheit stärker zentralisieren soll. Für die KI- und Technologielandschaft ist das deshalb relevant, weil ähnliche Prüfketten nicht nur an Universitäten, sondern auch bei Industriekooperationen, Forschungskooperationsbüros und gemeinsamen Labors auf die Probe gestellt werden: Wer entscheidet, welche Datenflüsse, welche Materialeigenschaften oder welche Prototypen unter „duale Nutzung“ fallen könnten? Wie werden Listen-Status, Projektkontext und institutionelle Verflechtungen über die Zeit hinweg gepflegt? Gerade bei schnell iterierenden Forschungszyklen ist eine starre, rein regelbasierte Prüfung oft zu langsam, während rein kontextbasierte Bewertungen ohne robuste Dokumentation in der Kritik schnell als zu „weich“ gelten.
Unterm Strich beschreibt der Bericht weniger einen einzelnen Skandal als ein strukturelles Spannungsfeld zwischen offener Wissenschaft und Sicherheitsinteressen. Der politische Anspruch besteht darin, dass Hochschulen ihre Forschungspartnerschaften und Auslandsfinanzierungen nicht nur nach dem „Minimum“ gesetzlicher Meldepflichten ausrichten, sondern stärker am Risiko der möglichen Verwendung bestimmter Technologien. Für Harvard bedeutet das in der nächsten Phase, dass Governance, Schulungsstand und Auditierbarkeit der Entscheidungsprozesse nachweislich nachgeschärft werden müssen. Für den Rest der Tech-Industrie ist die Botschaft ebenso klar: KI-gestützte Forschung, Robotik und Materialentwicklung sind besonders schnell in dual-use-Debatten verwickelt, sobald internationale Partner in sicherheitsrelevante Netzwerke eingebettet sind.
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