OPELIKA / LONDON (IT BOLTWISE) – Der ehemalige NASA-Astronaut Jim Voss erzählt, wie ihn science fiction und Sport in Opelika auf den Weg in den aktiven Raumfahrtbetrieb gebracht haben. Im Gespräch beschreibt er, warum die Shuttle-Trainings bis zum Start mit Hilfe von Simulatoren so nah an der Realität waren. Später zeigt er den Kontrast zur Alltagstaktung der Internationalen Raumstation mit Routine-Operationen statt ständiger Höchstbelastung. Außerdem geht es um die Perspektive durch die Fenster, die Bedeutung der Mikrogravitation und darum, weshalb viele Forschungsergebnisse erst schrittweise Wirkung entfalten.

Wer sich die Raumfahrt nur als Abfolge spektakulärer Höhepunkte vorstellt, bekommt im Gespräch mit dem ehemaligen NASA-Astronauten Jim Voss ein anderes Bild. Voss, der aus Opelika in Alabama stammt, beschreibt zunächst nicht die Technik im luftleeren Raum, sondern den Weg dahin: als Kind, Jugendlicher und später als Soldat, der über eine konkrete Bewerbungsoption zum Astronautenprogramm gefunden habe. Bemerkenswert ist dabei der Einstieg über die Vorstellungskraft: Voss sagt, er habe vor allem Science-Fiction gelesen, darunter auch Werke von Isaac Asimov, und er habe sich schon als junger Mensch für Geschichten interessiert, die Menschen ins All bringen. Gleichzeitig benennt er einen persönlichen Hinderungsgrund, der später zu einem Türöffner wurde: Er habe keine „perfekten Augen“ gehabt, bis NASA das Bewerberfeld für Rollen wie den Mission Specialist öffnete, die das Flugzeug nicht selbst pilotieren, aber im Orbit essenzielle Aufgaben übernehmen.
Damit verschiebt sich der Fokus von der Legende „Astronaut wird man, weil man alles perfekt kann“ hin zu einem Prozess, in dem Auswahl, Training und Teamfähigkeit zusammenspielen. Voss erinnert sich, wie sich seine Bewerbung über mehrere Jahre und Zyklen hinweg verbessert habe und warum der Interviewprozess weniger als ein reines Faktenquiz funktionierte. Er schildert, dass die Auswahlgremien vor allem auf Reaktionen unter Druck, auf den Umgang mit Fragen und auf Interaktion geachtet hätten. Ausgerechnet in diesem Kontext fällt eine Episode, die die Grenze zwischen Routine und Psychologie im Auswahlprozess sichtbar macht: Als ein Gremium ihn nach seinen Schulaktivitäten befragt habe, sei er zunächst mit vielen Punkten „durchgerattert“ und dann bei „Slide-Rule-Club“ gelandet. Die Rückmeldung kam nicht als Belohnung, sondern als humorvoller Stresstest; der spätere Entspannungsmoment habe schließlich darin bestanden, dass John Young, damals Kopf des Astronaut Office, eine eigene Rechenstab-Anwendung aus seinem Briefcase geholt und damit die Situation aufgelockert habe.
Für Technikinteressierte ist danach besonders der Übergang vom Shuttle hin zur Raumstation. Voss erklärt, dass NASA in der Vorbereitung bewusst mit Analogien und Simulatoren arbeitet: Bis zur Zündung der Triebwerke passe das Training dem Gefühl nach sehr gut zur späteren Realität. Er beschreibt einen motion-basierten Simulator, der den Körperzustand bereits vor dem tatsächlichen Start simuliert, inklusive einer Bewegung, die dem „Aufrichten“ am Pad nahekommt. Der wesentliche Unterschied sei dann nicht die Abfolge der Handgriffe, sondern die Sensorik: Beim realen Start gebe es eine Geräuschkulisse und eine mechanische Erschütterung, die sich am Boden nicht vollständig nachbauen lasse. Dazu kommt ein weiterer Punkt, den man in populären Beschreibungen oft übersieht: Nach dem ersten Flug hätten sich viele Eindrücke nicht „unbedingt als Freizeit“ angefühlt, weil Shuttle-Missionen sehr dicht getaktet seien. Voss betont, dass die Besatzungen den ganzen Tag über stark eingebunden waren, während spätere Flüge in Teilbereichen Zeit für anderes eröffnen konnten, auch weil manche Abläufe öffentlich weniger aufwendig waren.
