HALLE / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Analyse des IWH warnt vor einem deutlichen Rückgang der Beschäftigten in Sachsen-Anhalt bis 2031. Bei einer migrationskritischen Ausrichtung könnten dem Land bis zu 46.000 Arbeitskräfte fehlen, was 14.000 mehr wären als bei Fortsetzung der bisherigen Politik. Daraus leitet das Institut potenzielle Einbußen von bis zu 3,2 Milliarden Euro an Wertschöpfung ab. Besonders betroffen sieht die Studie Branchen wie Gastronomie, Tiefbau, Logistik sowie Human- und Zahnmedizin.

In Sachsen-Anhalt verdichten sich die Hinweise, dass Arbeitskräftethemen in den kommenden Jahren nicht nur als personalpolitische Dauerbaustelle auftreten, sondern die wirtschaftliche Substanz direkt treffen. Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Halle (IWH) kommt in einer Analyse zu dem Schluss, dass eine migrationskritische Politik die Lage am Arbeitsmarkt spürbar verschärfen könnte. Konkret nennt das Institut eine Größenordnung von bis zu 46.000 fehlenden Beschäftigten bis 2031. Das wären 14.000 mehr als bei einer Fortsetzung der bisherigen Politik. In derselben Modellierung steht zudem ein potenzieller Verlust von bis zu 3,2 Milliarden Euro an Wertschöpfung im Raum.
Für die Einordnung ist wichtig, dass die Studie nicht bei der rein quantitativen Betrachtung stehen bleibt. Laut IWH-Präsident Reint Gropp würde eine fremdenfeindliche Politik die Arbeitskräfteknappheit in Sachsen-Anhalt deutlich verschärfen, mit der Folge eines spürbaren Wohlstandsverlusts. Der Befund passt zu einer strukturell schwierigen Ausgangslage: Sachsen-Anhalt verfügt bereits über eine der ältesten Beschäftigtenstrukturen Deutschlands. Außerdem sei der Ausländeranteil bei sozialversicherungspflichtig Beschäftigten bundesweit unter den niedrigsten. Gerade diese Kombination macht deutlich, warum politische Entscheidungen rund um Zuwanderung in solchen Regionen oft eine größere Hebelwirkung entfalten als auf dem nationalen Durchschnitt.
Technisch betrachtet lässt sich der Kern der IWH-Argumentation als Arbeitsmarkt-„Engpassmodell“ lesen: Wenn die verfügbare Arbeitskraftbasis sinkt und die Rekrutierung aus dem In- und Ausland gleichzeitig langsamer läuft, wächst die Wahrscheinlichkeit, dass bestimmte Tätigkeiten nicht mehr im benötigten Umfang besetzt werden können. Das IWH ordnet dafür vor allem Branchen als besonders betroffen ein, in denen hoher Ausländeranteil und Arbeitskräfteengpass gleichzeitig auftreten. Genannt werden etwa Gastronomie, Tiefbau und Logistik, aber auch die Human- und Zahnmedizin. Die Studie macht diese Richtung mit einer zugespitzten Aussage sichtbar: Jeder fünfte Arzt in Sachsen-Anhalt sei Ausländer. Damit verschiebt sich die Diskussion weg von abstrakten Prognosen hin zu konkreten Versorgungs- und Produktionsketten, die auf planbare Personalverfügbarkeit angewiesen sind.
Für Unternehmen, die in solchen Regionen investieren oder expandieren wollen, hat die Analyse auch eine Systemwirkung auf Produktivität und Organisation. Selbst bei einer Fortsetzung der bisherigen Politik, so die Wirtschaftsforscher, lässt sich der Abgang von 61.000 Beschäftigten bis 2031 aus dem Arbeitsmarkt nicht vollständig ausgleichen. Das Institut spricht davon, dass man den Effekt höchstens dämpfen könne. Praktisch heißt das: Unternehmen müssen sich früher als üblich auf niedrigere Kandidatenzahlen, längere Besetzungszeiten und stärker schwankende Verfügbarkeiten einstellen. Entsprechend rücken Fragen wie Schichtplanung, Qualifizierungsdauer und die Gestaltung von Arbeitsprozessen stärker in den Mittelpunkt – insbesondere dort, wo Fachkräfte nicht kurzfristig ersetzt werden können, etwa im Gesundheitswesen oder in handwerklich geprägten Gewerken.
