LONDON (IT BOLTWISE) – Das Abkommen zwischen den USA und dem Iran lässt ein Kriegsende und damit eine schrittweise Entlastung an den Energiemärkten erwarten. Mit wieder anlaufenden Transportwegen in der Straße von Hormus könnten Rohöl- und Gaspreise mittelfristig nachgeben und die Kaufkraft stützen. Gleichzeitig bleibt die wirtschaftliche Wirkung zeitverzögert, weil beschädigte Förder- und Transportkapazitäten sowie Minenräumung und alternative Routen das Tempo bestimmen. Experten verweisen zudem darauf, dass für den Welthandel nicht nur Hormus, sondern auch das Rote Meer als Engpass wirkt.

Iran-Abkommen: Mögliche Entspannung für Öl, Gas und Konjunktur in Deutschland
Iran-Abkommen: Mögliche Entspannung für Öl, Gas und Konjunktur in Deutschland (Foto: IT BOLTWISE)
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Die erhoffte Trendwende nach dem Iran-Krieg wird erstmals wieder konkret greifbar: Mit dem Abkommen zwischen den USA und dem Iran rückt die Option eines Kriegsendes in den Fokus, und damit auch die Frage, wie schnell sich Versorgungslage und Preise in Europa normalisieren könnten. Für viele Volkswirtschaften wirkt der Energiemarkt dabei wie ein schneller Stimmungsbarometer, weil sich Änderungen in Förderquoten, Transportwegen und Versicherungsprämien unmittelbar in den Endpreisen niederschlagen. In Asien zeigten sich die Börsen bereits erleichtert, während der Ölpreis nachgab und damit Erwartungen an einen Rückgang der Inflationsdynamik befeuerte.

Volkswirtschaftlich ist der Mechanismus relativ klar, allerdings selten sofort: Fällt das Risiko in einer Region, sinken typischerweise zunächst Weltmarktpreise für Rohöl und Erdgas. Genau das nennt auch der Konjunkturforscher Timo Wollmershäuser vom Münchner Ifo-Institut als ersten Effekt. Dadurch würden Inflationsraten kurzfristig entlastet und Verbraucher wieder mehr reale Kaufkraft zurückgewinnen. Gleichzeitig beobachtet die Marktseite meist einen „Zinsanker“-Effekt: Entspannung bei Energiepreisen kann die Erwartung weiterer Leitzinsanhebungen dämpfen, weil die geldpolitische Reaktionsfunktion weniger auf Inflationsbekämpfung fokussieren muss.

Technisch und operativ ist der Weg zurück zur Normalität jedoch komplexer als die Schlagzeilen vermuten lassen. Wollmershäuser weist darauf hin, dass beschädigte Produktionsstätten zunächst nicht vollständig auf das Vorkriegsniveau hochfahren dürften. In der Praxis bedeutet das: Auch wenn die politische Lage sich verbessert, dauert es, bis Fördermengen, Verarbeitungskapazitäten und Vorprodukte wieder in stabilen Mengen verfügbar sind. Für die Industrie kommt hinzu, dass Lieferketten selten nur „eine Schraube“ haben: selbst wenn Rohstoffe verfügbar werden, müssen Transport, Umschlag, Lagerbestände und Vertragsstrukturen neu synchronisiert werden. Der Effekt auf Energiepreise kann sich deshalb strecken statt sprunghaft auszufallen.

Beim Benzin und anderen Treibstoffen verschärft sich die zeitliche Verzögerung zusätzlich durch Marktregeln und Infrastruktur. Während die Bundesregierung vor allem wegen des schnellen Anstiegs der Spritpreise unter politischen Druck geriet, wurden zeitlich befristete Entlastungsmaßnahmen beschlossen, darunter eine Obergrenze für Preiserhöhungen pro Tankstelle und ein Tankrabatt. Solche Eingriffe ändern nicht die physikalische Verfügbarkeit von Kraftstoff, aber sie verschieben die Preisdurchsetzung im Einzelhandel. Branchenkenner wie ein ADAC-Sprecher machen zugleich deutlich: Selbst bei besserer Befahrbarkeit in der Straße von Hormus wirkt das nicht automatisch als Direktzugriff auf das Vorkriegsniveau, weil auch Infrastruktur in Mitleidenschaft geraten kann und Lieferprozesse erst „re-triggert“ werden müssen.

Ein zentraler technischer Engpass ist die Sicherheit im Seeverkehr. Experten gehen davon aus, dass der Iran Teile der Straße von Hormus vermint hat; wie viele Sprengsätze tatsächlich vorhanden sind, ist unklar. Für die Schifffahrt reicht diese Unsicherheit allein, um Routen zu meiden oder nur mit erhöhter Begleit- und Versicherungslogistik zu fahren. Entsprechend braucht es zunächst Minenräumungseinsätze; erst danach ist eine Rückkehr zum Normalbetrieb realistisch. In der Zwischenzeit könnten zusätzliche Maßnahmen wie militärisches Geleit den Durchfluss stabilisieren, doch gleichzeitig gilt: Viele Schiffe sind nach Monaten Krieg schlicht an andere Standorte gebunden oder auf andere Routen umgeleitet worden. Eine „Ramp-up“-Phase ist daher wahrscheinlich.

