HO-CHI-MINH-STADT / LONDON (IT BOLTWISE) – JICA+ macht aus vietnamesischer Maniokwurzel ein laktosefreies, fermentiertes Probiotik-Getränk. Das Projekt nutzt kontrollierte Fermentation mit Lactiplantibacillus plantarum und optimiert dabei gezielt den GABA-Gehalt während des Prozesses. Grundlage sind sowohl ein auf die Magen-Darm-Passage ausgelegter Mikroorganismen-Stamm als auch sensorische Tests mit 80 Zielpersonen. Für die Markteinführung planen die sechs Studentinnen und Studenten eine schrittweise Rollout-Strategie bis 2029.

JICA+ zeigt, wie sich aus einem klassischen Agrarrohstoff eine funktionelle Lebensmitteltechnologie entwickeln lässt, ohne auf Milchprodukte als Basis angewiesen zu sein. Im Zentrum steht ein fermentiertes Getränk aus vietnamesischer Maniok, das mit kontrollierter Fermentationstechnologie hergestellt wird. Als Kernelement nennt das Projekt den Einsatz des nützlichen Stamms Lactiplantibacillus plantarum, der die Basis für ein pflanzenbasiertes Probiotikum bildet. Damit adressiert JICA+ vor allem Menschen, die Milchprodukte zwar in ihrer täglichen Probiotik-Routine nicht (oder nicht gut) vertragen, aber dennoch eine ergänzende Versorgung anstreben.
Technisch beginnt der Ansatz mit dem direkten Ankauf von Maniokknollen bei Bauern und geht dann in eine mehrstufige Vorverarbeitung über, bevor die Fermentation startet. Das Team arbeitet dabei nicht nur „irgendwie“ mit Milchsäurebakterien, sondern verfolgt während der Fermentation messbare Prozessgrößen. Besonders hervor sticht die optimale Steuerung des GABA-Gehalts (Gamma-Aminobuttersäure): Die Gruppe untersuchte Fermentationsstadien, überwachte die zeitliche Entwicklung des GABA und definierte den Zeitpunkt, an dem der Prozess abgebrochen werden soll. Zusätzlich entwickelte sie einen Mikroorganismen-Stamm mit dem Ziel, die Überlebensrate beim Durchqueren des sauren Milieus des Magens zu verbessern und damit die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass nützliche Bakterien im Darm ihre Wirkung entfalten.
Eine zweite Säule bildet die Frage, warum gerade Maniok als Substrat ausgewählt wurde. Maniok ist reich an Stärke, darunter auch resistente Stärke, die im Dünndarm nicht vollständig verdaut wird. Dadurch gelangt sie direkt in den Dickdarm, wo sie für die dort ansässigen Bakterien als Nahrung dient und die Entstehung kurzkettiger Fettsäuren (SCFAs) begünstigen kann. Ergänzt wird das Konzept durch das „Training“ der Starterkultur: Das Team kontrolliert Substrat- und Starterkultur-Verhältnisse, Temperatur, pH-Wert und Fermentationszeit, um die Biosynthese von GABA zu optimieren. Der biochemische Mechanismus wird im Projektkontext über Enzymaktivitäten rund um Glutamatdecarboxylase erläutert, die während der Fermentation in die Bildung von GABA münden kann.
Damit positioniert sich JICA+ klar abseits typischer Marktprodukte, die häufig auf Milch oder Joghurt basieren und damit für Menschen mit Laktoseintoleranz nur eingeschränkt passen. In der Produktidee wird dagegen ein System aus pflanzenbasierten probiotischen Bakterien und nach der Fermentation entstehenden Postbiotika beschrieben. Die Entwicklungslogik ist dabei eng gekoppelt an die Prozesskontrolle: Durch geeignete Fermentationsbedingungen soll JICA+ einen natürlich süß-sauren Geschmack erreichen, den Kohlensäuregehalt niedrig halten und die lebensfähigen Bakterien erhalten. Das Ergebnis wird als Getränk beschrieben, das sowohl geschmacklich als auch mit Blick auf die Verdauungsgesundheit überzeugen soll.
Bevor es in Richtung Markteinführung geht, verankert das Team seine Entwicklung im „Proof-of-Concept“ über Sensorik. Nach Abschluss der Fermentationsformel führte es sensorische Befragungen mit 80 Personen aus der Zielgruppe durch. Dabei bewerteten 73 % das Produkt als leicht trinkbar, und 89 % lobten das Aroma als angenehm. Diese Daten sollen als erste Basis dienen, um die Nutzerakzeptanz einzuschätzen, bevor anschließend Haltbarkeitstests folgen und das Produkt weiter gegen Leistungsindikatoren mit dem beabsichtigten Informationspaket abgeglichen wird.
Parallel zur Rezeptur arbeitet JICA+ an der Skalierung über Technologie- und Testpfade. Das Projekt nennt Qualitätsprüfungen als entscheidenden Schritt vor der Markteinführung: Das Getränk soll in spezialisierten Einrichtungen getestet werden, damit die Testergebnisse mit den Inhaltsstoffen und den geplanten Veröffentlichungsangaben zusammenpassen. Für den Rollout plant die Gruppe einen Dreijahresplan von 2027 bis 2029. Im ersten Jahr sollen vor allem Genehmigungen für den legalen Verkauf beantragt und erhalten werden, verteilt über E-Commerce-Plattformen wie TikTok Shop, Messen und Universitäten in Ho-Chi-Minh-Stadt. Im zweiten Jahr sollen moderne Vertriebskanäle wie Circle K und WinMart sowie weitere Händler in Ho-Chi-Minh-Stadt und benachbarten Provinzen erschlossen werden. Im dritten Jahr geht es dann um B2B-Märkte und um die Übertragung der Fermentationsmethoden auf weitere landwirtschaftliche Produkte wie Ananas und Äpfel.
Dass JICA+ bereits den zweiten Platz beim InnoStart 2026 Demo Day-Wettbewerb belegt hat, unterstreicht den Entwicklervorsprung aus dem studentischen Umfeld: Das Projekt verbindet Rohstofflogik, mikrobiologische Prozesssteuerung und erste Marktvalidierung in einem Paket. Für Unternehmen und andere Teams im Food-Tech-Umfeld ist dabei weniger der „Snack-Charakter“ interessant als die technische Kette: von Stammselektion über Prozessparameter bis hin zu messbaren Inhaltsstoffzielen wie GABA und zu Akzeptanzkennzahlen aus Zielgruppen-Tests. Entscheidend wird nun, ob sich die im Labor beschriebene Prozessstabilität auch unter realen Produktions- und Lagerbedingungen hält und ob die geplanten Qualitäts- und Sicherheitsnachweise den Weg für eine breite Vermarktung ebnen.
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