DÜSSELDORF / LONDON (IT BOLTWISE) – Nach einem Sommer mit neuen Hitzerekorden geraten die Wälder in Deutschland erneut unter starken Stress. Studien und Messungen zeigen, dass der Biomasseverlust bereits seit 2018 die ökologische Leistungsfähigkeit schwächt. Besonders betroffen sind junge Aufforstungen, während ältere Bäume durch tiefer verwurzelte Wasserreserven noch länger durchhalten können. Gleichzeitig bleibt die genaue Zahl der diesjährigen Schäden offen, weil Absterbeeffekte zeitversetzt sichtbar werden.

Hitze und Dürre treffen Deutschlands Wälder: Biomasseverlust seit 2018
Hitze und Dürre treffen Deutschlands Wälder: Biomasseverlust seit 2018 (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Hitze dieses Sommers wirkt wie ein schneller Verstärker für ein Problem, das in deutschen Wäldern längst nicht mehr bei der „nächsten Trockenperiode“ beginnt. Die Schilderungen aus dem Sommer 2026 folgen dabei einem Muster, das seit Jahren sichtbar ist: warme Phasen werden länger, Niederschläge bleiben aus oder kommen zu spät, und dadurch trocknen nicht nur Kronen, sondern auch die oberflächennahen Bodenschichten aus. Gerade diese Kombination entscheidet darüber, ob Bäume in der Vegetationszeit Wasser nachliefern können – und ob sich Stress, der zunächst wie eine saisonale Schwankung aussieht, in einen mehrjährigen Zustand ohne Erholung verwandelt.

Die Ausgangslage ist deshalb so hart, weil die Belastung nicht erst im Juli startet. Der Waldzustandsbericht für 2025 ordnet die Lage bereits als länger anhaltenden Klimastress ein, der sich spätestens ab dem Dürrejahr 2018 deutlich zuspitzt. Dabei zeigt die Erhebung, dass unter den häufigsten Baumarten ein großer Anteil nicht mehr in einem „stabilen“ physiologischen Zustand sind: Eichen, Buchen, Kiefern und Fichten stehen ebenso unter Druck wie weitere Arten. Das ist entscheidend, weil Bäume in gestressten Phasen anfälliger für Folgeprobleme werden – etwa für Schädlinge, die von geschwächten Wirtspflanzen profitieren.

Wissenschaftlich wird die Wirkung dieses Dauerdrucks besonders über den Verlust von Vegetationsmasse greifbar. In einer Mitteilung im Umfeld einer am Nature Geoscience-Forschungslinie berichten Forschende der Technischen Universität München, dass seit 2018 in ganz Europa ein beispielloser Biomasseverlust beobachtet werde. Im Kontext Wald bedeutet Biomasseverlust nicht nur weniger „Holz“; er steht auch für den Verlust von im Wald gespeicherter organischer Masse und damit für weniger eingelagerten Kohlenstoff. Für Ökosysteme ist das deshalb mehr als ein einzelnes Schadereignis: Bäume stabilisieren Wasserhaushalte, schützen Böden, liefern Lebensraum und binden über Photosynthese Kohlenstoff aus der Atmosphäre.

Wie sich Hitze und Trockenheit unmittelbar auswirken, zeigt sich außerdem in den lokalen „Wasserwegen“ des Systems. Zu den Effekten zählen Austrocknung der oberen Bodenschicht und ein Zurückgehen der Wasserverfügbarkeit genau dort, wo viele Feinwurzeln Wasser aufnehmen. In Nordrhein-Westfalen meldete der Landesbetrieb Wald und Holz eine ungewöhnlich hohe Fläche von rund 4 Prozent, die Ende Juli von Trockenheit und Dürre betroffen war – Tendenz steigend. Besonders gefährdet sind dabei frisch angelegte Frühjahrspflanzungen, weil sie noch keine tiefen Wurzelräume erschließen konnten. Für Wiederbewaldungsflächen, auf denen Sturm, Dürre und eine Massenvermehrung von Borkenkäfern zuvor Schäden hinterlassen haben, beschreibt der Landesbetrieb zudem das Risiko, dass junge Pflanzen absterben, bevor sich ein belastbares Wurzelsystem bilden konnte.

