BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Der Berliner Senat will das seit über einem Jahrzehnt stillgelegte ICC in ein dauerhaft genutztes Kultur- und Kreativzentrum überführen. Das Land stellt dafür eine 99-jährige Vergabe im Erbbaurecht in Aussicht und setzt auf einen Betreiber mit Erfahrung aus dem Leipziger Kulturquartier Spinnerei. Da das Gebäude seit 2019 unter Denkmalschutz steht und Schadstofffunde die Sanierung komplizieren, rückt neben der Vision auch die technische Umsetzbarkeit in den Fokus. Wie der neue Betrieb konkret funktionieren soll und welche Risiken der Umbau birgt, entscheidet sich nun im nächsten Schritt mit dem ausgewählten Konzept.

ICC Berlin: Senat plant 99-jähriges Erbbaurecht für Kultur- und Kreativbetrieb
ICC Berlin: Senat plant 99-jähriges Erbbaurecht für Kultur- und Kreativbetrieb (Foto: IT BOLTWISE)
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Der Berliner Senat bringt Bewegung in eines der prominentesten Stillstandsprojekte der Hauptstadt: das ICC am Funkturm, das seit rund zwölf Jahren nicht mehr als Kongresszentrum genutzt wird. Die Pläne laufen auf eine langfristige Überführung in den Betrieb hinaus. Das Land will das Gebäude dazu per Erbbaurecht für 99 Jahre an einen Betreiber abgeben und das „Raumschiff City West“ aus der Ära des Messe- und Kongressbooms in einen Standort für Kunst, Kultur und Kreativwirtschaft verwandeln. Damit geht der Senat von der reinen Diskussion über die Zukunft des „Lost Place“ in ein belastbares Betriebsmodell über.

Im Zentrum steht dabei die Frage nach der Machbarkeit unter realen Restriktionen. Das ICC ist als Stahlkoloss mit knapp 300 Metern Länge, 80 Sälen und einem Volumen, das in Summe über 14.500 Sitzplätze abbildete, baulich und betrieblich außergewöhnlich. Seit 2019 steht das Gebäude unter Denkmalschutz. Gleichzeitig wurden im Zuge der Vorbereitung auf die Umnutzung Schadstoffe entdeckt. Das bedeutet: Sanierungs- und Rückbauprozesse müssen nicht nur bautechnisch, sondern auch denkmal- und umweltrechtlich präzise geplant werden, inklusive Abfallmanagement, Schadstofffreigabe und nachweisbarer Qualitätssicherung in jeder Bauphase.

Die politische Zielsetzung ist ehrgeizig, aber in Berlin keineswegs ohne Vorbild: Kultur- und Kreativflächen entstehen oft dort, wo Bestandsimmobilien neue Nutzungslogiken erhalten. Als federführender Investor ist nach Informationen aus der Presse die MIB AG Immobilien und Beteiligungen genannt, die in Leipzig das Kulturquartier Spinnerei betreibt. Für den Berliner Markt ist das ein Wettbewerbsfaktor: Nicht nur um Genehmigungen und Förderkulissen, sondern auch um Programmstärke, Mieterstruktur und Besucherströme konkurrieren neue Kulturareale mit bestehenden Ankerpunkten wie Kreativstandorten in der City West oder anderen Veranstaltungsarealen, die bereits heute über eingespielte Zielgruppen verfügen.

Technisch bedeutet der Wechsel vom Kongressbetrieb zu einem Kultur- und Kreativstandort vor allem, dass sich Anforderungen an Infrastruktur, Akustik, Laufwege und Sicherheit verschieben. Ein Kongressbau ist häufig auf schnelle Bestuhlung, standardisierte Raumgrößen und wiederkehrende Veranstaltungsformate ausgelegt. Kulturformate hingegen verlangen mehr Varianz: von Proben- und Werkbereichen über Ausstellungen bis zu flexiblen Produktionsflächen. Das ICC muss dafür modernisiert werden, ohne sein denkmalgeschütztes Erscheinungsbild zu verlieren. Entsprechend steigt der Aufwand in der technischen Planung etwa bei Brandschutzkonzepten, Raumklimatisierung und der Umstellung auf heutige Energie- und Gebäudestandards.

