LONDON (IT BOLTWISE) – Eine große Auswertung mit 69.370 Teilnehmenden verbindet die Planetary Health Diet mit einem geringeren Risiko für mehrere neurologische und psychische Erkrankungen. Wer der klima- und pflanzenbetonten Ernährungsform über einen Diät-Index hinweg besonders nahe kam, hatte laut Auswertung über zwölf Jahre messbar niedrigere Raten bei Schlaganfall, Depression und Angst. Die Studie findet außerdem Hinweise darauf, dass ein Teil der Effekte über eine verlangsamte biologische Alterung vermittelt wird. Offen bleibt, ob die Ernährung selbst ursächlich ist oder ob weitere Lebensstilfaktoren mitwirken.

Die Verbindung zwischen Ernährung und Gehirngesundheit wirkt auf den ersten Blick wie ein Randthema zur Klimadebatte. In der jetzt veröffentlichten Auswertung aus dem Journal of Affective Disorders rückt jedoch genau diese Brücke in den Fokus: Wer sich über Jahre eng an eine klima-freundliche, stark pflanzenbasierte Kost hält, zeigt in den Daten ein niedrigeres Risiko, später an mehreren psychischen und neurologischen Erkrankungen zu erkranken. Besonders bemerkenswert ist dabei nicht nur die Richtung des Zusammenhangs, sondern auch der Bezug zur Frage, wie sich ein Ernährungsstil im Körper „biologisch“ übersetzt. Genau hier setzt die Studie an und versucht, den Effekt über die biologische Alterung zu erklären.
Ausgangspunkt ist die 2019 vorgeschlagene Planetary Health Diet, eine Ernährungsarchitektur, die Wachstum und Ernährungssicherheit mit der Minimierung von Umweltbelastungen zusammenbringen soll. Der Rahmen betont Lebensmittel wie Vollkorn, Obst, Gemüse, Nüsse und Hülsenfrüchte. Fleisch und Milchprodukte sind zwar nicht ausgeschlossen, aber es geht um klare Grenzen: Stark verarbeitete Produkte und zugesetzter Zucker sollen weitgehend reduziert werden. Während frühere Studien im klinischen Umfeld vor allem Herz-Kreislauf-Risiken, Atemwegsgesundheit und die Gesamtsterblichkeit adressierten, blieb die Frage nach dem Gehirn und den psychischen Dimensionen lange weniger direkt untersucht. Dass das jetzt nachgeholt wird, ist auch deshalb relevant, weil Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen und Schlaganfälle weltweit zu den führenden Ursachen von Behinderung zählen und demografisch betrachtet weiter zunehmen können.
Technisch-methodisch stützt sich die Untersuchung auf die UK Biobank und damit auf eine Quelle, die für epidemiologische Analysen wegen ihrer Größe und ihres Designs häufig genutzt wird. Die Forschenden werteten Daten von 69.370 Teilnehmenden aus, deren Durchschnittsalter bei Studienbeginn etwa bei 56 Jahren lag. Ernährung wurde dabei nicht über „typische“ Wochenmuster im Sinne von groben Ernährungsgewohnheiten erfasst, sondern über mindestens zwei detaillierte Befragungen, in denen die Teilnehmenden ihre Nahrungs- und Getränkeaufnahme der vergangenen 24 Stunden beschrieben. Aus diesen Angaben berechneten die Forschenden einen Diät-Index: Je höher der Score, desto enger war die Übereinstimmung mit der Planetary Health Diet. Der maximale Wert lag bei 130 Punkten.
Damit nicht genug: Um einen möglichen Mechanismus zu testen, kombinierten die Forschenden die Ernährungsdaten mit Blutproben und berechneten daraus eine biologische Alterskennzahl. In die Berechnung flossen verschiedene Marker ein, darunter Cholesterinwerte, Nierenfunktion und Entzündungsindikatoren. Die Idee dahinter ist zentral für das Verständnis: Chronologisches Alter zählt Jahre; biologische Alterung beschreibt dagegen, wie schnell Zellen und Organe durch Belastungen und Prozesse altern. Wenn die biologische Alterskennzahl unter dem tatsächlichen Alter liegt, signalisiert das eine verlangsamte körperliche Abnutzung. Im nächsten Schritt verglichen die Forschenden dann die biologische Alterung mit den gesundheitlichen Endpunkten, die anschließend über rund zwölf Jahre über nationale Gesundheitsregister verfolgt wurden. Beobachtet wurden unter anderem Demenz, Parkinson-Krankheit, Schlaganfall sowie Depression, Angststörungen und bipolarer Verlauf; zudem betrachteten die Autorinnen und Autoren „Multimorbidität“, also das gleichzeitige Auftreten mehrerer dieser Zustände.
