LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Langzeitstudie mit fast 10.000 Frauen über 10 Jahre zeigt, dass Tee und Kaffee nicht gleich auf die Knochendichte wirken. Teetrinkerinnen wiesen beim gesamten Hüftknochen eine leicht höhere BMD auf. Bei Kaffee zeichnet sich dagegen ab, dass sehr hoher Konsum über fünf Tassen pro Tag mit niedrigerer Knochendichte zusammenhängen kann. Die Forschenden betonen zugleich, dass die Effekte moderat sind und keine großen Verhaltensänderungen im Einzelfall rechtfertigen.

Für die meisten Menschen ist Kaffee oder Tee vor allem eines: Alltag. Für die Knochengesundheit im höheren Alter könnte aber genau diese scheinbar banale Routine eine Rolle spielen. Eine Auswertung von Daten der Study of Osteoporotic Fractures, durchgeführt von Forschenden der Flinders University und veröffentlicht in Nutrients, legt nahe, dass Kaffee und Tee unterschiedliche Beziehungen zur Knochenmineraldichte (BMD) haben. Untersucht wurden dabei rund 10.000 Frauen im Alter von 65 Jahren und älter, begleitet über insgesamt zehn Jahre. Die Frage hinter der Analyse ist praktisch: BMD gilt als wichtiger Indikator, um das Osteoporose- und Frakturrisiko einzuschätzen.
Technisch betrachtet besteht der Kern der Studie aus einem langfristigen wiederholten Messdesign. Die Teilnehmenden gaben regelmäßig Auskunft darüber, wie häufig und in welcher Menge sie Kaffee und Tee tranken. Parallel dazu wurde die BMD an zwei besonders relevanten Arealen bestimmt: am Hüftbereich sowie am sogenannten femoralen Hals (femoral neck). Gerade diese Regionen hängen eng mit dem Risiko für Knochenbrüche zusammen, weil dort strukturelle Veränderungen besonders früh und klinisch relevant sichtbar werden. Zusätzlich nutzten die Forschenden fortgeschrittene Bildgebungstechniken, um Veränderungen der Knochendichte über die Zeit zu verfolgen, statt nur Momentaufnahmen zu betrachten.
Bei Tee fiel das Bild vergleichsweise klar aus. Frauen, die Tee tranken, zeigten eine leicht höhere BMD im Bereich des gesamten Hüftknochens im Vergleich zu jenen, die keinen Tee konsumierten. Der Unterschied wurde zwar als klein beschrieben, war aber statistisch signifikant. Der praktische Punkt dahinter: Schon relativ geringe Verschiebungen der BMD können sich in großen Populationen potenziell stärker auswirken, weil sich daraus rechnerisch eher weniger Frakturen ergeben. Dazu passt die Aussage von Adjunct Associate Professor Enwu Liu: „Even small improvements in bone density can translate into fewer fractures across large groups, “ wie er es im Studiensetting formuliert hat.
Bei Kaffee wird die Beziehung hingegen deutlich differenzierter. Moderater Konsum, etwa zwei bis drei Tassen pro Tag, stand in der Analyse nicht im Zusammenhang mit einer schädlichen Entwicklung der Knochengesundheit. Anders verhält es sich bei einem deutlich höheren Intake: Frauen, die mehr als fünf Tassen Kaffee am Tag tranken, wiesen eine niedrigere BMD auf. Die Studie deutet zudem auf Interaktionen mit weiteren Faktoren hin. Laut den Ergebnissen verstärkten sich die negativen Zusammenhänge bei Frauen mit höherem Alkoholkonsum über das Leben hinweg, während der potenzielle Vorteil von Tee vor allem bei Frauen mit Adipositas deutlicher hervortrat. Das unterstreicht: Die Wirkung von Getränken auf Knochenbiologie dürfte nicht isoliert funktionieren, sondern in komplexe Lebensstilmuster eingebettet sein.
Als mögliche Erklärung ordnen die Autorinnen und Autoren biochemische Mechanismen ein, die je nach Getränk unterschiedlich ausfallen. Bei Tee nennt Ryan Liu, Mitautor der Arbeit, Inhaltsstoffe wie Catechine als Kandidaten: Catechine kommen in der Teepflanze in relativ hoher Konzentration vor und könnten laut den bisherigen Studienbefunden die Knochenbildung unterstützen und den Abbau verlangsamen. Für Kaffee wird dagegen stärker der Kaffee-inhärente Anteil an Koffein diskutiert. In Laborstudien wurden demnach Effekte beschrieben, bei denen Koffein die Calciumaufnahme und den Knochenstoffwechsel stören kann; die berichteten Effekte seien allerdings klein und könnten unter Umständen durch zusätzliche Faktoren wie Milch kompensiert werden. Entscheidend ist dabei weniger die einzelne Hypothese als das Gesamtbild: Die Studie liefert Epidemiologie, die Mechanismen bleiben plausibel, aber sie sind nicht in jeder Hinsicht durch klinische Interventionsdaten abgesichert.
Wichtig ist auch, was die Forschenden nicht sagen: Die Unterschiede waren zwar statistisch auffällig, aber nicht groß genug, um im Alltag pauschal radikale Ernährungswechsel zu begründen. Associate Professor Liu macht das in den Aussagen zur Einordnung deutlich: „Our results don’t mean you need to give up coffee or start drinking tea by the gallon, “ lautet der Tenor. Gleichzeitig ergibt sich aus der Analyse ein pragmatischer Handlungsspielraum, vor allem für Gruppen, bei denen Knochenrisiken ohnehin erhöht sind. Denn die Kombination aus älterem Alter, Lebensstilfaktoren wie Alkoholkonsum und der beobachtete Unterschied bei sehr hohem Kaffeekonsum sprechen dafür, zumindest das eigene „Zuviel“ zu hinterfragen. In diesem Sinne ergänzt er, dass moderater Teekonsum eine einfache Stellschraube sein könnte, während ein sehr hoher Kaffee-Intake – insbesondere bei Frauen, die Alkohol trinken – weniger günstig ausfallen kann.
Für die Gesundheitsversorgung und das klinische Management von Osteoporose liegt der Mehrwert vor allem in der Präzisierung von Risikobildern. Selbst wenn kein einzelner Faktor den Knochenzustand allein determiniert, helfen solche Langzeitdaten, Beratung differenzierter zu machen: Nicht nur „Kaffee ja oder nein“, sondern eher „Wie viel, und in welchem Kontext“. Für Unternehmen im Gesundheits- und Ernährungsbereich bietet die Studie damit auch eine datengetriebene Grundlage für Kommunikation, etwa in Programmen zur Prävention im höheren Alter. Und für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler entsteht eine klare Anschlussfrage: Welche Mechanismen greifen bei sehr hohem Kaffeekonsum tatsächlich stärker, und lassen sich diese Effekte durch konkrete Ernährungspraktiken – etwa die Art der Zubereitung oder Begleitfaktoren – messbar verändern?
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