Im zweiten großen Zeitfenster seiner Laufbahn geht Voss dann auf die Arbeit als zweite „full-time crew“ in der Internationalen Raumstation Expedition Two ein. Hier nennt er konkret, wie die Station damals aus mehreren Modulen zusammengesetzt gewesen sei: US Unity (als Node), die russischen Service-Strukturen sowie frühere Bauteile wie der Functional Cargo Block, der schon vor dem stetigen Aufenthalt anderer Teams eine Rolle spielte. Er ordnet außerdem die Größe der nutzbaren Bereiche ein, indem er die Module in „busgroß“ und ein kleines Zwischenstück unterteilt. Das ist praktisch, weil es zeigt, warum sich die wahrgenommene Enge im Alltag aus der Geometrie ergibt: Für drei Personen sei es grundsätzlich gut abgestimmt gewesen, während ein zusätzlich ankommendes Shuttle-Team die Räume deutlich dichter nutzbar mache. Entscheidend ist aber auch der Takt: Shuttle-Operationen seien an vielen Stellen wie ein getaktetes System geplant worden, mit Zeitfenstern im Bereich von 15 Minuten, während die Station zwar weiterhin sehr produktiv sei, aber häufiger im Modus „Installation, Check, Aktivierung“ arbeite. Voss beschreibt die Folge: Ein bis zwei intensive Tage pro Woche, dazwischen mehr Routine-Operations – mit der gleichen Zielorientierung, nur eben weniger permanentem Ausnahmezustand.
Auch die Perspektive durch die Fenster und die Frage nach dem „falschen Bild“ von Raumfahrt tauchen bei ihm als techniknahe Erklärung auf. Er erwähnt, dass es auf der Station keine einzige magische Aussicht gebe, sondern mehrere Fensterkonfigurationen mit unterschiedlichen Durchmessern: Auf US-Seite eine große Optiköffnung am US Laboratory Module und auf russischer Seite vergleichbare, dazu mehrere kleine Fenster. Gerade diese Kombination macht seinen Eindruck plausibel: Wer aus dem Orbit heraus schaut, sieht Erde nicht als „Postkarte“, sondern als Mess- und Beobachtungsumgebung, in der auch die Ausrichtung und Optik zählen. Auf die Frage, was Menschen am häufigsten falsch einschätzen, antwortet er dann nicht mit Romantik, sondern mit Forschungslogik: Viele kennen zwar „dass“ geforscht wird, aber nicht den Nutzen. Er vergleicht die Arbeit mit Laboren auf der Erde, in denen Ergebnisse nicht sofort sichtbar sind, sondern über lange Zeiträume entstehen. In der Raumstation seien aktuell ständig viele Experimente am Laufen; ein Teil wirke trivial, ein anderer könne tatsächlich in Anwendungen münden. Der Knackpunkt: Man erkenne den vollen Wert oft erst später, weil Mikrogravitation und geringe Schwerkraft Konstellationen ermöglichen, die auf der Erde nicht identisch nachgestellt werden können.
Spannend ist zudem, wie Voss das soziale Gefüge in der Raumfahrt schildert – denn auch das ist Teil der „Technik“, nur eben als Betriebs- und Teamsoftware. Als er auf die sogenannte „Dog Crew“ eingeht, macht er klar, dass Training und Kooperation nicht nur durch Formulare entstehen, sondern auch durch Wiederholung, Belohnung und Umgang mit Stress. NASA habe, so Voss, das Trainingsprinzip in eine Art Humor-Rahmen gesetzt, bei dem die Crew Hundnamen als Bindemittel bekam. Für ihn selbst wurde „Dogface“ daraus, weil sein Status als Infantry-Soldier an „Dog Face“ Soldaten erinnert habe; andere Crewmitglieder hätten Namen über persönliche Eigenschaften und Rollen erhalten. Die Episode wirkt heute wie eine Anekdote – sie erklärt aber, warum Voss die Crew-Bindung als funktional beschreibt: Wiedererkennbarkeit im Team, schnelle Absprachen und ein gemeinsamer Modus für die Zeit in Trainings und Mission. Wer später von wissenschaftlicher Forschung im All spricht, sollte diese Betriebsdimension nicht ausblenden – gerade dann nicht, wenn man versteht, dass aus vielen „kleinen Schritten“ überhaupt erst belastbare Erkenntnisse entstehen.
Am Ende bleibt ein Eindruck, der sich nicht nur auf die Biografie von Jim Voss reduziert. Seine Erzählung verbindet den Weg von Opelika über Auswahl und Training hin zu Missionsalltag und Forschungsphilosophie. Für Entscheider und Technikverantwortliche ist daran vor allem die Konsequenz interessant: Raumfahrt ist weniger „ein Tag, ein Moment“ als ein Engineering-System aus Simulatoren, Schnittstellen, Routinen und Teamkommunikation. Gleichzeitig zeigt sein Hinweis auf Mikrogravitation als Experimentierfenster, warum die Raumstation als Plattform nicht nur Prestige liefert, sondern eine langfristige Datenquelle für physikalische Effekte ist, die man terrestrisch nicht einfach nachbildet. Voss macht dabei keine Versprechen über sofortige Durchbrüche – er beschreibt eher eine Geduldstechnik: immer wieder messen, aktivieren, prüfen und aus den Ergebnissen später Nutzen ableiten.
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