LONDON, ONTARIO / LONDON (IT BOLTWISE) – Kanada setzt mit neuen Fördermitteln gezielt auf eigene Trägerraketentechnologie. Nachdem die Regierung zunächst drei Unternehmen mit „Light-Lift“-Arbeiten unterstützt hat, geht die Toronto ansässige Canada Rocket Company einen Schritt weiter und entwickelt nun einen Medium-Launcher. Im Fokus stehen ein R-2-System mit Methan-Antrieb und die geplanten Tests in der Jeremy Hansen Test Facility bei London, Ontario. Damit verschiebt sich das Projekt weg von schnellen Teilschritten hin zu einer mittelfristig startfähigen, eigenständigen Startfähigkeit.

Kanada baut eigene Startindustrie: Von Light-Lift zu Medium-Launch
Kanada baut eigene Startindustrie: Von Light-Lift zu Medium-Launch (Foto: IT BOLTWISE)
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Der Ton in der kanadischen Raumfahrt hat sich spürbar gedreht: Was vor ein bis zwei Jahren vor allem als Versuch kleiner Start-up-Unternehmen nach „irgendwann könnte da etwas Spannendes passieren“ klang, wird seit den jüngsten Spannungen zwischen den USA und Kanada deutlich strategischer. Im Hintergrund steht vor allem die Bereitschaft des Staates, sich nicht länger vollständig auf US-Raketen und US-Lieferketten verlassen zu müssen. Diese Verschiebung ist nicht nur politisch, sondern wirkt sich bereits konkret auf Technologiepfade aus: Förderprogramme sollen nicht nur eine Einstiegshürde senken, sondern die Fähigkeit aufbauen, mit eigener Infrastruktur und eigenen Trägern zu starten.

Auslöser war laut der Darstellung der Regierungspolitik eine Neubewertung von Abhängigkeiten, nachdem US-seitig Zölle angedroht und auch durchgesetzt wurden. Im Frühjahr startete die kanadische Regierung daher das Programm „Launch the North“ und vergab erste Mittel an drei Firmen: NordSpace, Reaction Dynamics und Canada Rocket Company. Der erste Förderrunden-Umfang wurde mit 8,33 Mio. CAD beziffert, dabei ging es zunächst um „light lift“-fähige Raketen. Genau hier setzt Canada Rocket Company jedoch anders an: Der CEO Hugh Kolias sagt, dass ein „kleineres“ Raketenprojekt für die technische und infrastrukturelle Entkopplung kaum risikoreduzierend sei, weil ein großer Teil der Arbeit, die man in einem Light-Lift-Vorhaben tätigt, bei einem Medium-Launcher praktisch entfallen würde.

Technisch betrachtet ist der Sprung vom Light-Lift zum Medium-Launcher deshalb weniger eine Skalierungsaufgabe, sondern eher ein Programmneustart auf höherem Integrationsniveau. Die Entscheidung des Unternehmens zielt auf die Entwicklung der R-2-Rakete, die in Renderings eine entfernte Verwandtschaft zum Falcon-9-Ansatz erkennen lässt: neun methangasbetriebene Triebwerke, ein Gas-Generator-Zyklus und Landebeine als sichtbares Signal, dass die Wiederverwendung der ersten Stufe künftig eine Rolle spielen soll. Als Nutzlastziel nennt Canada Rocket Company bis zu 12,5 metrische Tonnen in den Low-Earth-Orbit. Gleichzeitig ist der Zeitplan ambitioniert: Kolias nennt 2032 als möglichen Starttermin, sofern Engineering, Bau und Testkampagnen wie geplant durchlaufen.

Für die Umsetzbarkeit ist die Frage nach Testkapazitäten entscheidend, und genau hier nimmt das Projekt in London, Ontario nun sichtbar Konturen an. Nach der Beteiligung des kanadischen Astronauten Jeremy Hansen an Artemis II, der Kanada laut Darstellung nationalen Rückenwind verschafft hat, hat das Unternehmen sein Testgelände nach ihm benannt. Am Donnerstag wurde die Etablierung der 30 Mio. US-Dollar schweren „Jeremy Hansen Test Facility“ angekündigt. Das Gelände soll auf 50 Acres liegen, die vom Greater London International Airport Authority gepachtet werden, und es sind mehrere statische Teststände vorgesehen: bis zu drei vertikale und horizontale Stands für Triebwerksprüfungen. Laut Angaben soll das Setup Triebwerke mit einer Schubkraft von mehr als 1 MN testen können; für die erste Phase peilt Kolias an, das E-1-Triebwerk etwa zwei Jahre später dort zu testen.

Dass Kanada den Aufbau einer eigenen Startfähigkeit jetzt stärker priorisiert, passt in einen größeren industriepolitischen Rahmen. Bereits früher in diesem Jahr wurde eine Defense Industrial Strategy vorgestellt, die zehn Fähigkeiten beschreibt, darunter auch „space launch“ als Priorität. Der historische Bezug ist zugleich eindeutig: In den 1959 eingeleiteten Entscheidungen wurde die Avro-Arrow-Abfangjägerentwicklung abgebrochen, seitdem habe die kanadische Luft- und Raumfahrtbranche teilweise darunter gelitten, dass Satellitenstarts meist über US-Raketen liefen. Der aktuelle Kurs ist deshalb weniger der Versuch, eine alte Lücke nachträglich zu schließen, sondern eher der Aufbau einer neuen Souveränitätskomponente. Kolias ordnet das als Chance für kanadische Industrien ein, wieder ambitioniertere Wertschöpfung aufzubauen und „core aspects“ – auch aus Sicht von Verteidigungs- und Militärbedarf – stärker selbst zu kontrollieren.

Für den Markt ist außerdem relevant, dass das Unternehmen zwar noch klein ist, aber offensichtlich skaliert: Canada Rocket Company beschäftigt rund 30 Personen. Mehrere „Rocket Scientists“ sollen von Arbeit bei internationalen Akteuren wie SpaceX, Blue Origin oder Rocket Lab nach Kanada zurückgekehrt sein. Bisher wurden 22,5 Mio. US-Dollar eingesammelt, und das Unternehmen geht jetzt mit einer Series-A-Finanzierungsrunde an die Märkte. Die Finanzierung ist dabei mehr als Unternehmenswachstum; sie entscheidet über die Frage, ob das R-2-Konzept tatsächlich in eine wiederholbare Test- und Integrationsroutine übergeht. Genau solche Routinen machen in der Praxis den Unterschied zwischen Prototypen und einem Startdienst.

Unterm Strich zeigt die Entwicklung, wie sich Raumfahrt in der Gegenwart zunehmend wie eine klassische Industrieaufgabe behandelt: weniger als einmaliges Technologieexperiment, mehr als Planbarkeit durch Infrastruktur, Fertigung, Testregime und Personal. Gleichzeitig bleibt der geopolitische Hintergrund eine offene Flanke. Dass der Raumfahrt-Prestigegewinn durch Artemis II auf dem Fundament der US-Raumfahrt entstanden ist, verändert die Stimmung zwischen den Partnern: Der Text lässt die Hoffnung anklingen, dass man trotz Spannungen gute Nachbarschaft bewahren kann. Für Unternehmen in Kanada bedeutet das konkret: Wer Trägertechnologie und Testinfrastruktur aufbaut, investiert nicht nur in einen Raketenmotor, sondern in die Fähigkeit, in späteren Beschaffungs- und Einsatzszenarien zuverlässig liefern zu können.


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