SCHIPKAU / LONDON (IT BOLTWISE) – Das neue Höhenwindrad ist seit rund einer Woche im südbrandenburgischen Schipkau vollendet. Der Prototyp aus dem bestehenden Windpark soll im Praxistest zeigen, ob die Konstruktion mit 365 Metern Gesamthöhe und einer Nabenhöhe als Rekord tatsächlich mehr Energie liefert. Die Anlage ist für 3,8 Megawatt Nennleistung ausgelegt und soll im November offiziell ans Netz gehen. In den Zahlen steckt damit nicht nur ein Technikstatement, sondern auch ein Belastungstest für Fertigung, Montage und Aerodynamik.

Wer in der Windenergie über Größe spricht, meint meistens Rotorfläche und Nennleistung. In Schipkau geht es aktuell aber um etwas anderes: um die Kombination aus extrem hoher Nabenhöhe und einer Bauform, die bewusst auf den gleichmäßigeren Wind in großen Höhen setzt. Das neue Höhenwindrad steht seit einer Woche im südbrandenburgischen Windpark Schipkau und wurde als Pilotanlage im bestehenden Anlagenumfeld errichtet. Entwickelt und gebaut hat es das Dresdner Unternehmen Gicon. Genau hier liegt der Kern der technischen Herausforderung: Der Rekordstatus ist bereits erreicht, doch erst der Praxistest entscheidet, wie gut sich die Theorie aus Aerodynamik, Statik und Lastannahmen im Betrieb bewährt.
Die Bauzeit des Höhenwindturms wird mit 740 Tagen beziffert. Der Baubeginn erfolgte mit der Grundsteinlegung am 19. September 2024, und für den nächsten Meilenstein ist im November die offizielle Netzanbindung vorgesehen. Mit 365 Metern Gesamthöhe inklusive der riesigen Rotorblätter positioniert sich die Anlage als höchstes Windrad der Welt; zugleich wird sie als zweithöchstes Bauwerk Deutschlands eingeordnet, nur drei Meter unter dem Berliner Fernsehturm. Auf der technischen Ebene ist vor allem die Nabenhöhe entscheidend: Sie gilt als Rekordwert und liegt damit deutlich über dem, was bei üblichen Windkraftanlagen an Land heute als Standard gilt. In der Konstruktion steckt zudem der Gedanke, dass ein kleinerer Rotor in größerer Höhe durch stärkeren und konstanteren Wind einen Effizienzvorteil ausspielen kann.
Die eingesetzte Vensys-126-Turbine bringt laut den Angaben einen Rotordurchmesser von 126,2 Metern mit. Damit zählt das Blatt offenbar eher zu den kleineren Ausprägungen moderner Windenergieanlagen, was zunächst kontraintuitiv wirkt. Allerdings lässt sich das Konzept technisch gut erklären: Je höher die Turbine, desto gleichmäßiger und tendenziell stärker ist das Windprofil, wodurch die Anlage trotz kleinerer Rotorfläche mehr Ertrag erzielen kann. Der Generator des Prototyps wird mit 3,8 Megawatt Nennleistung angegeben; unter optimalen Bedingungen sind maximal 3,8 Millionen Watt pro Sekunde möglich. In der Übersetzung in Verbraucheräquivalente wird das als 3.800 Kilowattstunden pro Stunde beschrieben, was rechnerisch dem Betrieb von über 1.200 Backöfen oder rund 1.900 Waschmaschinen für eine Stunde entsprechen soll. Auch der prognostizierte Jahresstromertrag liegt im Bereich von 30 bis 33 Gigawattstunden.
