LONDON (IT BOLTWISE) – Das IDW zieht die Zügel für die projektbegleitende Prüfung von Softwarevorhaben an. Mit dem Hinweis PH 9.850.1 zielt es darauf, Projektrisiken bereits während der Umsetzung früher zu erkennen. Als Treiber nennt der Standard insbesondere Probleme in Initialisierung und Definition sowie fehlende Echtzeit-Kennzahlen im Projektcontrolling. Parallel steigt der internationale Druck, etwa durch strengere Erwartungen an KYC-Screening-Prozesse und neue Vorgaben rund um KI in der DSGVO.

Software-Transformationen scheitern selten erst in der Testphase. Genau an diesem Punkt setzt der neue Prüfungshinweis IDW PH 9.850.1 an, der die Anforderungen an die projektbegleitende Prüfung von IT-Vorhaben verschärft. Während nachgelagerte Prüfungen – etwa die Testierung von ERP-Systemen nach IDW PS 880 – sich auf abgeschlossene Softwarestände konzentrieren, betrachtet PH 9.850.1 die dynamische Phase: also die Zeit, in der Anforderungen konkretisiert, Schnittstellen gebaut und Sicherheits- sowie Konformitätsthemen im laufenden Projekt tatsächlich umgesetzt werden. Für Unternehmen bedeutet das weniger „Abhaken“ am Ende, mehr strukturiertes Prüfen während der Entstehung.
Die Richtung ist nicht neu, aber die Begründung ist es in der Zuspitzung. Als Hintergrund nennt der Hinweis, dass rund 75 Prozent der Fehlerursachen in der Initialisierungs- und Definitionsphase entstehen – also bevor tragfähige Architekturentscheidungen, Teststrategien und Governance-Regeln im Betrieb der Projektteams greifen. Dazu kommt ein weiteres Praxisproblem: Etwa die Hälfte der Projektverantwortlichen hat offenbar keinen verlässlichen Zugriff auf Echtzeit-Kennzahlen und verbringt stattdessen monatlich „Handarbeit“ mit Statusberichten. In dieser Konstellation laufen Risiken häufig parallel: Ein technisch kleiner Drift zwischen Soll- und Ist-Konzept wird nicht früh genug sichtbar, und die projektbegleitende Prüfung soll genau diese Lücke schließen, indem sie Konformität und Sicherheit als Bestandteil der laufenden Umsetzung behandelt.
Technisch lässt sich die neue Stoßrichtung auch als Verschiebung von Dokumenten- zu Signalqualität verstehen. Wer projektbegleitend prüft, braucht messbare Indikatoren für Entwicklungs- und Implementierungsrisiken: etwa Nachverfolgbarkeit von Anforderungen, kontrollierte Änderungen an Architektur- und Datenflüssen sowie nachvollziehbare Test- und Freigabeprozesse. Gleichzeitig verlangt eine solche Prüfungsausrichtung, dass Teams ihre Ergebnisse in den relevanten Lebenszyklus-Phasen liefern – nicht nur als Abschlussartefakte. Dass der Hinweis dabei ausdrücklich auf den Übergang zur Umsetzung zielt, steht im Kontrast zu klassischen Modellen, bei denen Prüfungen häufig „am Ende des Build“ erfolgen und viele Leitplanken nur indirekt adressieren.
Auch personell signalisiert das IDW, dass es die Prüfungsarbeit enger mit der Praxis verzahnen will. Am 7. August 2026 wurde Prof. Dr. Claus Koss in die Prüfungskommission für das Wirtschaftsprüferexamen berufen; er ist seit Mai 2006 als Wirtschaftsprüfer tätig und bringt Erfahrung aus einem IDW-Arbeitskreis für Non-Profit-Rechnungslegung in die Ausbildung des Berufsnachwuchses ein. Unabhängig davon, ob man solche Personalien als „Verwaltungsdetails“ betrachtet: Gerade in Prüfungsfragen prägen Qualifikationsprofile und Arbeitskreise, wie stark methodische Strenge, Dokumentationslogik und Risikogewichtung später in Standards zurückwirken.
