LONDON (IT BOLTWISE) – Michael Novogratz nennt Künstliche Intelligenz die größte Blase seines Lebens, rät Anlegern aber dennoch zum Einstieg in das KI-Thema. Ray Dalio sieht dagegen den Platzen-Point näher, weil die Finanzierung stark über Schulden und Zinsen getrieben werde. Zwischen beiden Positionen stehen erste Signal- und Bewertungsargumente aus dem Markt – inklusive konkreter Kursziele und einer Optionsstrategie, die Gewinne begrenzt. Der nächste Belastungstest für die Erwartungen sind die kommenden Quartalszahlen großer Technologiekonzerne und damit auch die Frage, wie zügig KI-Infrastruktur weiter ausgebaut wird.

Die Debatte wirkt wie ein Klassiker, nur dass sie diesmal im KI-Tempo stattfindet: Michael Novogratz, Gründer und Chef von Galaxy Digital, hat Künstliche Intelligenz auf dem Greenwich Economic Forum im US-Bundesstaat Connecticut als „größte Blase seines Lebens“ bezeichnet – und genau daraus doch einen entgegengesetzten Trade ableitet. Auf dem Podium warb er trotzdem dafür, nicht außen vor zu bleiben. Sein Argument folgt einer Logik, die viele Marktphasen prägt: Blasen endeten nicht daran, dass man „Blase“ sagt, sondern dass sie am Ende spektakulär werden – und das aktuelle Geschehen sei ihm dafür nicht spektakulär genug. Gerade für Aktienanleger ist das eine bemerkenswerte Kombination aus Warnung und Handlung, weil sie zeigt, wie sehr sich die Frage nach dem Zeitpunkt vom Urteil über die Narrativ-Übertreibung entkoppeln kann.
Novogratz koppelt seine Sicht zusätzlich an klassische Bewertungskennzahlen und an den Ausblick auf Finanzierung. Er verweist darauf, dass er KI-bezogene Titel – gemessen am Kurs-Gewinn-Verhältnis – weiterhin nicht als „zu teuer“ einstuft. Gleichzeitig nennt er steigende Kosten für langfristige Kredite als Gegenwind. Dieses Detail ist entscheidend, weil Zinssensitivität bei Wachstumswerten nicht nur den Bewertungsmultiplikator betrifft, sondern auch die Geschwindigkeit, mit der Unternehmen KI-Infrastruktur planen und finanzieren können. Daneben setzt Novogratz auf politische Dynamik: Sowohl Demokraten als auch Republikaner sähen es als nahezu existenziell an, im Rennen um KI vor China „ins Ziel“ zu kommen. In dieser Argumentation wird aus dem Zinsumfeld kein harter Bremsklotz, sondern eher ein Faktor, der – zumindest zeitweise – durch strategische Förder- und Investitionslogiken überlagert werden kann.
Ray Dalio, ebenfalls ein prominenter Stimmengeber, kommt zur Diagnose „Blase“ – aber er dreht die Zeitachse. Auf der Forbes Global CEO Conference in Singapur sagte er, KI sei eine klassische Blase, die sich dem Platzen nähere. Der Trigger sei dabei nicht der Hype an sich, sondern die Finanzierung: Für KI werde eine große Menge an Schulden aufgenommen, und wenn die Zinsen weiter steigen, nähere sich der Punkt, an dem die Blase zu platzen beginne. Als zweiter Auslöser nennt Dalio den Zwang, Vermögen zu verkaufen, um an Liquidität zu kommen – ein Mechanismus, der in vielen Blasenphasen als Verstärker wirkt, weil aus „optimistischen Erwartungen“ schnell „harte Cash-Anforderungen“ werden. Für Anleger übersetzt sich das in ein anderes Risikoprofil: Wer der Dalio-These folgt, achtet weniger auf das nächste gute Quartal und mehr darauf, wie schnell sich die Finanzierungskosten in die realwirtschaftlichen Budgets und in die verfügbaren Cashflows durchschlagen.
