BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Berliner CDU will die Überwachung von Gefährdern deutlich verschärfen und dabei künftig auch KI-gestützte Risikoanalysen sowie elektronische Fußfesseln als Regelfall verankern. Die Partei verweist auf positive Erfahrungen aus São Paulo, wo KI-Videoüberwachung Übergriffe um 80 Prozent reduziert haben soll. Gleichzeitig zeigt die Debatte um den CSD-Attentäter, wie eng Beobachtungskapazitäten selbst bei Telefon- und Kameraüberwachung sein können. Am Ende steht eine Frage, die Politik und Sicherheitswirtschaft gleichermaßen betrifft: Wie lassen sich moderne Daten- und KI-Ansätze verantwortbar in bestehende Verfahren integrieren?

Die Berliner CDU hat einen Zehnpunkteplan zur Verschärfung der Überwachung von Gefährdern vorgelegt und adressiert dabei sowohl die digitale als auch die physische Ebene: In dem Papier mit dem Titel „Freiheit statt Islamismus“ soll der verstärkte Einsatz von KI und elektronischen Fußfesseln zum Regelfall werden. Laut Angaben der Partei will die Führung um Stefan Evers und Felor Badenberg die Befugnisse der Sicherheitsbehörden deutlich ausweiten und die rechtlichen Hürden dafür senken. Als technisches Kernstück nennt der Plan eine KI-gestützte Risikoauswertung, die Bedrohungen früher identifizieren soll, bevor klassische Ermittlungsschritte greifen müssen.
Als Begründung verweist Evers in dem Zusammenhang auf Erfahrungen aus São Paulo, wo KI-gestützte Videoüberwachung Übergriffe um 80 Prozent reduziert haben soll. Ob und wie sich ein solcher Effekt auf deutsche Rahmenbedingungen übertragen lässt, entscheidet sich in der Praxis allerdings an Details: In der Überwachung geht es nicht nur um Modelle, die Muster in Bilddaten erkennen, sondern auch um das Zusammenspiel mit Verfahrensketten, Zuständigkeiten und der Frage, wer eine KI-Risikoanalyse am Ende in konkrete Maßnahmen übersetzt. Genau hier knüpft die CDU offenbar an die Idee an, dass weniger manuelle Auswertung und schnellere Priorisierung im Einsatz zu effizienteren Entscheidungen führen.
Parallel zur politischen Debatte verschiebt sich die Debatte um Grenzen klassischer Observationen. Die Diskussion wird nach Erkenntnissen des Landeskriminalamts (LKA) im Umfeld des CSD-Attentäters verschärft: Demnach galt der von den Behörden als Gefährder eingestufte Abdul B. seit Januar als polizeilich bekannt und wurde nach der Haftentlassung im Mai phasenweise eng observiert. Trotz Telefonüberwachung und Kameraobservierung habe es nach Darstellung des LKA-Vize Redlich keine konkreten Hinweise auf eine Anschlagsplanung gegeben; zugleich habe die Überwachung im konkreten Fall nur die Hälfte der verfügbaren Kapazitäten gebunden. Damit wird sichtbar, warum selbst engmaschige Kontrollen nicht automatisch zu frühzeitigem Handeln führen, wenn Informationen fehlen oder sich erst in sehr engen Zeitfenstern verdichten.
Besonders deutlich wird diese Kapazitätsrealität in der beschriebenen zeitlichen Abfolge: Die letzte Maßnahme vor der Tat habe am 23. Juli stattgefunden. Für das operative Risiko ist die Größe der Zielgruppe zentral: Experten schätzen die Zahl der Gefährder in Deutschland auf 450 bis 2.000, während das BKA offiziell 410 islamistische Gefährder nennt. Zusätzlich zeigt der Blick nach Nordrhein-Westfalen, wie sich Einstufungen nach Ereignissen dynamisch verändern können: Dort seien nach dem Anschlag 73 als aktionsfähig eingestufte Personen erneut überprüft worden. Für Unternehmen und Sicherheitsdienstleister bedeutet das, dass „mehr Überwachung“ nicht als pauschale Antwort reicht, sondern dass sich Analyse, Priorisierung und der effiziente Einsatz von Personal- und Technikressourcen nahtlos ergänzen müssen.