Für zusätzliche Spannung sorgt, dass parallel zu den technischen und prozessualen Anforderungen auch die aufsichts- und berichtsgetriebene Realität zunimmt. Im genannten Kontext äußerte die Deutsche Payment A1M SE am 6. August 2026, dass für den Jahresabschluss 2025 ein Versagungsvermerk „avisiert“ wird, also eine ablehnende Prüfungsentscheidung in Aussicht gestellt wurde; dabei wird ein Jahresfehlbetrag von rund 1,2 Millionen Euro bei einem Umsatz von etwa 50.000 Euro genannt. Solche Konstellationen sind für IT- und Transformationsprojekte indirekt relevant, weil wirtschaftliche Tragfähigkeit, Prozesssicherheit und nachvollziehbare Kontrollen in der Bewertung zusammenwirken. Unternehmen können daraus ableiten: Eine striktere projektbegleitende Prüfung ist nicht nur ein Qualitätshebel, sondern auch ein Risiko- und Governance-Thema, das sich bis in den Jahresabschlusskontext fortsetzt.
Der Blick über Deutschland hinaus macht die Gemengelage klarer. In der Schweiz erhöhen Finanz- und Revisionsaufsicht den Druck auf Wirtschaftsprüfer, KYC-konforme Screening-Prozesse für Mitarbeiter umzusetzen – einschließlich Prüfungen vor der Einstellung und kontinuierlicher Überprüfung während des Beschäftigungsverhältnisses, etwa entlang geldwäschebezogener Vorgaben. Noch unmittelbarer für KI-Teams: Ein Bericht der schwedischen Datenschutzbehörde IMY vom 10. Juni 2026 differenziert Rollen von KI-Anbietern und Nutzern im Rahmen der DSGVO, insbesondere beim sogenannten Finetuning. Für Projektteams heißt das, dass „Compliance durch Dokumente“ allein nicht reicht: Wer Modelle anpasst, muss Verantwortung, Datenverarbeitung und Zweckbindung so operationalisieren, dass sie in Prüfungen nachvollziehbar werden.
Trotz der Verschärfungen bleibt Spielraum für Investitionen. Seit dem 1. Januar 2026 gilt eine erweiterte Forschungszulage mit einer Bemessungsgrundlage von 12 Millionen Euro; kleine und mittlere Unternehmen können demnach Zuschüsse von bis zu 4,2 Millionen Euro erhalten. Ergänzend fördert das Programm „InnoNT+“ Projekte im Bereich smarte Konnektivität mit bis zu 3 Millionen Euro je Vorhaben. Für die Umsetzung solcher Mittel ist die Qualität der Projektdokumentation entscheidend: Eine saubere Strukturierung und ein strukturierter Projektstrukturplan (PSP) nach DIN 69901 verbessern nicht nur die Förderchancen, sondern auch die Prüfbarkeit im Sinne von PH 9.850.1.
Praktisch wird das an Transformationsfällen sichtbar. Die NeS GmbH (Netto Marken-Discount) nennt als Beispiel, dass die Migration auf eine neue ERP-Basis im Juni 2025 abgeschlossen wurde und bereits am ersten Betriebstag über 10.000 Aufträge verarbeitet hat. Solche Ergebnisse sind natürlich nicht allein ein Beweis für „konforme“ Projekte, aber sie zeigen, wie wichtig stabile Umsetzungsphasen sind. In Summe treffen damit drei Stränge aufeinander: frühere Risikoidentifikation in der Projektdefinition, projektbegleitende Prüfbarkeit während der Implementierung und ein steigender Erwartungsdruck rund um Daten, Sicherheit und KI-Rollen. Wer heute KI- und Softwareprogramme plant, sollte deshalb die Prüf- und Kontrolllogik als Teil des Engineering verstehen – nicht als nachträgliche Pflichtübung.
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