Auch der Weg, wie das IWH zu seiner Modellierung kommt, ist für das Verständnis der Aussagekraft entscheidend. Das Institut verknüpft die Brexit-Folgen im Vereinigten Königreich, das Erstarken rechtsnationaler Kräfte in Italien sowie den seit 2023 von der AfD regierten thüringischen Landkreis Sonneberg mit den Entwicklungen am Arbeitsmarkt. In allen genannten Fällen sei die Zuwanderung um mindestens ein Drittel bis zwei Drittel zurückgegangen. Das IWH stellt darüber hinaus klar: Eine „Rückkehr von Ausgewanderten bzw. ein Umzug von Einheimischen“ lasse sich in keinem der Fälle belegen. Damit wirkt der Effekt nicht wie eine bloße Verlagerung innerhalb eines geschlossenen Systems, sondern eher wie ein Abfluss an Arbeitsangebot.
Die bevorstehende Wahl am 6. September in Sachsen-Anhalt bildet den politischen Rahmen, in dem die Studie offenbar gezielt diskutiert wird. Umfragen stufen die AfD im Land als gesichert rechtsextrem ein; sie gilt demnach mit deutlichem Vorsprung als stärkste Kraft. Für den Markt bedeutet das nicht automatisch, dass alle Unternehmen ihre Strategien sofort komplett umstellen müssen. Aber es erhöht den Planungsdruck: Wenn Zuwanderung und Integration als stabilisierender Faktor am Arbeitsmarkt entfallen, geraten Rekrutierungs- und Qualifizierungspipelines schneller unter Stress. Das betrifft nicht nur Personalabteilungen, sondern auch IT- und Prozessverantwortliche, die Personaleinsatzplanung, Wissensmanagement und Ausbildungslogistik in digitalen Workflows abbilden, damit Skill-Lücken nicht in Produktionsausfälle umschlagen.
Ein besonders relevanter Aspekt ist dabei, wie Integration im IWH-Modell wirkt. Laut Gropp habe zu einem erheblichen Teil die Integration von Geflüchteten den Arbeitsmarkt stabilisiert. Das wirkt wie eine Art Puffer: In Zeiten demografischer Alterung kann Zuwanderung zwar kurzfristig zusätzlichen Anpassungsaufwand bedeuten, mittel- bis langfristig jedoch die Lücke beim Arbeitsangebot schließen. Wenn dieser Puffer wegfällt oder deutlich schrumpft, verschiebt sich das Verhältnis von verfügbaren Bewerbern zu offenen Stellen rascher. Für Betriebe folgt daraus ein doppelter Handlungsbedarf: erstens, Integrations- und Qualifizierungswege systematisch zu unterstützen, und zweitens, Arbeitsprozesse so zu strukturieren, dass sie auch mit wechselnder Qualifikationsverteilung funktionieren.
Am Ende steht damit eine ökonomische Kernbotschaft, die sich auch auf Technologieentscheidungen übertragen lässt: In Regionen mit knapper werdenden Arbeitskräften gewinnt jede Form von Prozessstabilisierung an Bedeutung. Das kann bedeuten, dass Unternehmen stärker in Automatisierung und KI-gestützte Assistenzsysteme investieren, um Tätigkeiten mit hoher Personalbindung zu reduzieren oder Wissensarbeit besser zu standardisieren. Wichtig ist jedoch, dass solche Maßnahmen die Personalengpässe nicht „wegzaubern“, sondern die Zeit, bis neue Fachkräfte nachrücken, überbrücken müssen. Die IWH-Zahlen – bis zu 46.000 fehlende Beschäftigte und bis zu 3,2 Milliarden Euro potenzieller Wertschöpfungsverlust bis 2031 – liefern dafür einen klaren wirtschaftlichen Maßstab: Wer früh plant, sichert Investitionsfähigkeit; wer abwartet, riskiert Engpasskosten, die sich später kaum noch mit kurzfristigen Rekrutierungskampagnen ausgleichen lassen.
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