HESSEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die schwarz-rote Landesregierung in Hessen treibt eine Reform des Referendariats voran und will die Dauer von 21 auf 18 Monate senken. Der Hessische Landtag befasste sich am 2. September 2026 in erster Lesung mit dem Entwurf. Parallel soll der Umfang des eigenverantwortlichen Unterrichts von maximal 12 auf bis zu 16 Wochenstunden steigen. Die GEW warnt vor Qualitätsverlust und möglicher Überlastung der Ausbildungskandidatinnen und -kandidaten.

Hessen will Referendariat auf 18 Monate verkürzen – mehr eigenverantwortlicher Unterricht
Hessen will Referendariat auf 18 Monate verkürzen – mehr eigenverantwortlicher Unterricht (Foto: IT BOLTWISE)
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Die hessische Bildungspolitik nimmt Tempo auf, allerdings nicht nur bei der Anzahl der Unterrichtsstunden, sondern schon bei der Struktur der Lehrerausbildung. Laut Entwurf aus dem Gesetzgebungsverfahren, das der Hessische Landtag am 2. September 2026 in erster Lesung behandelt hat, soll das Referendariat für angehende Lehrkräfte von bislang 21 Monaten auf 18 Monate verkürzt werden. Die Koalition aus CDU und SPD begründet die Straffung vor allem damit, dass der Übergang von der universitären Ausbildung in den regulären Schuldienst schneller gelingen soll. Genau hier setzen viele Schulen derzeit unter Druck: Schon während des laufenden Personalaufbaus müssen qualifizierte Kräfte möglichst früh in den Alltag integriert werden.

Technisch betrachtet betrifft die Reform damit zwei ineinandergreifende Stellschrauben: Zeit und Einsatzumfang. Die Verlängerungslogik des klassischen pädagogischen Vorbereitungsdienstes zielt darauf, dass Lehramtsanwärterinnen und -anwärter genügend Phasen für Unterrichtsplanung, Durchführung, Reflexion und Feedback durch Mentorinnen und Mentoren durchlaufen. Wenn die Gesamtdauer um drei Monate sinkt, verschiebt sich automatisch das Verhältnis zwischen angeleiteten Lerneinheiten und eigenständigem Praxisanteil. Der Entwurf reagiert darauf offenbar nicht durch eine reine „Verdichtung“, sondern durch eine klare Schwerpunktverlagerung: Er soll den eigenverantwortlichen Unterricht in der Ausbildungszeit anheben.

Im Kern geht es um die Erhöhung des Deputats während des Referendariats. Während die Obergrenze für eigenverantwortlichen Unterricht bisher bei maximal 12 Wochenstunden lag, sieht der Entwurf eine Ausweitung auf bis zu 16 Wochenstunden vor. Damit steigt nicht nur die Menge an real durchzuführenden Unterrichtseinheiten, sondern auch die Planungs- und Anpassungsarbeit, die Lehrkräfte in kurzer Taktung leisten müssen. In der Praxis heißt das: Die angehenden Lehrkräfte übernehmen früher und in größerem Umfang Klassenverantwortung, wodurch sie stärker in den regulären Schulbetrieb eingebunden werden. Die Landesregierung verknüpft diesen Schritt ausdrücklich mit dem Ziel, den Personalbedarf an hessischen Schulen „effektiver“ zu adressieren.

Gerade diese Koppelung aus verkürzter Ausbildungsdauer und höherem eigenverantwortlichem Unterricht ist der Punkt, an dem Kritik ansetzt. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) wendet sich gegen die Pläne und warnt laut Darstellung der Interessenvertreter vor negativen Folgen für die Qualität der Qualifizierung. Der Vorwurf lautet nicht pauschal „mehr Praxis ist schlecht“, sondern dass eine zu schnelle zeitliche Straffung die nötige Tiefe der pädagogischen Ausbildung verringern könne. Aus GEW-Sicht brauche die Ausbildung ausreichend Zeit, um die hohen Anforderungen des Berufsfeldes strukturiert zu vermitteln; mit einem engeren Zeitfenster werde dieser Anspruch schwerer einzulösen, insbesondere wenn Reflexions- und methodische Vertiefungskorridore schrumpfen.

Hinzu kommt ein organisatorischer Trade-off, den Schulen und Ausbildungseinrichtungen schon heute kennen: Mentoring, Feedback und Qualitätskontrolle kosten Kapazität. Wenn Lehramtsanwärterinnen und -anwärter früher mehr Stunden eigenverantwortlich unterrichten, verschiebt sich der Betreuungsfokus häufig stärker auf Begleitung in der laufenden Umsetzung statt auf reine Vor- und Nachbereitung. Genau hier argumentieren die Kritiker weiter: Die Kombination aus drei Monaten weniger Gesamtzeit und bis zu 16 Wochenstunden eigenverantwortlichem Unterricht könne zu einer Überlastung führen und den Raum für vertiefende Arbeit an Methoden, Unterrichtsdesign und didaktischer Weiterentwicklung einschränken. Für Schulleitungen bedeutet das außerdem, dass die Entlastungslogik, mit der sich Personalengpässe schließen sollen, sehr konkret an Betreuungsressourcen gebunden bleibt.

Rechtlich ist der Einstieg in das Arbeitsleben zudem immer ein Feld, in dem Details über Praktikabilität entscheiden. Der Text verweist auf den Kontext „Nachweisgesetz“ und stellt einen kostenlosen Ratgeber als Hilfe in Aussicht, der Muster-Formulierungen für rechtssichere Arbeitsverträge anbietet. Für die Reform selbst folgt daraus vor allem eine indirekte Botschaft: Je früher der Übergang in ein festes Arbeitsverhältnis erfolgen soll, desto wichtiger wird eine saubere Abstimmung von Vertragsstandards, Nachweispflichten und arbeitsrechtlichen Rahmenbedingungen. Denn in der Umsetzung entscheidet nicht nur die Länge des Referendariats, sondern auch, wie reibungslos sich der Wechsel von der Ausbildung in die volle Dienstpflicht vollzieht.

Nach der ersten Lesung am 2. September 2026 sollen die Beratungen im zuständigen Ausschuss fortgesetzt werden, bevor über die endgültige Umsetzung entschieden wird. Bis dahin bleibt offen, wie die Reform im Detail geglättet wird: Ob es begleitende Qualitätsmaßnahmen gibt, etwa klare Kriterien für Feedbackzyklen, oder ob der Ausbau eigenverantwortlichen Unterrichts mit zusätzlichen Unterstützungsleistungen der Schulen einhergeht. Für Bildungsakteure ist das entscheidende Signal bereits jetzt: Hessen setzt auf eine deutlich schnellere Einsatzfähigkeit, aber der Preis dafür wird sich in der Ausbildungsrealität messen müssen. Und wo sich Ausbildungs- und Schulbetriebslogik überlappen, entscheidet die Balance zwischen Praxis, Reflexion und Betreuung darüber, ob die Reform als Entlastung wahrgenommen wird oder als Risiko für die Ausbildungsqualität.


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