LONDON (IT BOLTWISE) – Nach schwachen Quartalszahlen hat IBM die Prognose für 2026 reduziert, während die Hardware- und vor allem die Mainframe-Umsätze stark unter Druck geraten sind. Das Management um CFO Jim Kavanaugh und CEO Arvind Krishna versucht, die Sorge zu entkräften, KI-Tools könnten das Mainframe-Geschäft verdrängen. Gleichzeitig bleiben wichtige Fragen offen: Kommen aufgeschobene Großaufträge im laufenden Jahr wirklich zurück, oder bleibt die Infrastruktur-Nachfrage gedämpft? Anleger reagieren gespalten, weil sich die Erholung zwar zeigt, die Aktie aber noch deutlich unter dem Niveau liegt, das viele im 52-Wochen-Vergleich erwarten.

Die IBM-Aktie hat sich nach dem tiefen Kursrutsch zwar spürbar erholt, die Nervosität ist aber geblieben. Am Freitag schloss das Papier bei 188,38 Euro und legte um 3,74 % zu. Trotzdem bewegt sich der Kurs weiter im überverkauften Bereich: Er liegt lediglich 7,56 % über dem 52-Wochen-Tief von 175,14 Euro vom 23. Juli. In dieser Konstellation wirkt das Managementprogramm wie eine Schadensbegrenzung, denn die Phase nach den enttäuschenden Quartalszahlen hat bei Anlegern eine ganz konkrete Frage aufgeworfen: Wird IBM für die nächsten Wellen der Unternehmens-IT zu stark auf das aus heutiger Sicht „klassische“ Rechenmodell setzen?
Genau dort setzt die Kommunikation von CFO Jim Kavanaugh an. In den Tagen nach den Zahlen ging das Management in die Offensive und widersprach der Befürchtung, KI-Tools könnten das Kerngeschäft rund um Software und Mainframes aushöhlen. Im Kern lautet das Argument: Es gebe keine Anzeichen dafür, dass Kunden sich vom Mainframe verabschieden; wichtige betriebliche Indikatoren würden diese Einschätzung stützen. Auf derselben Linie bleibt auch CEO Arvind Krishna. Statt die KI-Welle zu relativieren, interpretiert er sie als Ergänzung zur bestehenden Softwarestrategie: KI-Coding-Tools und Wettbewerber sollen das Softwaregeschäft nicht verdrängen, sondern eher zusätzliche Nachfrage nach Plattformen und Integrationsfähigkeit erzeugen. Für Unternehmen ist daran vor allem relevant, dass hier nicht nur „Zuversicht“ kommuniziert wird, sondern eine Art Produkt- und Ökosystem-These: Mainframe-gestützte Systemlandschaften gelten als langlebig, während Software- und Automationsschichten darauf aufsetzen.
Der Anlass für diese Einordnung war allerdings handfest. IBM hatte bereits eine Woche zuvor vor schwachen Zahlen gewarnt, am 22. Juli folgte dann die Prognoseanpassung für 2026. Beim bereinigten Ergebnis je Aktie lag IBM bei 2,93 Dollar statt der erwarteten 2,97 Dollar. Auch der Umsatz verfehlte die Erwartungen: 17,16 Milliarden Dollar standen 17,58 Milliarden Dollar gegenüber. Der Nettogewinn fiel auf 2,17 Milliarden Dollar. Diese Werte sind im kurzfristigen Blick wichtig, aber entscheidender war die Segmentlogik: Während Software-Umsätze um 5 % auf 7,76 Milliarden Dollar stiegen und Beratungsgeschäft bei 5,33 Milliarden Dollar stagnierte, zeigte die Infrastruktur eine klare Schwäche. Die Umsätze sanken um 7 % auf 3,84 Milliarden Dollar, und die Mainframe-Sparte Z brach um 42 % ein.