In den Ergebnissen zeigt sich ein Muster, das eher an eine Schwellenwirkung als an eine perfekte Gerade erinnert. Teilnehmende im obersten Viertel der Diätkonformität hatten gegenüber denjenigen mit den niedrigsten Diätwerten ein deutlich geringeres Risiko. Konkret werden für den Vergleich eine 12-prozentige niedrigere Schlaganfallrate, jeweils 13 Prozent weniger Risiko für Depression und Angst sowie 19 Prozent weniger Risiko für das Auftreten mehrerer brain-bedingter Erkrankungen genannt. Besonders interessant ist der Verlauf bei psychischen und multimorbiden Endpunkten: Das Risiko erreicht laut Auswertung sein absolutes Minimum, wenn der Diät-Score ungefähr bei 86 Punkten liegt. Werte oberhalb dieser Marke brachten für Depression, Angst und Multimorbidität keinen zusätzlichen Schutz, während der Schlaganfall-Risikoanstieg über steigende Diätwerte hinweg offenbar weiter abnimmt. Gleichzeitig berichten die Forschenden über keinen linearen Zusammenhang zur Parkinson-Krankheit und zur bipolaren Störung; letzteres wird vor allem damit begründet, dass während des Beobachtungszeitraums zu wenige Fälle auftraten, um robuste Schlussfolgerungen zu ziehen.
Der Mechanismus bleibt dabei nicht nur Spekulation: Die Auswertung der Blutmarker liefert ein plausibles „Vermittlungsstück“. Personen, deren Essensmuster stärker mit der Planetary Health Diet übereinstimmten, zeigten eine biologische Alterung, die im Schnitt jünger ausfiel als ihr chronologisches Alter. In den statistischen Modellen erklären die Forschenden, dass diese verlangsamte biologische Alterung einen bescheidenen, aber messbaren Anteil an den beobachteten Vorteilen ausmacht. Je nach Erkrankung und den konkret verwendeten Blutindikatoren wird ein Erklärungsanteil von ungefähr 2 Prozent bis 13 Prozent angegeben. Das heißt: Zellalterung ist ein Teil der Erklärung, aber nicht die ganze Story. Für die Fachwelt ist das wichtig, weil es Raum für weitere, bislang nicht vollständig „kartierte“ Mechanismen lässt, etwa über Stoffwechselprofile, Entzündungsniveaus oder Gefäßgesundheit, die wiederum das Gehirn mit beeinflussen.
Gleichzeitig muss man die Grenzen klassischer Ernährungsstudien sauber einordnen. Die Studie basiert auf Beobachtungen über natürliche Lebensgewohnheiten und kann damit nicht beweisen, dass die Planetary Health Diet allein die bessere Gehirngesundheit verursacht. Forschende können zwar in Modellen für Faktoren wie Einkommen, Bildung, körperliche Aktivität und Rauchen kontrollieren, aber „versteckte Variablen“ bleiben prinzipiell möglich. Auch die Datenerhebung über selbstberichtete 24-Stunden-Ernährungsprotokolle trägt Messunsicherheit: Erinnerungsfehler und Veränderungen des Essverhaltens nach den ersten Befragungen sind denkbar. Zudem stammt das untersuchte Kollektiv überwiegend aus einer bestimmten demografischen Struktur in Großbritannien und ist überwiegend weiß; ob sich das Muster bei anderen genetischen Hintergründen, Ernährungsgewohnheiten oder bei unterschiedlichem Zugang zu frischen Lebensmitteln in gleicher Weise zeigt, ist noch offen. Für die Zukunft kündigen die Autorinnen und Autoren daher weitere Untersuchungen in unterschiedlichen Populationen an.
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