Wie heterogen solche Diskussionen in konkrete Portfoliostrategien münden, zeigt auch der Ansatz, den die Bank of America aus den Eigenschaften entstehender Blasen ableitet. In einer Studie wird argumentiert, dass eine geringe Marktbreite ein typisches Merkmal sei, das Blasen häufig bis zum Platzen begleitet. Aus dieser Beobachtung folgt allerdings kein „komplettes Meiden“ großer Tech-Werte, sondern ein strukturierter Eingriff: Statt Technologie-Schwergewichte direkt zu kaufen, bevorzugen die Strategen Call-Spreads auf einen ETF, der den NASDAQ 100 abbildet. Solche Optionsstrukturen partizipieren bis zu einer Obergrenze an weiteren Kursgewinnen, begrenzen aber den möglichen Verlust auf den bezahlten Einsatz. Das ist für viele konservativere Anleger eine wichtige Übersetzung der Blasenrhetorik in Risikomanagement: Man lässt das Momentum zu, aber man kauft nicht die Idee „ewig steigende Bewertungsprämien“ vollständig ein.
Im Zentrum der Widersprüche steht dann naturgemäß NVIDIA, denn das Unternehmen steht symbolisch für den KI-Infrastrukturaufbau. Trotz der Blasendebatte bleiben die Analysten im kurzfristigen Bias offenbar konstruktiv: Alle 33 Wall-Street-Analysten, die in den letzten drei Monaten Kursziele für NVIDIA für einen Horizont von 12 Monaten abgegeben haben, empfehlen den Titel zum Kauf. Als konkrete Orientierung werden unter anderem eine UBS-Kaufempfehlung vom 9. Oktober mit einem Kursziel von 300 US-Dollar sowie ein Bernstein-„Outperform“-Rating im September mit 400 US-Dollar genannt. Außerdem wird auf Gespräche mit der Finanzchefin Colette Kress verwiesen, in denen das „enorme Potenzial“ im Rechenzentrumsgeschäft betont worden sei. Im Schnitt wird dem Anteilsschein dabei ein Kursziel von rund 324 US-Dollar zugetraut. Entscheidend ist: So eine Konsenslage ist nicht gleichbedeutend mit Sicherheit, aber sie verschiebt die „Erwartungslücke“, weil negative Überraschungen eher an der Geschwindigkeit des Ausbaus und an der Nachfragequalität gemessen werden als am einfachen Wachstumsthese-Gedanken.
Die historischen Parallelen, die Novogratz selbst betont, geben der Diskussion zusätzliche Reibung. Bereits im November 2017 hatte er Kryptowährungen auf einer Konferenz in New York als größte Blase seines Lebens bezeichnet und zugleich einen Fonds aufgebaut, um genau diese Assetklasse zu investieren. Auf die anschließende Rally folgte 2018 dann ein tiefer Einbruch am Kryptomarkt. Dass die Blasenrhetorik bei Novogratz also nicht automatisch zu Abkehr vom Markt führt, ist für Anleger deshalb kein Widerspruch, sondern Teil seines Ansatzes: Er versucht, den Reflex „Warnung heißt Ausstieg“ durch die Frage nach dem Timing zu ersetzen. Dazu kommt, dass er nicht nur als Beobachter auftritt: Galaxy Digital baut neben dem Kryptogeschäft einen wachsenden Bereich für KI-Infrastruktur auf und rüstet laut der Darstellung bereits Teile der Anlagen zum „Schärfen“ von Bitcoin um, um Rechenkapazität für KI-Anwendungen bereitzustellen. Damit wird aus der Debatte über KI-Blasen auch ein Indikator dafür, wie ernst Unternehmen ihre Capex-Programme tatsächlich nehmen.
Am Ende hängt die Richtung weniger an der Lautstärke der Blasenrhetorik als an den harten Folgegrößen: Investitionspläne, Liefer- und Auslastungsdaten sowie die Entwicklung der Anleiherenditen. Belastbare Antworten sollen vor allem die anstehende Berichtssaison großer Technologiekonzerne liefern, weil dort sichtbar wird, ob der Ausbau der KI-Infrastruktur im bisherigen Tempo weiterläuft. Besonders im Fokus steht dabei der für NVIDIA angekündigte Termin der Zahlen zum dritten Quartal des Geschäftsjahres 2027, der voraussichtlich am 25. November 2026 ansteht. Parallel wirken Renditen wie eine Art Frühindikator für die Dalio-These: Wenn Finanzierungskosten steigen, wird aus „KI als Wachstumsthema“ schneller ein Thema der Kapitalallokation. Für Investoren bedeutet das: Die Debatte zwischen Novogratz und Dalio ist weniger eine Frage „Blase ja oder nein“, sondern vor allem eine Frage, wie lange die realen Investitionsströme und Unternehmensgewinne die Bewertungsfantasie tragen können, bevor Liquiditäts- und Zinslogik dominiert.
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