Dass die Aktie darauf dennoch nicht komplett „durchrutscht“, sondern innerhalb kurzer Zeit Gegenbewegungen zeigt, erklärt die gemischte Reaktion der Analysten. Susquehanna senkte das Kursziel von 303 auf 225 Dollar, beließ die Einstufung aber auf „Neutral“. Morgan Stanley hatte hingegen bereits vor dem vollständigen Zahlenbericht das Kursziel um rund 10 % angehoben – offenbar mit einer stärkeren Gewichtung der Software- und Beratungsdynamik. Bei anderen Sichtweisen dominiert dagegen der Timing-Aspekt: Stifel sieht die Aktie kurzfristig in einer Seitwärtsbewegung mit leichtem Abwärtsdruck, vor allem wegen geringer Sichtbarkeit auf die nächsten Quartale und saisonaler Effekte. Dazu passt auch der historische Vergleich, der den Schweregrad des Einbruchs in der Unternehmensgeschichte verankert: Am Tag der ersten Warnung verlor die Aktie 25,2 % und fiel auf 217,07 Dollar; laut Angaben zur Kursbewegung war das der größte Tagesverlust in der 115-jährigen Firmengeschichte, begleitet von einem Handelsvolumen, das 551 % über dem Drei-Monats-Durchschnitt lag.
Für die Bewertung „was jetzt zählt“ verschiebt sich der Fokus vom Zahlenwerk hin zur Frage, ob sich eine operative Erzählung bestätigt. Das Management argumentiert indirekt für ein Mainframe-Comeback, das nicht isoliert betrachtet werden darf: Es setzt voraus, dass der KI-Infrastrukturboom bei Servern und Chips nicht übermäßig lange anhält und Unternehmen dadurch wieder stärker in klassische Mainframe-Kapazität investieren. In der Praxis heißt das für das nächste Quartal: Bleiben Investitionen in KI-Trainings- und Inferenz-Umgebungen so dominant, dass Budgets für andere Plattformen weiter gedrückt werden? Oder werden Projekte neu priorisiert, sobald „Proof of Concept“-Phasen durch sind? Die These hängt damit an zwei konkreten Beobachtungsfeldern, die IBM selbst indirekt adressiert: ob aufgeschobene Großaufträge in den nächsten Monaten tatsächlich abgeschlossen werden, und ob Red Hat sowie die watsonx-Softwaresparte die anhaltende Schwäche im Infrastrukturgeschäft kompensieren können.
Technisch betrachtet lässt sich die Spannung gut verstehen. Mainframes sind für viele Unternehmen nicht „alte Hardware“, sondern ein betriebswirtschaftliches Stabilitätsversprechen: Transaktionsvolumen, regulatorische Anforderungen, Betriebsprozesse und Reifegrade der Softwarearchitektur sprechen häufig für langfristige Laufzeiten. KI verändert zwar die Art, wie Software entwickelt wird, weil KI-gestütztes Coding Automationen in die Entwicklungspipeline bringt und damit die Umsetzungsgeschwindigkeit erhöht. Diese Automatisierung ersetzt aber nicht automatisch die Notwendigkeit, bestehende, hoch verfügbare Systeme effizient in neue Workflows zu integrieren. Genau hier liegt die Plausibilitätsannahme hinter der IBM-Kommunikation: KI ist nicht zwangsläufig ein „Abschalter“ für Mainframes, sondern kann neue Schichten auf etablierte Plattformen legen. Ob diese Logik bei der nächsten Nachfragewelle trägt, wird sich vor allem daran zeigen, wie stark die Infrastruktursegmente wieder anziehen und ob die Software-Impulse in reale Nettobeträge übersetzen.
Unterm Strich bleibt die Lage für Anleger zweigeteilt. Einerseits liefert die Erholung der Aktie nach dem massiven Einbruch einen ersten Hinweis darauf, dass ein Teil der negativen Erwartung bereits eingepreist wurde. Andererseits macht die Prognosekürzung für 2026 zusammen mit dem 42-prozentigen Rückgang im Mainframe-Umfeld deutlich, dass Vertrauen ohne Folgebelege teuer wird. Für den weiteren Kurs wird daher weniger entscheidend sein, was CFO und CEO argumentativ versichern, sondern was Kunden in den nächsten Quartalen wirklich investieren. Wenn IBM es schafft, Auftragsstau abzuarbeiten und die Software- und Plattformseite den Infrastrukturabzug in der Bilanz sichtbar ausgleicht, kann die Story wieder Stabilität gewinnen. Wenn nicht, dürfte die Aktie weiterhin zwischen Erholungsrally und Skepsis schwanken – gerade solange die Sichtbarkeit für die kommenden Quartale begrenzt bleibt.
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