LONDON (IT BOLTWISE) – Hörverlust wird häufig nur mit Alter oder lauter Umgebung in Verbindung gebracht. Doch laut dem Neurotologen Nick Andresen können auch Lebensstil, medizinische Faktoren, Infektionen und bestimmte Medikamente das Gehör schrittweise schädigen. Besonders Rauchen, hoher Blutdruck sowie regelmäßig und hoch dosiert eingenommene NSAIDs stehen im Fokus. Ergänzend nennt er, dass Diabetes, Gefäßerkrankungen und sogar Kopfverletzungen sowie die kumulative Belastung durch Alltagslärm eine Rolle spielen.

Wenn Menschen an Hörverlust denken, fällt ihnen meist zuerst der klassische Zusammenhang mit dem Alter ein. In der Praxis zeigt sich aber ein deutlich komplexeres Bild: Der Neurotologe Nick Andresen vom Wexner Medical Center der Ohio State University betont, dass Hörprobleme nicht zwangsläufig auf eine nachlassende Hörschärfe im Lebensverlauf reduziert werden können. Zwar ist Lärmexposition ein besonders bekannter Treiber, aber sie erklärt nach Andresens Darstellung nur einen Teil der Fälle. Entscheidend ist auch, dass Hörverlust sich nicht nur akustisch bemerkbar macht, sondern laut Einordnung ebenfalls Auswirkungen auf Psyche und soziale Teilhabe haben kann – etwa durch Rückzug, depressive Verstimmung, Angst und den Verlust von Selbstvertrauen.
Technisch betrachtet liegt die Besonderheit vieler Risikofaktoren darin, dass sie die empfindliche Mechanik und Versorgung im Innenohr treffen. In einem Modell aus Haarzellen, Nervenfasern und feinen Blutgefäßen entscheidet die Mikroumgebung über die Signalübertragung: Schwingungen aus der Schallwelt müssen erst in elektrische Impulse umgewandelt werden, bevor das Gehirn sie als Sprache oder Geräusche interpretiert. Wenn hier die Sauerstoffversorgung, die Durchblutung oder die Integrität von Zellen und Nerven beeinträchtigt wird, kann sich Hörverlust schleichend entwickeln – oder in bestimmten Situationen auch überraschend auftreten. Andresen ordnet daher neben Lärm auch Lifestyle- und Gesundheitsfaktoren in denselben Wirkmechanismus ein: Sie wirken nicht immer sofort, sondern summieren sich über Zeit.
Ein Punkt, der viele überrascht, ist Rauchen. Andresen erklärt, dass die Risiken zwar seit Langem zu den bekannten Folgen des Tabakkonsums gehören, aber Hörverlust inzwischen explizit als weiterer relevanter Effekt dazukommt. Je mehr Zigaretten und damit auch der damit verbundene Schadstoffeintrag, desto gravierender kann der Hörverlust ausfallen. Der genaue Ablauf sei zwar noch nicht vollständig verstanden, als plausibler Teilmechanismus werden aber eine verminderte Sauerstoffversorgung im Innenohr sowie Schädigungen durch toxische Substanzen aus dem Zigarettenrauch genannt. Für Betroffene ist dabei vor allem die Konsequenz relevant: Ein Rauchstopp kann – nach Andresens Darstellung – das Risiko zumindest verringern und in manchen Fällen sogar eine teilweise Umkehr begünstigen.
Auch der Blutdruck gehört in diese Risikoliste, weil er die Durchblutung steuert. Andresen macht deutlich, dass Bluthochdruck zwar im Vergleich zu anderen Faktoren ein moderater Einfluss sein kann, aber dennoch das Ohr treffen kann. Konkret können dabei die kleinen Blutgefäße und die Haarzellen geschädigt werden, die Schwingungen in Nervensignale übersetzen. Zusätzlich reduziert ein dauerhaft erhöhter Blutdruck beziehungsweise eine daraus resultierende Gefäßbelastung die Durchblutung, wodurch weniger Sauerstoff und Nährstoffe zur Cochlea gelangen – also zu dem zentralen Hörorgan im Innenohr. Das kann zu einem schrittweisen Verlust der Hörfähigkeit führen, aber auch zu einem eher abrupten Einsetzen von Problemen, je nachdem, wie stark und wie schnell die Versorgungslage kippt.
