TORONTO / LONDON (IT BOLTWISE) – In der ersten Hälfte 2026 haben KI-Unternehmen laut Crunchbase 80% der weltweiten Venture-Finanzierung auf sich gezogen. Gleichzeitig wird Software, die früher als technisches Wertversprechen galt, heute in kurzer Zeit nachgebaut. Der Kanadierin Rime Salmi zeigt, warum in dieser Lage vor allem zwei Moats zählen: Datenqualität und Distribution über echte Kanäle. Ihr Ansatz: Einladungsformate, die nicht gegen Ticketing-Erträge „optimiert“ sind, sondern über ein Screening die passenden Gründer herausfiltern.

KI-Wettbewerb: Die letzten Startup-Moats sind Daten und Distribution
KI-Wettbewerb: Die letzten Startup-Moats sind Daten und Distribution (Foto: IT BOLTWISE)
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Die KI-Ära hat für Startup-Gründungen eine paradoxe Dynamik erzeugt: Die Eintrittshürde für „funktionierende“ Software sinkt rapide, während der Wettbewerb um Aufmerksamkeit und langfristige Vorteile härter wird. In den ersten drei Monaten 2026 flossen KI-bezogene Investitionen in Höhe von 242 Milliarden US-Dollar, rund 80% des gesamten globalen Venture-Capitals, wie aus Crunchbase-Zahlen hervorgeht. Dazu kommt ein zweiter Effekt: Die Software, die früher als Grundlage fürs „Underwriting“ diente, wird so günstig, dass sie sich in sehr kurzer Zeit replizieren lässt. Damit verschiebt sich der Fokus der Kapitalgeber weg vom reinen Build-Versprechen hin zu Faktoren, die nicht per Copy-Paste sofort kopierbar sind.

Auf dieser Verschiebung baut Rime Salmi ihre Sicht auf. Sie ist Gründerin und CEO von Fractl, einem in Toronto registrierten Netzwerk, das einladungsbasierte Events organisiert – von Founder-und-Investor-Treffen über Brunches bis zu Cocktailstunden, die jeweils in die Konferenzwochen etwa rund um Token2049 in Singapur, Korea Blockchain Week oder Consensus in Miami hinein verzahnt sind. Entscheidend ist dabei nicht nur, wer auf die Gästeliste kommt, sondern warum. Salmi beschreibt das Screening als Filter gegen „Schauspiel“-Profile: Es gebe viele Personen, die sich als Investoren ausgeben, ohne es tatsächlich zu sein, und die eher auf Investments oder „grifting“ aus sind. In einem Markt, in dem sich Thesen schwerer stabilisieren lassen, wird der Raum selbst zur Prüfungsinstanz.

Technisch und strategisch wird in solchen Situationen besonders sichtbar, warum der frühere „Technical Moat“ an Überzeugungskraft verliert. Wenn Investoren nicht sicher sind, wie der „menschliche Anteil“ im KI-getriebenen Produktportfolio aussehen soll, fällt es schwer, eine nachhaltige These aufzubauen. Genau diesen Punkt adressiert Salmi, indem sie „Speed of construction“ als Validitätsmaß entwertet. Investoren haben 2026 nach entsprechenden Signalen gesucht: Die globale Venture-Investitionssumme lag in der ersten Jahreshälfte bei 510 Milliarden US-Dollar – mehr als das gesamte Jahr 2025. OpenAI und Anthropic allein vereinten dabei 43% dieser Mittel auf sich. Der Rest muss folglich erklären, warum er nicht genauso schnell wieder verschwindet: Entweder ist die Differenzierung im Kern schwer nachbaubar oder sie entsteht über einen Kanal, der erst nach und nach an Reichweite gewinnt.

Salmi fasst das auf zwei überlebende Moats zusammen: Distribution und Daten. „Wenn ein Startup solide proprietäre Daten hat“, so die Kernaussage, „ist das etwas, das man nicht einfach per Vibe-Code wegzaubern kann“, denn für qualitativ hochwertige Tiefendaten brauche es Jahre. Gleichzeitig hat sich der Markt an mehreren Stellen an dieser Linie ausgerichtet: Ein Argument, das in der Venture-Diskussion wiederkehrt, lautet, Distribution sei das letzte wirklich tragfähige Schutzgeländer. Parallel sieht eine weitere Denkrichtung den Founder zunehmend als Medienformat: Wer seine Reichweite direkt aufbaut, statt sie „zu mieten“, erhält eine captive Audience – und eine, die eher persönlich geprägt ist und damit für Wettbewerber schwerer zu kopieren. Diese Perspektive trifft auch auf die Praxis zu, wie aufmerksamkeitsgetriebene Wachstumsmuster aussehen: Daniel Bitton beschreibt in diesem Kontext, dass Relevanz oft als wiederkehrendes „Mieten“ funktioniert, etwa über ein System, in dem Content-Clipping gezielt Follower-Feeds flutet. Salmi hält dagegen, dass „gekaufte Reichweite“ dann stoppt, wenn das Budget stoppt; die „owned audience“ wächst hingegen weiter.

