BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine ifo-Studie zeigt: 54,5% der Unternehmen nutzen bereits KI-Anwendungen. Gleichzeitig warnen Branchenvertreter vor schleichender Deindustrialisierung und fordern gezielte Weiterbildung statt reines Abwarten. Parallel laufen Projekte wie die Hans-Böckler-Stiftung zur besseren Umsetzung von Bildungsurlaub in Praxisvorhaben. Der Bildungsbereich steht damit vor einer doppelten Aufgabe: KI im Alltag nutzbar machen und Beschäftigte strukturiert begleiten.

KI-Substitution in Unternehmen: 54,5% nutzen Anwendungen – was das für Weiterbildung heißt
KI-Substitution in Unternehmen: 54,5% nutzen Anwendungen – was das für Weiterbildung heißt (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Debatte um KI in der Arbeitswelt bekommt eine neue Schärfe: Nicht nur, weil Künstliche Intelligenz Prozesse beschleunigt, sondern weil sie schon jetzt messbar in Rollen eingreift. Laut einer ifo-Studie vom 22. Juni nutzen 54,5 Prozent der befragten Unternehmen KI-Anwendungen. Besonders auffällig ist die Spannbreite nach Branchen: Im Handel werden 28,6 Prozent der Betriebe so weit gehen, akademische Fachkräfte über KI potenziell ersetzbar zu sehen; im Dienstleistungssektor sind es 19,7 Prozent. Das verarbeitende Gewerbe liegt bei 14,6 Prozent, das Baugewerbe bei 9,3 Prozent.

In der Praxis verschiebt sich damit weniger die Frage „ob“ KI kommt, sondern „wie“ Unternehmen den Wandel organisatorisch abfedern. Genau hier setzt das neue Forschungsprojekt der Hans-Böckler-Stiftung an: Es läuft bis März 2027 und untersucht, wie Wissen aus Bildungsurlauben effektiver in konkrete Praxisprojekte überführt wird. Ziel ist kein reines Kompetenz-„Onboarding“, sondern eine Brücke zwischen Training und Umsetzung, damit Veränderungsprozesse im Betrieb aktiv gesteuert werden. Wer KI einführt, braucht dabei nicht nur Tool-Käufe, sondern auch Zielbilder für Arbeitsabläufe, Rollenmodelle und begleitende Lernpfade.

Technisch betrachtet treffen drei Strömungen aufeinander: Erstens die KI-gestützte Automatisierung von Wissensarbeit, etwa in Analyse-, Assistenz- und Entscheidungsprozessen; zweitens die zunehmende Integration in bestehende IT-Landschaften; drittens die Notwendigkeit, Ergebnisse nachweisbar und steuerbar zu machen. In Unternehmen heißt das häufig: KI wird in HR-nahe Workflows oder in Qualifizierungsumgebungen eingebettet, begleitet durch Dokumentations- und Freigabeschritte. Damit steigen Anforderungen an Datensparsamkeit und Zugriffskontrollen, insbesondere wenn personenbezogene Trainingsdaten oder Leistungsbeobachtungen eine Rolle spielen. Mit Blick auf DSGVO und kommende EU-Vorgaben wie den AI Act verschiebt sich die Compliance-Praxis vom Papier zur Architektur.

Die Warnungen aus der Industrie wirken in diesem Kontext wie ein Gegenpol. Tunnelbau-Pionier Martin Herrenknecht wandte sich laut Berichten in einem Schreiben an die Arbeitsministerin davor, dass eine schleichende Deindustrialisierung droht. Experten betonen, dass Unternehmen nicht auf politische Weichenstellungen warten sollten. Als ein Hebel gilt die gezielte Weiterbildung von Industriemeistern – also nicht nur Software-Nutzung, sondern eine Qualifizierung, die betriebsnahe Entscheidungen, Qualitätsstandards und Produktionswissen umfasst. Vergleichbare Initiativen finden sich in der Forschungs- und Umsetzungslandschaft etwa bei Fraunhofer-Ansätzen für Arbeitsgestaltung und Kompetenzentwicklung, unterscheiden sich aber oft darin, ob der Transfer in den Betrieb operativ oder nur projektförmig organisiert wird.