Vor Ort lassen sich diese Prozesse in den Kronen ablesen – auch wenn sich das Ausmaß erst später „unter der Oberfläche“ vollständig zeigt. Als Schutzreaktion werfen viele Bäume Blattwerk teilweise oder sogar komplett ab, um Verdunstung zu reduzieren. In Teilen Nordrhein-Westfalens fällt das durch gelb verfärbte oder bereits kahle Bereiche an Baumkronen auf, unter anderem bei Birken und Linden. Gleichzeitig werden kommunale Alleen und Parkbestände spürbar zum Stresstest: In Wuppertal mussten in diesem Jahr bereits nahezu 1.000 vertrocknete Stadtbäume gefällt werden. Das ist nicht nur ein ästhetisches Problem, sondern verändert auch das lokale Mikroklima, das solche Baumreihen im Alltag stabilisieren.

Ob es Regionen gibt, die besser durchkommen, hängt unter anderem von lokalen Anbaubedingungen, Baumartenmix und Bewirtschaftung ab. Der „Hitze-Check 2026“ der Deutschen Umwelthilfe verweist darauf, dass zwischen 2018 und 2025 infolge der Klimakrise und der damit verbundenen Dürre fast eine Million Bäume in 195 Städten mit mehr als 50.000 Einwohnern verschwunden seien. In der Gesamtauswertung schneiden demnach Offenburg, Lahr und Mannheim besonders schlecht ab, während Wuppertal zusammen mit Kiel zu den Städten gehört, die positiv hervorgehoben wurden. Für die Praxis heißt das: In Wuppertal setzt man künftig stärker auf hitzeresistente Baumarten wie europäische Hopfenbuche, Amberbaum oder Esskastanie – ein Ansatz, der die genetische und ökologische Vielfalt als „Risikopuffer“ betrachtet.

Für die Bewertung des diesjährigen Schadens gilt jedoch weiterhin: Die eigentliche Folgewirkung kommt zeitversetzt. Forstexperten aus Nordrhein-Westfalen betonen, dass viele Baumarten erst im nächsten Jahr mit deutlichen Absterbeerscheinungen in der Krone reagieren. Besonders vorgeschädigte Bäume, etwa nach Wurzelpilzbefall, sind mittelfristig gefährdet, weil mehrere Stressoren sich gegenseitig verstärken. Parallel laufen wieder geschulte Teams an, um den Gesundheitszustand systematisch zu erfassen und die Daten in die Waldzustandsberichte von Bund und Ländern einfließen zu lassen. Genau diese zeitliche Verzögerung zwischen Stressereignis und sichtbarer Kronenreaktion erklärt, warum sich die aktuelle Lage noch nicht belastbar in eine einzige Zahl pressen lässt.

Trotz der düsteren Schlagzeilen gibt es zugleich eine wichtige, nicht zu unterschätzende Nuance: Waldökosysteme können sich grundsätzlich erholen, wenn Störungen nicht permanent in gleicher Intensität aufeinanderfolgen. Cornelius Senf, Professor an der TUM, stellt in der vorliegenden Einordnung heraus, dass Wälder durchaus in der Lage seien, sich von Störungen zu erholen; entscheidend sei jedoch die Anpassung der Waldbewirtschaftung an den Klimawandel. Für Entscheider bedeutet das praktisch, dass „Abwarten“ keine Strategie ist: Standortangepasste Baumartenwahl, robustere Pflege- und Umtriebsstrategien sowie eine wachsame Beobachtung von Krankheits- und Schädlingstreibern werden zum Dauerprozess. Der Sommer 2026 liefert damit weniger eine Überraschung als vielmehr eine Bestätigung, dass die nächste Planungsrunde im Wald schon begonnen hat – lange bevor neue Daten im Bericht erscheinen.


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