Daneben rückt Andresen eine Medikamentengruppe in den Fokus, die viele im Alltag eher als harmlose Selbstmedikation einordnen: NSAIDs, also nichtsteroidale Entzündungshemmer wie Aspirin und Ibuprofen. Laut Andresen können diese Wirkstoffe Hörschäden begünstigen, wenn sie regelmäßig über viele Jahre hinweg oder in Dosen oberhalb der empfohlenen Menge eingenommen werden. Das genaue Wirkprinzip ist dabei nicht vollständig aufgeklärt. Als mögliche Erklärung nennt Andresen jedoch, dass höhere Dosen die für die Signalübertragung wichtigen Hörnerven beziehungsweise die auditiven Neuronen schädigen können. Interessant ist außerdem die Unterscheidung zwischen chronischem Risiko und akuten, vorübergehenden Effekten: Eine Überdosierung von Aspirin kann temporären Hörverlust und Tinnitus auslösen, also ein Summen oder Klingeln in den Ohren. Andresen betont zugleich, dass diese Effekte typischerweise wieder abklingen, wenn das Medikament aus dem Körper eliminiert ist, und dass NSAIDs in empfohlenen Dosierungen weiterhin als sehr sicher gelten.
Der Blick auf das „Restliche“ ist in diesem Zusammenhang besonders wichtig, weil Hörverlust häufig als isoliertes Problem betrachtet wird, während das Innenohr offenbar empfindlich auf die Gesamtgesundheit reagiert. Andresen nennt als Beispiele Diabetes, die allgemeine kardiovaskuläre Gesundheit, Infektionen sowie Kopftraumata, die Gefäße und Nervenzellen im Ohr beeinträchtigen können. Ebenso warnt er davor, die kumulativen Effekte alltäglicher Lärmquellen zu unterschätzen: Nicht nur Kopfhörer können relevant sein, auch Power-Tools, Rasenmäher oder andere Maschinen im Arbeits- und Freizeitumfeld. Seine Empfehlung zielt daher auf zweigleisige Prävention: Exposition gegenüber lauten Geräuschen so weit wie möglich reduzieren und in Situationen, in denen Lärm unvermeidbar ist, konsequent einen Gehörschutz nutzen – etwa bei Sportveranstaltungen, Konzerten oder rund um laute Maschinen.
Für Unternehmen, Kliniken und auch für die Praxis in der Arbeitsmedizin steckt hier vor allem ein Argument für bessere Informationswege und frühere Diagnostik. Wenn Hörverlust nicht nur „einfach Altersproblem“ ist, sondern durch Rauchen, Blutdruck, bestimmte Einnahmegewohnheiten und Vorerkrankungen beeinflusst werden kann, dann verändern sich die Beratungs- und Monitoring-Ansätze. In der betrieblichen Prävention bedeutet das: Das Thema Gehörschutz bei Lärm bleibt zentral, doch es sollte stärker mit Gesundheitsfaktoren zusammen gedacht werden – etwa durch Schulungen, die erklären, warum regelmäßige Selbstmedikation und ungünstige Lebensstilentscheidungen Hörprobleme begünstigen können. Für Betroffene wiederum heißt das: Wer neue Symptome wie Druckgefühl, Tinnitus oder plötzlich verschlechtertes Hören bemerkt, sollte nicht abwarten, sondern frühzeitig abklären lassen, insbesondere wenn zugleich Faktoren wie hoher Blutdruck, chronische Entzündungsmedikation oder Rauchen im Spiel sind.
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