LONDON (IT BOLTWISE) – Ein Infostealer missbraucht gestohlene Session-Cookies, um aktive Claude-Login-Sitzungen zu kapern und anschließend kostenpflichtige Nutzung hochzufahren. Dabei brauchen Angreifer weder das Passwort noch einen zweiten Authentifizierungsfaktor. Anthropic meldet sechs Malware-Familien auf Windows und eine zusätzliche Variante auf macOS und setzt betroffene Nutzer per Abmeldung zurück. Als Indiz nennt das Unternehmen Auffälligkeiten im Nutzungsverlauf, etwa Nachfüllungen von Limits ohne Nutzung durch den Kontoinhaber.

Anthropic warnt Nutzer davor, dass ein Krimineller über weit verbreitete Infostealer-Malware aktive Claude-Sitzungen auf kompromittierten Rechnern entführt. In der Praxis läuft das auf Session Hijacking hinaus: Wird ein Session-Token oder ein zugehöriger Cookie abgegriffen, kann der Angreifer die Sitzung „wiederverwenden“, ohne das Passwort neu zu prüfen und ohne eine Zwei-Faktor-Authentifizierung erneut auszulösen. Für Betroffene bedeutet das vor allem eines: Die Security-Probleme beginnen nicht beim Login selbst, sondern auf dem Endgerät, von dem aus ein zuvor legitimierter Zustand missbraucht werden kann.
Das Unternehmen ordnet die Kampagne mehreren, nicht eigens entwickelten Malware-Familien zu. Genannt werden auf Windows Vidar, LummaC2, StealC, RedLine und Acreed sowie auf einer kleineren Zahl von macOS-Installationen Atomic Stealer, das unter AMOS bekannt ist. Entscheidend ist dabei weniger die konkrete Benennung als die Funktionsweise: Solche „Commodity“-Stealer sammeln lokal gespeicherte Browser-Credentials, Autofill-Daten und insbesondere Authentifizierungscookies von der infizierten Maschine und laden sie an einen Server der Angreifer hoch. Das ist ein bewährtes Muster aus dem Diebstahl von Streaming- und Gaming-Accounts – und jetzt wird dieses Muster auf KI-Abonnements übertragen, die dadurch zu einem ähnlich handelbaren Ziel werden.
Auch technisch macht der neue Fokus den Unterschied. Session-Cookies sind bereits-authentifizierte Zustände; wer ein Token „replayt“, betritt den Dienst an der Stelle, an der der Anbieter die Identität zuvor geprüft hat. Das erklärt, warum die Meldung besonders brisant wirkt: Selbst wenn der Nutzer aktuell noch sichere Passwörter und korrekt aktivierte 2FA verwendet, schützt das nicht gegen den Missbrauch, solange ein Angreifer das gültige Sitzungsartefakt auf dem Endpunkt erbeutet. Anthropic nennt als typisches Warnsignal einen Nutzungsablauf, der nicht zur eigenen Verwendung passt – etwa wenn Limits auffällig wieder aufgefüllt werden und anschließend wieder ablaufen, während der Kontoinhaber Claude nicht verwendet.
Konkrete Gegenmaßnahmen nennt Anthropic ebenfalls. Betroffene Nutzer sollen laut Unternehmen aus den betroffenen Sitzungen herausgemeldet werden, gespeicherte Zahlungsmethoden von kompromittierten Konten entfernt bekommen und für während der Untersuchung identifizierte, nicht autorisierte Abrechnungen eine Erstattung erhalten. Außerdem betont der Anbieter, dass die Malware nicht über Claude selbst installiert werde, keinen Zusammenhang mit der Produktseite habe und nicht durch Nutzeraktionen im Produkt entstanden sei. Die Infektionen sollen auf die üblichen Wege zurückgehen – etwa über gecrackte Software oder andere illegale Downloads.
In den Schilderungen aus der Community tauchen dazu typische Endpunktmuster auf. Ein Nutzer berichtet, dass er eine Infostealer-Komponente beim Download eines piratierter Spiels über ein „untergrund“-Forum installiert habe und die Benachrichtigung von Anthropic anschließend erhalten habe. Interessant ist dabei weniger die Malware-Sammlung als der Ablauf, wie der Nutzer reagierte: Er beschreibt, die Infektion mit einem KI-Modell-Workflow auf dem eigenen Rechner erkannt und anschließend deaktiviert zu haben. Solche Einzelfälle sind kein Beweis für die Wirksamkeit von „KI als Security-Tool“ im Allgemeinen, zeigen aber, wie wichtig es ist, dass Security-Teams die Endpunktlage unabhängig von der App-Nutzung betrachten und nicht nur den Dienst selbst überwachen.
Die Tragweite reicht über die reine Abrechnung hinaus. Moderne KI-Assistenten-Konten tragen zunehmend mehr Kontext als nur Textchats: Gesprächsverläufe, hochgeladene Dokumente, angebundene Datenquellen und in Entwicklerkonfigurationen teils auch API-Keys sowie Zugriff auf Repositories. Wenn ein Angreifer eine Sitzung kapert, erbt er damit oft auch genau die Rechte, die das Konto im Browser oder im Entwickler-Setup bereitstellt. Für Organisationen, die KI-Tools eingeführt haben, ohne sie konsequent in Identity- und Access-Management-Prozesse einzubinden, entsteht dadurch eine „Sitzungs-Asset“-Lücke: Ein hochwertiges Token liegt im Endpunkt, oft außerhalb der klassischen Kontrollen für unternehmensweite SaaS-Umgebungen.
Als Leitlinie nennt Anthropic im Kern das Standardvorgehen bei Infostealern: Zugangsdaten für jeden Dienst, der über die betroffene Maschine genutzt wurde, ändern, aktive Sessions widerrufen und die Malware tatsächlich entfernen, weil ein reines Abmelden die Infektion nicht stoppt, die beim nächsten Login erneut Daten einsammelt. Auf regulatorischer Ebene gibt es laut der Darstellung noch keinen konkreten, bestätigten Vorfall beim Anbieter selbst und auch keinen Hinweis auf eine ausgelöste Offenlegungspflicht. Trotzdem zeigt der Fall, warum Standards und Aufsichten derzeit an Rahmenbedingungen für die Sicherheit von KI-Systemen arbeiten: Wenn die schwächste Stelle im Betrieb ein ungemanagter Endpunkt ist, helfen selbst gut konfigurierte KI-Modelle und Plattformen nur begrenzt gegen Angriffe, die auf Session-Schlüssel statt auf Modellzugriffe zielen.
Für die Praxis bedeutet das eine klare Prioritätenverschiebung. Unternehmen sollten Session-Risiken als Teil ihres Threat Models behandeln: durch stärker überwachte Login- und Nutzungsmuster, durch konsequentes Ausrollen von Endpunkt-Schutz auf den Geräteflotten und durch eine saubere Trennung von Rechten zwischen Nutzerprofilen und Entwicklerzugängen. Gleichzeitig lohnt es sich, die KI-Nutzung so zu gestalten, dass sensible Inhalte und Tokens nicht unkontrolliert im Browser- oder Credential-Umfeld landen. Genau dort, wo Infostealer „kleine“ lokale Datenabflüsse in große Kontoprivilegien verwandeln, entscheidet sich künftig, wie robust KI-Setups gegen reale Angriffe sind.
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