Unterstützung erhält die CDU dem Text zufolge auch aus der Regierung: Bundesinnenminister Dobrindt fordert nach dem Anschlag auf den Berliner CSD eine Ausweitung der Fußfessel-Regelung. Bisher kommen die Geräte in Deutschland vor allem im Gewaltschutz zum Einsatz, etwa in Nordrhein-Westfalen oder Hessen; ab Juli 2027 soll eine Gesetzesnovelle den bundesweiten Einsatz bei häuslicher Gewalt ermöglichen. In der Sicherheits- und IT-Wirtschaft wirkt das wie ein Verstärker für eine Trendlinie, die längst läuft: Während die Politik über Eingriffsrahmen diskutiert, bringen Sicherheits- und Tech-Anbieter neue Werkzeuge für die Umsetzung in den Markt.
Genau in diese Lücke zielen etwa Governance- und Sicherheitsangebote rund um KI-Agenten. Rimini Street kündigte „Rimini Govern for AI“ an, also einen Service für Governance und Sicherheit beim Einsatz von KI-Agenten. Gleichzeitig wird die IT-Sicherheit operativ ausgebaut: Der Dienstleister SVA hat sein Security Operations Center um ein System zur Identifizierung von Schwachstellen erweitert. Als Hintergrund nennt der Text einen Anstieg der Cyber-Angriffe in der DACH-Region um 124 Prozent im Jahr 2025. Für Organisationen heißt das: Wer KI in Prozesse einbindet, muss parallel die Angriffsfläche managen – von Datenzugriffen und Modellabhängigkeiten bis zu klassischen Schwachstellen in der Infrastruktur.
Auch jenseits digitaler Systeme steigt der Bedarf an technischer Umsetzungskompetenz. Der Text beschreibt einen Fachkräfterahmen, in dem Elektrotechniker für die Montage von Einbruchmelde- und Videoanlagen gesucht werden, ergänzt durch Personal mit Qualifikationen nach § 34a GewO oder als geprüfte Schutz- und Sicherheitskraft. Für Führungspositionen in der Unternehmenssicherheit sollen zudem Kenntnisse im Sicherheitsüberprüfungsgesetz erforderlich sein. Dass die Aufgaben von der Pfortentätigkeit bis zur Erstellung von Risikoanalysen und Notfallplänen reichen, passt zur beschriebenen Pflichtlogik: Angesichts komplexerer Bedrohungslagen wird professionelle Risikoanalyse für Betriebe zur zentralen Grundlage, um Sicherheitslücken „ohne teure Investitionen“ wirksam zu schließen.
In der Summe verschiebt sich die Sicherheitslandschaft damit auf zwei Achsen. Zum einen werden politische Instrumente wie KI-gestützte Risikoauswertung und elektronische Fußfesseln in den Mittelpunkt gestellt, zum anderen rücken Umsetzung, Governance und Cyber-Resilienz in den Betrieb. Für Entscheider ist dabei weniger die Schlagwortdebatte entscheidend als die Frage, wie sich Observations- und Einsatzprozesse in Echtzeit mit Analytik koppeln lassen – ohne die Grenzen menschlicher Kapazitäten zu ignorieren, die sich im geschilderten Fall trotz intensiver Maßnahmen gezeigt haben. Wer diese Kopplung sauber plant, profitiert sowohl im öffentlichen Kontext als auch in der privaten Sicherheitswirtschaft; wer dagegen nur Technik beschafft, riskiert, dass Analysen zwar schneller entstehen, Maßnahmen aber nicht zuverlässig und nachvollziehbar nachziehen.
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