MAILAND / LONDON (IT BOLTWISE) – Ein KI-gestützter WhatsApp-Betrug hat bei der italienischen Privatbank Fideuram rund 36 Millionen Euro Schaden verursacht. Der Ex-Verwaltungsratschef Paolo Molesini soll nach einer als dringlich getarnten Nachricht und einem scheinbar echten Anruf seine Finanzabteilung zu Überweisungen gedrängt haben. Ein Teilbetrag wurde später über die Zusammenarbeit von Ermittlern in China, Portugal und Italien wiederbeschafft. Offen bleibt, wohin die verbleibenden Gelder über ausländische Konten und Kryptowährungen abflossen.

Der Fall zeigt, wie schnell sich Betrugsmaschen von der klassischen Social-Engineering-Schiene in Richtung KI-gestützte Verifikation verschieben. Bei der italienischen Privatbank Fideuram, einer Tochter der Intesa Sanpaolo, wurde laut Angaben aus dem Umfeld des Vorgangs im Verlauf eines KI-Betrugs ein mehrstufiger Ablauf gestartet: zunächst eine WhatsApp-Nachricht, dann ein Telefonat, das nicht nur Inhalt, sondern auch die Stimme scheinbar glaubwürdig imitierte. Dass dabei nicht „irgendein“ Geldtransfer ausgelöst wurde, sondern eine konkrete Kette von Überweisungen in erheblicher Größenordnung, macht die technische Komponente besonders relevant für Banken- und Zahlungsprozesse.
Dem beschriebenen Muster zufolge begann der Betrug im Februar. Der damalige Verwaltungsratschef Paolo Molesini erhielt demnach eine WhatsApp-Nachricht, die wie aus dem Umfeld des Intesa-Sanpaolo-Chefs Carlo Messina stammte und dringende Hilfe bei einer Auslandstransaktion anforderte. Anschließend folgte ein Anruf, der nach Darstellung der Beteiligten von einem leitenden Partner einer bekannten Anwaltskanzlei auszugehen schien und die Anweisung inhaltlich bestätigte. Für die Glaubwürdigkeit sorgten die Betrüger offenbar mit KI: Sie sollen die Stimme des Anwalts imitiert haben, sodass die Zielperson die Anfrage als echt einordnete und die Finanzabteilung zu Überweisungen anweisen ließ.
Im Zentrum steht dabei weniger die einzelne Nachricht als die organisatorische Wirkung auf die Compliance- und Freigabelogik der Bank. Molesini soll nach den Angaben eine Reihe von Überweisungen auf Konten angewiesen haben, die vor allem in China und Hongkong lagen. Ausgangspunkt war sogar zunächst ein deutlich größerer Betrag: Es habe sich laut Informationen zunächst um 95 Millionen Euro gehandelt, wobei später mehr als die Hälfte wiederbeschafft worden sei. Auf der technischen Ebene ist das plausibel, weil Stimm- und Textimitationsverfahren die Hürde für „mündliche“ oder telefonische Bestätigungen senken, während die eigentliche Prüfung im Hintergrund häufig erst dann startet, wenn der Transfer bereits ausgelöst ist.
Fideuram entdeckte die Unregelmäßigkeiten den Angaben zufolge und alarmierte Behörden in mehreren Ländern. Durch die Zusammenarbeit von Ermittlern in China, Portugal und Italien konnten demnach später rund 53 Millionen Euro sichergestellt werden. Die verbleibenden Gelder seien hingegen über ein Netzwerk ausländischer Konten geschleust und in Kryptowährungen umgewandelt worden, sodass sie sich danach nicht mehr vollständig zurückverfolgen ließen. Damit trifft der Angriff gleich zwei typische Schwachstellen: Erstens die schnelle Legitimation über KI-imitierte Kommunikation, zweitens die erschwerte Nachverfolgung nach dem Wechsel in grenzüberschreitende Konten und Krypto-Umgebungen.
Während der operative Schaden in der Größenordnung von etwa 36 Millionen Euro beziffert wird, bleibt die Personal- und Governance-Dimension ebenfalls spürbar. Molesini trat im März demnach unter Berufung auf persönliche Gründe als Verwaltungsratschef zurück. Gegen ihn oder andere Führungskräfte soll nach den Angaben nicht ermittelt werden; die laufende strafrechtliche Aufarbeitung richtet sich laut Bericht auf einen im nicht-europäischen Ausland lebenden Ausländer. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft Mailand dauern die Ermittlungen wegen des Verdachts auf Computerbetrug an.
Der Fall ordnet sich in eine Entwicklung ein, die in den vergangenen Monaten immer deutlicher wurde: KI macht die „Identitätsprüfung“ über Sprache und schnelle Nachrichten weniger belastbar, wenn interne Abläufe zu stark auf informelle Bestätigungsschleifen setzen. Bereits ein früherer Vorfall wird als Vergleich genannt, bei dem Betrüger offenbar eine KI-imitierte Stimme eines italienischen Ministers nutzten, um einen Geschäftsmann zu einer Überweisung von fast einer Million Euro zu bewegen; auch dort konnte das Geld später wiederbeschafft werden. Für Banken bedeutet das konkret, dass Sicherheitsschichten nicht nur „Transaktionen“ absichern sollten, sondern auch die Kommunikationswege, über die Anweisungen entstehen.
Für IT- und Risikoverantwortliche ergibt sich daraus ein klarer Handlungsdruck: Transaktionsfreigaben müssen unabhängig von telefonischer oder sprachbasierter Bestätigung funktionieren, etwa über out-of-band bestätigte Codes, hardwaregestützte Signaturen oder strikt getrennte Freigaberollen. Ebenso gewinnt Monitoring an Bedeutung, das Muster erkennt, wenn Überweisungen plötzlich Auslandskonten, neue Empfängerstrukturen oder ungewöhnliche Timing-Signale zeigen. Gleichzeitig steht auch die Detektion von KI-induzierter Täuschung auf der Agenda: Nicht jede Stimme ist zuverlässig, und nicht jede „Dringlichkeit“ ist ein belastbarer Geschäftsgrund. Der nächste Schritt ist daher weniger die Suche nach der einen perfekten KI-Blockade, sondern die robuste Ausgestaltung des gesamten Entscheidungs- und Freigabeprozesses bis zur tatsächlichen Buchung.
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