HAMBURG / LONDON (IT BOLTWISE) – Das Institut HWWI rechnet nach dem guten Jahresstart mit einer spürbaren Eintrübung: Für 2026 erwartet es nur noch 0,7 Prozent Wachstum und für 2027 1,3 Prozent. Treiber sind vor allem der Irankrieg, insbesondere die lange Blockade der Straße von Hormus, sowie eine unberechenbare US-Zollpolitik. Zusätzlich bremsen zähe Strukturreformen und Reibungen innerhalb der Koalition die Erwartungen von Investoren und Verbrauchern. Mit Blick auf die Inflation sorgt der Energiepreisanstieg kurzfristig für Druck, während sich die Rate mittelfristig voraussichtlich stabilisiert.

Nach einem zuversichtlichen Start ins Jahr hat sich die Lage in Deutschland laut dem HWWI spürbar eingetrübt. Seit Ende Februar verschlechterten sich die Aussichten sowohl für Wachstum als auch für Inflation deutlich, weil externe Schocks und interne politische Unsicherheiten zusammenwirken. Das Institut senkt die Wachstumsprognose für 2026 auf 0,7 Prozent (zuvor 0,8 Prozent) und für 2027 auf 1,3 Prozent (zuvor 1,5 Prozent). Damit rückt ein Szenario in den Fokus, in dem Unternehmen bei Investitionen zögern, während Haushalte steigende Lebenshaltungskosten stärker spüren als noch zu Jahresbeginn.
Der größte Belastungsfaktor bleibt der Nahost-Konflikt. Konkret nennt das HWWI den Irankrieg und hebt hervor, dass die Sperrung der Straße von Hormus unerwartet lange andauere. Ökonomisch bedeutet das: Transportwege werden riskanter und potenziell teurer, wodurch sich Energiekosten und Beschaffungskosten indirekt verlagern. Hinzu kommt eine erratische US-Zollpolitik, die laut Institut deutsche Exportaktivitäten spürbar dämpft. Aus technischer Perspektive wirkt das wie eine Störung in der Liefer- und Wertschöpfungskette: Planbarkeit sinkt, Vorlaufzeiten verlängern sich, und Projekte werden häufiger neu kalkuliert oder verschoben.
Parallel wirken „hausgemachte“ Faktoren auf die Stimmung. Der Reformprozess komme nur langsam voran, zudem werde er von Unstimmigkeiten innerhalb der Koalitionsregierung überlagert. Diese Gemengelage ist für viele Unternehmen besonders relevant, weil sie nicht nur die Konjunktur beeinflusst, sondern auch die Umsetzungsgeschwindigkeit von Infrastruktur-, Industrie- und Verteidigungsprogrammen. Das HWWI geht davon aus, dass aus dem Irankonflikt kurzfristig wieder Entspannung möglich ist, etwa wenn die Straße von Hormus bald wieder passierbar wird und Öl- und Gaspreise nachgeben. Dennoch könne die Energieverteuerung noch einige Zeit nachwirken und die gedämpfte Erwartungslage vorerst stabil halten.
Die Rolle der Inflation ist dabei zweigeteilt: Einerseits zieht sie an, andererseits zeichnet sich laut Prognose mittelfristig eine Beruhigung ab. Das Institut beschreibt, dass sich die Verbraucherpreise zuletzt auf rund 3 Prozent zubewegten, getrieben durch steigende Energiepreise. Obwohl ein Tankrabatt den Preisdruck zunächst gebremst habe, seien weitere Kostensteigerungen zu erwarten. Entscheidend ist die Erwartung, dass die Inflationsrate ihren Höhepunkt bald überschreiten und sich im Jahresdurchschnitt 2026 bei etwas mehr als 2,5 Prozent einpendeln wird, bevor sie sich 2027 wieder Richtung 2-Prozent-Marke annähert. Aus Markt- und Risikosicht ist das jedoch kein Selbstläufer.
