LONDON (IT BOLTWISE) – Der KI-Cloud-Umstieg von Iren gewinnt messbar an Tempo, während das Unternehmen den Anteil aus dem Bitcoin-Mining schrittweise reduziert. Für 2025 meldet Iren einen deutlichen Sprung bei den Umsätzen aus KI-Cloud-Services: nahezu achtmal höher als im Vorjahr. Gleichzeitig berichtet das Unternehmen erneut von Nettoverlusten, weil Investitionen in Rechenzentrums-Kapazitäten und Rückbau von Mining-Hardware Kapital binden. Analysten wie Richard Choe von JPMorgan Chase sehen darin eine neue Phase mit potenzieller Kurschance.

Der Markt für KI-Compute ist in Bewegung – nicht nur wegen steigender Nachfrage nach Rechenleistung, sondern auch wegen unterschiedlicher Geschäftsmodelle, die diese Kapazität finanzieren sollen. CoreWeave hat sich als Anbieter von Cloud-Compute früh Aufmerksamkeit gesichert, doch jetzt rückt ein Wettbewerber in den Fokus, der einen ungewöhnlichen Weg einschlägt: Iren kommt aus dem Umfeld des Bitcoin-Minings und lenkt Ressourcen gezielt in Infrastruktur um, die für KI-Entwickler und deren Workloads geeignet sein soll. Entscheidend ist dabei weniger die Schlagzeile als die Mechanik dahinter: Iren versucht, aus einer historisch stabilen Cash-Quelle eine wiederkehrende Einnahmebasis im KI-Cloud-Betrieb zu machen.
Technisch betrachtet bedeutet der Wechsel von Mining zu KI-Cloud vor allem, dass Rechenleistung anders gebündelt und betrieben werden muss. Bitcoin-Mining ist zwar ebenfalls Compute-lastig, aber die Workloads und betriebliche Auslegung unterscheiden sich von dem, was moderne KI-Labore brauchen: häufig anspruchsvolle GPU-lastige Trainings- und Inferenzphasen, kurze Bereitstellungszeiten und ein Setup, das mit wachsendem Bedarf skaliert werden kann. Iren hat dafür schrittweise seine Mining-Einnahmen in Infrastrukturprogramme umgeschichtet. In der jüngsten Berichtsperiode kam noch knapp die Hälfte der Einnahmen aus dem Bitcoin-Mining; im Quartal zuvor lag der Anteil sogar bei mehr als 75%. Genau diese fallende Abhängigkeit ist der Kern des „Inflektionspunkts“, den viele Marktteilnehmer gerade beobachten.
Mit Blick auf die Zahlen wird der Strategiewechsel konkret. Für das gesamte Geschäftsjahr meldet Iren, dass der Umsatz mit KI-Cloud-Services im Vergleich zu 2025 nahezu achtmal höher ausfiel. Gleichzeitig treten in der Bilanz aber auch die unmittelbaren Kosten des Umbaus zutage: Iren berichtet erneut über Nettoverluste, unter anderem aufgrund von Platform-Investments sowie Cash-Impairments im Zusammenhang mit dem Decommissioning von Bitcoin-Hardware und dem Ausbau der Cloud-Services. Diese Kombination ist für den Übergang typisch, weil Rechenkapazitäten nicht nur aufgebaut, sondern auch in einem kontrollierten Maß umgestellt werden müssen – die Kosten fallen dabei häufig früher an als die Erträge aus der neuen Nutzung.
Während das Unternehmen intern in Infrastruktur investiert, drehen externe Bewertungsmodelle und Zielkorridore nach. So hat JPMorgan Chase laut der im Markt zirkulierenden Analystenkommunikation die Einschätzung für Iren angehoben: Der Analyst Richard Choe stufte das Papier von einer „sell equivalent“-Bewertung auf „buy“ hoch und setzte ein neues Kursziel von $65 statt $46. Das entspricht in der genannten Herleitung etwa rund 50% Upside im Vergleich zu den Niveaus vom 18. September. Als Begründung wird unter anderem genannt, dass Iren bei der Akquise neuer Kunden an Zugkraft gewinnt und dass eine strategische Zusammenarbeit mit NVIDIA die Glaubwürdigkeit der KI-Cloud-Positionierung stärken könne; als operatives Indiz wird außerdem angeführt, dass der KI-Cloud-Umsatz über die letzten zwei Quartale mehr als verdoppelt wurde.
Für das Wettbewerbsumfeld liegt die eigentliche Spannung darin, wie schnell Iren die Umstellung auf eine primär KI-getriebene Auslastung durchzieht. Analysten spekulieren demnach, dass der vollständige Rückzug aus dem Bitcoin-Mining noch bis Ende des Jahrzehnts dauern könnte. Der Aktienmarkt dürfte in diesem Szenario weniger eine einzelne Quartalsmeldung „handeln“, sondern eher die Progression der Roadmap: sinkender Mining-Anteil, steigender Anteil KI-Cloud-Umsätze und ein stabileres Verhältnis zwischen Investitionsphase und Skalierungseffekten. Für Anbieter im „neocloud“-Segment bedeutet das, dass Preismodelle und Service-Level zunehmend in Richtung spezialisierter KI-Workloads ausgerichtet werden müssen – sonst bleiben die Kapazitäten zwar verfügbar, aber nicht wirtschaftlich.
Für Entscheider in Unternehmen, die KI-Trainings oder Inferenz langfristig einkaufen, verschiebt sich damit auch die Beschaffungslogik. Wer Compute direkt nutzt oder über Plattformen konsumiert, schaut zunehmend darauf, ob ein Anbieter die Hardware- und Betriebsumstellung konsistent hinbekommt: Wie schnell kann zusätzliche Kapazität bereitgestellt werden? Wie reibungslos lässt sich die Auslastung von wechselnden Workload-Profilen abdecken? Und vor allem: Wie robust ist das Geschäftsmodell gegen Schwankungen in anderen Märkten, etwa wenn Mining-Ökonomien sich ändern. Iren zeigt in diesem Sinne ein klassisches Übergangsschema – mit Verlustphase und investitionsgetriebenem Umbau – und genau daran wird sich ablesen lassen, ob die „Konkurrenz“ CoreWeave nicht nur im Pitch, sondern auch in der realen KI-Cloud-Nachfrage spürbar wird.
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