Marktseitig ist der 99-Jahres-Hebel ein Signal: Wer solch lange Laufzeiten nutzt, kalkuliert weniger auf einzelne Event-Saisons, sondern auf Miet- und Nutzungsstrukturen über Jahrzehnte. Damit wird das Projekt stärker in Richtung „Asset mit Betriebsmodell“ gedacht als in Richtung einmaliger Sanierung. Wie in Stadtentwickler-Kreisen betont wird, hängt der Erfolg solcher Umnutzungen entscheidend davon ab, ob Denkmalschutz, Finanzierung und Betriebskonzept zeitlich und finanziell zusammenpassen. Der Senat will Wirtschaftsministerin Franziska Giffey und Bausenator Christian Gaebler (beide SPD) auf einer Pressekonferenz ab 12 Uhr über das Konzept informieren – dort entscheidet sich, ob das angekündigte Profil mit konkreten Nutzungsbausteinen und Zeitachsen untermauert wird.

Vergleicht man frühere Umnutzungsansätze in Deutschland, zeigt sich ein wiederkehrendes Muster: Bestandsareale werden dann wertvoll, wenn sie nicht nur „offen“ wirken, sondern auch betriebswirtschaftlich funktionieren. Historisch war das ICC über Jahrzehnte Teil eines Messe- und Kongressökosystems, das von internationaler Ausrichtung lebte. Der Verlust der Kernfunktion als Kongresszentrum hat die Frage ausgelöst, ob das Gebäude eine neue Hauptrolle bekommen kann. Frühere Ideen reichten laut Diskussionen über die Jahre vom Kongresshotel bis zu stärker freiraum- oder naturorientierten Nutzungsvarianten wie einem Gewächshaus. Dass nun ein Kultur- und Kreativfokus priorisiert wird, entspricht damit einer Lehre aus früheren Projekten: Nutzungen, die regelmäßig Publikum anziehen und eine Mischung aus Produktion, Ausstellung und Vermittlung erlauben, sind langfristig tragfähiger.

Für Datenschutz und Sicherheitsaspekte gilt beim ICC-Vorhaben eine doppelte Perspektive. Erstens betrifft das den Betrieb von Veranstaltungen und Flächen, wenn etwa Ticketing, Besuchermanagement, Zugangssysteme und ggf. Sicherheits- oder Zutrittsdaten verarbeitet werden. Zweitens stehen Sanierung und Umbau in einem denkmalgeschützten Bestand mit vielen technischen Gewerken im Hintergrund, was Zugriffskontrollen, Bauherrenpflichten und Dokumentationspflichten erhöht. Ein Betreiber wird deshalb ein Datenschutz- und Informationssicherheitskonzept brauchen, das nicht erst „nach Fertigstellung“ entsteht, sondern die Prozesse während der Sanierung, die Schnittstellen zu Dienstleistern und die spätere Betriebsführung abdeckt. Genau diese frühzeitige Verzahnung reduziert das Risiko späterer Nachsteuerungen.

Der nächste Schritt liegt für Berlin nun weniger in der Vision als in der Umsetzung: Wie schnell werden Schadstoffe gesichert und Bauabschnitte so getaktet, dass der Zeitplan realistisch bleibt? Welche Flächen werden in welcher Reihenfolge aktiviert, um Parallelbetrieb zu ermöglichen, und wie wird ein tragfähiges Mieter- und Programmportfolio aufgebaut? Die 99-jährige Vergabe im Erbbaurecht schafft dafür zwar Planungssicherheit, aber sie erhöht auch die Verantwortung: Der Betreiber muss sowohl die technischen Investitionen als auch den laufenden Betrieb verlässlich finanzieren. Wenn das gelingt, könnte das ICC über Jahre hinweg zu einem neuen Anker für die Kreativwirtschaft werden – und zugleich Maßstäbe setzen, wie Berlin mit Denkmalschutz, Sanierungskomplexität und Kulturförderung in Bestandsimmobilien umgeht.


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