Interessant ist dabei, dass „Distribution“ nicht nur als Marketingkanal verstanden wird, sondern als organisatorische Entscheidung. Salmis Formate sind gerade deshalb auf Einladungslogik ausgelegt, um nicht zu einer reinen „Pay-to-play“-Bühne zu verkommen. Sie sagt, wenn Geld den Zugang bestimmt, sinke die Qualität – weil Tickets den Raum ersetzen. Besonders wichtig: Personen „mid-raise“, also Gründerinnen und Gründer, die sich mitten in einer Finanzierungsrunde befinden, sollen nicht zusätzlich zur Kasse gebeten werden, findet Salmi. Damit verschiebt sich das Geschäftsmodell stärker auf das, was sie als Screening bezeichnet: Die Prüfung ist der Pitch, und wer in den Raum kommt, muss sich bereits als Gesprächspartner eignen. Die Idee erinnert daran, dass Venture-Capital seit jeher mit einer Art „Velvet Rope“ arbeitet – früher nur weniger transparent. In einem noisy Markt wird die Frage „Wer darf rein?“ zur Qualitätsstrategie.

Die Umsetzung hat allerdings auch betriebswirtschaftliche Kosten. Salmi schildert, wie sie aus einem früheren Engagement in einer Art Record-Label-Umfeld in Event-Formate gerutscht ist, nachdem ihr eine Gründer-Investor-Brunchserie übergeben worden sei. Der erste Brunch habe bereits mehr als 200 Menschen angezogen, davon über 100 nach ihrer Zählung Investoren. Aus den Formaten wuchs eine Struktur, die sie als „fractional CMO“-Marketingagentur gestartet hatte und später beendete, nachdem die Events sie in der Nachfrage überholt hatten. Beim Skalieren wird dann sichtbar, dass sie sich selbst nicht als besonders effiziente Operations-Person einordnet: In Phasen, in denen sie in kurzer Zeit viele Events in verschiedenen Städten organisieren musste, hält sie Personal zeitweise monatlich beschäftigt, obwohl die Arbeit eventbasiert war. Sie nennt zudem verschiedene Operator-Ansätze, die sie für den operativen Part ausprobiert hat, und spricht offen an, dass das Thema Leaks und Reibungsverluste beim Wachstum nicht nur externe Fehler seien, sondern auch eigene Verantwortung berühre. Dazu kommt ein Einnahmerisiko, das klar an Krypto-Sponsoring gebunden ist: Wenn Bitcoin gut läuft, steigt die Ausgabebereitschaft für Marketing – Sponsoring kann also in Wellen schwanken.

Für die nächsten Monate zeichnet sich daraus eher ein Bild von „mehr Räumen“ statt spektakulärer Zyklen ab. Auf die Frage nach einem nächsten Krypto-Bullenmarkt gibt Salmi eine skeptisch-pragmatische Antwort, die auch erklärt, warum sie auf Enterprise-nähere Budgets setzt: Sie erwartet eher eine glattere Entwicklung, sobald Institutionen Technik und Ökosysteme stärker integrieren und „Red Tape“ abnimmt. Gleichzeitig beobachtet sie eine gegenläufige Bewegung auf der „In-person“-Ebene: Während Infrastruktur weiter rotiert, sieht sie eine Rückkehr zu IRL-Erlebnissen. Das Netz darunter bleibt in Bewegung – etwa durch Konferenz-Setups, die den Standort wechseln oder neu positionieren. Am Ende ist für Salmi nicht der perfekte Pitch-Text das Maß, sondern das Verhalten der Gründer: Sie sollen aus einer Situation „herauszoomen“ können, schneller agieren und damit in einem Markt bestehen, in dem Validität nicht mehr über Baugeschwindigkeit definiert wird. In dieser Logik werden Daten und Distribution nicht als Buzzwords behandelt, sondern als strategische Schutzschichten, die man sich nicht in einem Nachmittag zusammenkopiert.


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