Das HWWI betont explizit die Risiken der eigenen Projektion. In der Warnung des Instituts, die die Unsicherheit im US-Iran-Konflikt und die Möglichkeit längerer Blockaden adressiert, wird auch die politische Umsetzungsfähigkeit adressiert: Es gebe Zweifel, dass die Koalitionsregierung angekündigte Strukturreformen konsequent in die Praxis überführt. Außerdem weist das Institut darauf hin, dass zusätzliche Investitionen auf Basis von Sonderverschuldungsmöglichkeiten nicht automatisch in realen Projekten ankommen. Als Vergleichsfolie: Andere deutsche Konjunktur- und Standortinstitute wie das ifo oder das DIW analysieren ähnlich gelagerte Belastungen, legen aber in der Regel stärker den Fokus auf Arbeitsmarkt- und Produktivitätsdynamiken. Für Unternehmen zählt in beiden Fällen letztlich die Kombination aus Nachfrage, Finanzierungskosten und Umsetzungsrisiko.
Der politische und makroökonomische Ausblick zeigt damit einen engen Pfad: Eine spürbare Erholung setzt aus Sicht des HWWI voraus, dass der Irankrieg beendet und eine konsequentere Reformpolitik betrieben wird. Kurzerfristig sieht das Institut Impulse vor allem aus staatlichen Konsumausgaben sowie aus Fiskalprogrammen für Infrastruktur und Verteidigung. Das ist für den Mittelstand und für größere Industriekonzerne relevant, weil diese Programme häufig Vorleistungen auslösen: Ausschreibungen benötigen Vorplanungen, Lieferverträge werden langfristiger, und technische Spezifikationen müssen in sicherere Rahmenbedingungen übersetzt werden. Gleichzeitig bleibt die Frage, wie schnell Planungs- und Genehmigungsprozesse laufen und ob Investitionsbudgets gegen Inflations- und Energiepreisrisiken abgesichert werden.
Für die Marktteilnehmer stellt sich nun weniger die Frage, ob Deutschland wirtschaftlich „durchrutscht“, sondern wie resilient die nächsten Zyklen werden. Wenn Investoren und Verbraucher wegen der Energie- und Unsicherheitskomponente vorerst zurückhaltend bleiben, verschiebt sich die Nachfrage in Richtung von stabil planbaren Bereichen. In der Praxis führt das häufig zu einer Beschleunigung von Effizienz- und Digitalisierungsprojekten, weil Unternehmen knappe Budgets mit messbaren Produktivitätsgewinnen verbinden. Die historische Erfahrung zeigt, dass Energie- und Handelsschocks – ähnlich wie in früheren Phasen hoher geopolitischer Spannung – oftmals zunächst Kosten- und Margendruck erzeugen, bevor Investitionen später nachziehen. Entscheidend ist, ob Reformen dabei früh genug die Investitionshürden abbauen.
In der zukünftigen Perspektive sollte man das Zusammenspiel aus Energiepreisen, Handelshemmnissen und Reformumsetzung aktiv „monitoren“. Technisch betrachtet lässt sich dieses Setup in Unternehmensplanungen als Risikomatrix übersetzen: Transport- und Energievolatilität schlagen auf Inputkosten durch, Zollunsicherheit wirkt auf Export- und Lieferzeitkalkulationen, und politische Inkonsistenz bremst Projektgenehmigungen sowie Förder- und Beschaffungsmechanismen. Der mittelfristige Inflationspfad bis nahe 2 Prozent könnte zwar Entlastung bringen, doch bleibt das Timing riskant. Wenn die Blockade der Straße von Hormus deutlich früher endet und die Politik Reformfortschritte liefert, kann die wirtschaftliche Erholung schneller einsetzen. Bleibt die Unsicherheit hingegen länger bestehen, droht eine längere Phase gedämpfter Investitionen – mit direkten Folgen für Beschäftigung, Unternehmenswachstum und den Fortschritt technologischer Modernisierung.
Für Entscheider bedeutet das: Priorität hat ein belastbares Budget- und Szenario-Design, das sowohl den energiegetriebenen Inflationsverlauf als auch Handels- und Zollvarianten abbildet. Gleichzeitig sollten Unternehmen die staatlichen Programme für Infrastruktur und Verteidigung als strategische Chance begreifen, aber mit klaren Projektmeilensteinen und Risikopuffern arbeiten. Der Kern der HWWI-Aussage bleibt damit wirtschaftspolitisch klar: Ohne Ende des Konflikts und ohne konsistente Reformpolitik bleibt die Erholung fragiler, als es das Ende des letzten Jahres vermuten ließ. Aus heutiger Sicht rückt die nächste Phase weniger als „Stimmungsfrage“ in den Vordergrund, sondern als Frage der Umsetzbarkeit unter Unsicherheit.
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