Hinzu kommt, dass Lieferketten in globalen Seeschifffahrtsnetzen wie ein System aus Wechselwirkungen funktionieren. Ein wichtiger Analyseschritt kommt aus der Perspektive des dänischen Schifffahrtsexperten Lars Jensen: Für den Containerverkehr sei nicht primär Hormus entscheidend, sondern die Krise im Roten Meer. Viele Reedereien fahren seit dem Herbst 2023 nicht mehr über Rotes Meer und Suez, sondern nehmen längere Wege um das Kap der Guten Hoffnung. Das führt zu knapperer Kapazität, höheren Raten und damit insgesamt höheren Transportkosten. Jensen argumentiert, dass eine Entspannung im Hormus-Kontext sogar indirekt dazu beitragen kann, auch im Roten Meer wieder Optionen zu schaffen, was eine Kapazitätsfreisetzung und damit marktseitig eine Wende vom Kapazitätsmangel Richtung Überangebot begünstigen könnte.

Während Energie und Logistik also an mehreren Stellen zugleich wirken, zeigt der Kapitalmarkt bislang erstaunliche Resistenz. Ein Sektor, der vom Iran-Krieg bisher weniger stark belastet wurde, sind die internationalen Aktienmärkte: In den USA steht der S&P 500 über dem Niveau vor Kriegsbeginn. Der deutsche DAX wurde zwar spürbarer getroffen, hat sich jedoch seit Ende Februar beziehungsweise Anfang des beschriebenen Zeitraums wieder erholt. Experten ordnen diese Entwicklung häufig weniger „Kriegsende“-getrieben ein als vielmehr durch Bewertungs- und Erwartungsmanagement: Investoren preisen zwar Risiken ein, reagieren aber zugleich auf makroökonomische Chancen. Für die Frankfurter Börse hebt die DZ-Bank-Analystin Birgit Henseler vor allem große Industriekonzerne als Wachstumstreiber hervor, die zusätzlich von großen fiskalischen Programmen profitiert haben.

Auch für die Konjunktur bleibt die Lage deshalb zweigeteilt. Deutschland sollte dank eines 500-Milliarden-Euro-Schuldenpakets in diesem Jahr eigentlich moderat wachsen, doch nach Kriegsbeginn wurde die Prognose deutlich reduziert, unter anderem auf etwa 0,5 Prozent. Für 2027 bleiben die Aussichten verhalten, während die Wirtschaftsweisen ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts in der Größenordnung von 0,8 Prozent erwarten. Selbst wenn das Ende des Kriegs Energiepreise und Zinsen entlastet, verschwinden die strukturellen Belastungen nicht automatisch: steigende Sozialabgaben, hohe Energiepreise als Dauerproblem und Bürokratie wirken wie Bremsklötze, die politische Rahmenbedingungen in der Industrie über Jahre prägen. Deshalb dürfte ein „Bergauf“ eher stufenweise als abrupt eintreten.

Für Unternehmen ergibt sich daraus ein klarer Blick auf die nächsten Monate: Wer von sinkenden Energie- und Transportkosten profitieren will, muss gleichzeitig Lieferketten, Preisformeln und Risiko-Backoff-Strategien neu ausbalancieren. Operativ kann das etwa bedeuten, Transport- und Versicherungslogiken für alternative Routen (Suez-Umfahrung versus potenziell wieder offene Passage) flexibler zu gestalten. Strategisch gewinnt zudem Compliance: Bei internationalen Lieferungen bleibt die Gefahr von Sanktions- und Handelsrisiken bestehen, sodass Sorgfaltspflichten, Embargoprüfungen und Dokumentationsketten in der Einkaufspraxis besonders relevant bleiben. Wettbewerber in der Schifffahrt wie große Betreiber (beispielsweise Maersk oder MSC) haben in den vergangenen Monaten gezeigt, wie schnell sich Routings und Kapazitätszusagen umstellen lassen—dieser Erfahrungsvorsprung kann in einer Phase der Re-Routings weiter wirken.

In der Zukunft dürfte die entscheidende Frage weniger sein, ob sich Märkte „beruhigen“, sondern wie schnell sich physische Abläufe wieder synchronisieren. Bei Hormus hängt das Tempo an Minenräumung, neuen Sicherheitsfreigaben und dem Wiederauffüllen der Schiffsketten: Selbst eine Rückkehr zum Normalbetrieb mit grob 100 bis 150 Schiffen pro Tag wäre eher ein Prozess als ein Schalter. Gleichzeitig bestimmt im Hintergrund das Rote Meer, wie stark Kapazitäten insgesamt bleiben oder wieder verfügbar werden. Hält das Abkommen, könnten sich Preise für Energie und Vorprodukte mittelfristig stabilisieren, was Investitionen erleichtert und die Finanzierungskosten indirekt senkt. Kommt es jedoch zu Verzögerungen oder erneuten Konflikten, bleibt die Volatilität bestehen—für Unternehmen wäre dann vor allem ein resilienter Plan für Lieferfähigkeit und Kostenentwicklung der Unterschied zwischen bloßer Hoffnung und belastbarem Wachstum.


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