Gleichzeitig bleibt der Fachkräftebedarf hoch, was die Substitutionsdebatte doppelt herausfordert. Der Eintritt der Babyboomer-Generation in den Ruhestand reißt laut Berichten messbare Lücken. Auch die Arbeitslosenquote unter Akademikern stieg 2025 leicht auf 3,3 Prozent nach 2,9 Prozent im Vorjahr. Das spricht dafür, dass KI nicht automatisch zu „weniger Arbeit“ führt, sondern zu anderer Verteilung: Qualifikationen werden neu gemappt, Suchzeiten verändern sich, und Weiterbildung wird zur Planungsgröße. Neurowissenschaftler Henning Beck argumentierte in einem WDR-Gespräch am 23. Juni, der Bildungsbereich müsse sich grundlegend wandeln: weg vom Auswendiglernen hin zu kritischem Denken und praktischer Anwendung. Das Schulbarometer der Robert-Bosch-Stiftung liefert dazu einen Hinweis: Die wöchentliche KI-Nutzung durch Lehrkräfte soll sich auf 25 Prozent verdoppelt haben.

Ein wichtiger Zukunftsbaustein sind flexible Einstiegswege in den Beruf. Teilqualifizierung (TQ) wird dabei als Antwort auf Abbruchrisiken gesehen, weil sie schrittweise zu einem vollwertigen Abschluss führen kann. Ein Aktionstag der IHK Hannover im Juni zeigte das Potenzial dieses Ansatzes; solche Formate lassen sich oft schneller in Unternehmen skalieren als vollständige Neuaufbauten von Ausbildungsgängen. Ergänzend gewinnen Projekte für internationale Zielgruppen an Bedeutung: An der Technischen Hochschule Würzburg-Schweinfurt unterstützt „CraftTURN“ seit Sommer 2025 internationale Studierende beim Übergang in eine duale Ausbildung. Das Vorhaben wird mit 700.000 Euro vom Bundesministerium gefördert, hat nach Angaben bereits über 90 Beratungsgespräche geführt und arbeitet mit mehr als 170 kleinen und mittleren Unternehmen zusammen.

Auch der Pflegebereich zeigt, wie KI- und Qualifizierungsfragen in konkrete Personalplanung übersetzt werden. Ein Hamburger Bündnis qualifiziert Pflegekräfte zu sogenannten Weiterbildungslotsen; gefördert wird das Vorhaben über den Europäischen Sozialfonds. Im September 2026 startet eine Qualifizierungsrunde, die speziell auf die Bedürfnisse gehörloser Beschäftigter zugeschnitten ist. Solche zielgruppenspezifischen Modelle sind für die Zukunft entscheidend, weil KI-Systeme selbst bei guter Absicht nicht automatisch barrierefrei werden. Für Unternehmen heißt das: Wer KI einsetzt, muss gleichzeitig für geeignete Lern- und Support-Strukturen sorgen, damit der Kompetenzaufbau nicht an Zugangsbarrieren scheitert. Genau hier entscheidet sich langfristig, ob KI zu Produktivität oder zu sozialer Reibung führt.

In der nächsten Phase wird sich der Wettbewerb um Talente stärker über „Transfer“ entscheiden als über einzelne Tools. Das Forschungsprojekt der Hans-Böckler-Stiftung zielt auf eine Maßzahl: Wissen aus Bildungsurlauben soll in Praxisprojekte überführt werden. Aus Unternehmenssicht bedeutet das, dass KI-Programme künftig enger mit Projektportfolios, Rollenentwicklung und Sicherheitskonzepten verknüpft werden müssen – inklusive klarer Regeln, wann KI Vorschläge macht, wann Menschen entscheiden und wie Auditierbarkeit hergestellt wird. Wer die kommenden Monate strategisch nutzt, kann Weiterbildung als systematisches Risikomanagement behandeln: technisch durch kontrollierte KI-Nutzung, organisatorisch durch Lernpfade und marktseitig durch die Bindung kritischer Qualifikationen. Damit lässt sich die Substitutionsangst produktiv drehen – hin zu messbarer Entwicklung statt bloßer Umstellung.


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