Beim Vergleich zu konventionellen Anlagen wird die erwartete Leistungssteigerung besonders betont: Im Verhältnis zu üblichen Installationen bei gleichem Rotordurchmesser soll die Anlage rechnerisch eine mehr als 200-prozentig höhere Leistungsausbeute erreichen, also im Kern doppelt so viel Energie. Diese Erwartung wird mit einem etwa 28-prozentigen Vorteil durch die spezifischen Höhenwindbedingungen begründet. Dazu passt die projektionierte Versorgungsleistung: Mit dem beschriebenen Jahresertrag sollen rechnerisch rund 7.500 Vier-Personen-Haushalte pro Jahr mit Strom versorgt werden können. Gleichzeitig nennt der Text wirtschaftliche Zielmarken, indem für die Stromgestehungskosten weniger als 5 Cent pro Kilowattstunde angestrebt werden. Zum Einordnen werden für Onshore-Anlagen Werte von 4,3 bis 9,2 ct/kWh genannt. Solche Spannweiten sind für Entscheider relevant, weil sie zeigen, wie stark Projektlogik, Finanzierung und Standortgüte die endgültige Kostenkurve beeinflussen.
Der wirtschaftliche und industrielle Maßstab zeigt sich auch bei den Baukosten und der Fertigungsreife. Der Höhenwindturm soll 25 Mio. Euro gekostet haben, wobei die reinen Baukosten etwa viermal höher als bei einem normalen Windrad ausfallen. Gleichzeitig heißt es, dass bei einer Serienproduktion die Kosten auf 10,8 Mio. Euro sinken sollen. Fertigungsseitig fällt auf, wie eng der Prototyp mit dem Thema Material- und Montageaufwand verknüpft ist: Der verbaute Stahl im Gittermast wird mit 2.000 Tonnen angegeben, dazu kommt eine Stahlgitterkonstruktion aus 22.000 Einzelteilen für den Außenturm. Zusätzlich wird beschrieben, dass sich im Innern ein weiterer Turm befindet, an dem die Turbine per Teleskopmechanismus mit einer angegebenen Geschwindigkeit von neun Metern pro Stunde in die Endposition gehoben wurde. Als weiterer Punkt gilt: Der Turm ist bisher Prototyp, und die „Puzzleteile“ müssten erst zur Serienreife entwickelt werden.
Damit verbindet sich ein Stück Industriegeschichte mit konkreter Ingenieursarbeit. Das Höhenwindrad basiert auf der Idee des Leipziger Ingenieurs und Konstrukteurs Horst Bendix (verstorben 2023), der in der DDR lange als Technik- und Forschungschef beim Leipziger Schwermaschinenbauer Kirow tätig gewesen sein soll. Als sein großer Traum wird beschrieben, ein Windrad in der Größenordnung des Eiffelturms zu entwickeln. Nachdem viele Anläufe scheiterten, fand er dem Bericht zufolge schließlich bei der Bundesagentur für Sprunginnovationen (SPRIND) Unterstützung, konnte den Erfolg aber nicht mehr erleben. Für die heutige Umsetzung ist diese Biografie mehr als eine Randnotiz: Sie zeigt, dass der Weg zu solchen Rekorden oft über lange Vorlaufzeiten, wiederkehrende technische Iterationen und die Bereitschaft führt, bestehende Fertigungs- und Montageprinzipien zu überdenken.
Entscheidend für Markt und Skalierung ist nun, ob sich die prognostizierten Ertrags- und Kosteneffekte im Betrieb bestätigen lassen. Die geplante Einspeisung im November markiert dafür einen konkreten Zeitpunkt, an dem sich unter realen Wetterbedingungen auch die Frage stellt, wie robust die Konstruktion gegenüber Belastungsspitzen, Wartungslogistik und potenzieller Abnutzung ist. Für Entwicklerteams und Betreiber bedeutet das: Bei solchen Prototypen verschiebt sich der Schwerpunkt von reinen Modellrechnungen hin zu Messketten, Monitoring und belastbaren Daten für die nächste Ausbauphase. Als Technologieanbieter positioniert sich Gicon dabei nicht nur über den Höhenwindturm, sondern auch über weitere Projekte wie ein schwimmendes Offshore-Fundament und einen Photobioreaktor zur Kultivierung von Mikroalgen. Genau in dieser Breite dürfte auch der Lerntransfer liegen, der gebraucht wird, wenn aus einem Rekordprojekt ein wiederholbares Serienprodukt werden soll.
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