MANNHEIM / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Studie der Universität Mannheim im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung kommt zu dem Ergebnis, dass klimaneutrale Stahlproduktion bis 2035 wirtschaftlich umsetzbar ist – allerdings nur unter klaren Kostenbedingungen. Im Fokus stehen ein garantierter Industriestrompreis von 60 Euro pro Megawattstunde sowie ein Wasserstoffpreis von 140 Euro pro Megawattstunde. Zusätzlich schlagen die Autoren eine staatliche Investitionsförderung in Höhe von 50 Prozent der Gesamtsumme vor. Damit rückt die Politikfrage nach Planungssicherheit für Energiekosten und neue Anlagen in den Mittelpunkt, während EU-Regeln wie CBAM Importe zusätzlich unter Druck setzen.

Stahl ist längst mehr als ein klassischer Industriesektor: Er ist ein Brennpunkt für den gesamten Dekarbonisierungsdiskurs. Eine neue Untersuchung der Universität Mannheim, erstellt im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung, versucht die Debatte um „grünen Stahl“ zu erden: Klimaneutrale Produktion bis 2035 sei wirtschaftlich machbar, aber nur unter spezifischen Rahmenbedingungen. Besonders deutlich wird dabei, dass die Kostenkurve weniger vom „Proof-of-Concept“ als von der Energiepreis-Stabilität abhängt. Genau diese Stellschrauben liefert die Studie in Form von Schwellenwerten für Strom und Wasserstoff, ergänzt um konkrete finanzielle Mechanismen.
Technisch knüpft die Argumentation an das Grundprinzip der Transformation von der kohlebasierten Hochofenroute hin zu emissionsärmeren Prozessketten an. Der entscheidende Hebel ist der Ersatz von Koks und Erdgas durch erneuerbar erzeugte Energieträger, insbesondere durch Wasserstoff für die Reduktion. In der Studie nennen die Autoren Tom Krebs und Patrick Kaczmarczyk deshalb einen garantierten Industriestrompreis von 60 Euro pro Megawattstunde bis 2035, um die Wirtschaftlichkeit neuer Verfahren abzusichern. Analog wird ein Wasserstoffpreis von 140 Euro pro Megawattstunde als notwendige Größenordnung genannt, damit Investitionen nicht allein an volatilen Beschaffungsrisiken scheitern.
Finanzierung bleibt dabei nicht Nebensache, sondern Teil der technischen Risikokalkulation. Die Untersuchung schlägt vor, staatliche Investitionsförderung in Höhe von 50 Prozent der Gesamtsumme bereitzustellen. Darüber hinaus empfehlen die Wissenschaftler staatliche Beteiligungen und eine Bevorzugung inländischer Produzenten bei öffentlichen Aufträgen. Das wirkt auf den ersten Blick wie klassische Industriepolitik. In der Logik der Studie ist es jedoch ein Sicherheitsmechanismus gegen Planungsunsicherheit: Wer Anlagen mit langen Laufzeiten plant, braucht robuste Annahmen für Strom- und Wasserstoffkosten, sonst wird selbst die beste Prozessstrategie zur Wette. Genau hier zeigt sich der Unterschied zwischen „Laborfähigkeit“ und „skalierbarer Produktion“.
Während die Transformation geplant wird, verschärft sich gleichzeitig der externe Druck durch EU-Regeln. Der CO2-Grenzausgleich (CBAM) trifft Importeure besonders hart, weil Emissionen künftig stärker in Kosten übersetzt werden. Für Stahlunternehmen entsteht dadurch ein doppelter Effekt: Wer emissionsärmer produziert, kann Wettbewerbsvorteile gewinnen, wer nach wie vor stark fossil arbeitet, trägt die Mehrkosten schneller in den Markt. Branchenexperten sehen darin einen Hebel für Tempo, aber auch ein Risiko für Handels- und Beschaffungsstrategien, insbesondere wenn Energie- und Prozesskosten nicht zeitgleich sinken. In der Praxis wird CBAM damit zu einem Transformationsbeschleuniger – aber nur, wenn die in der Studie geforderten Energiepreis-Sicherheiten auch politisch eingelöst werden.
Marktseitig wird die Lage durch die wirtschaftliche Gesamtsituation zusätzlich kompliziert. Der BDI hat seine Wachstumsprognose für 2026 auf 0,4 Prozent gesenkt; zuvor waren 1 Prozent erwartet worden. Gleichzeitig mahnt BDI-Präsident Peter Leibinger ein Reformpaket an. Eine DIHK-Umfrage zeigt derweil, dass nur 22 Prozent der Unternehmen höhere Investitionen planen, während ein Drittel Kürzungen erwägt. In dieses Umfeld fällt auch das konkrete Wettbewerbsbild: Die Gewerkschaft IG Metall warnt vor Investitionsstopps in der grünen Transformation; zugleich wird auf den Konzern ArcelorMittal verwiesen, der Investitionen in deutschen Standorten gestoppt hat. Branchenpolitisch ist damit nicht nur Technik, sondern auch Kapitaldisziplin entscheidend.
Technologie-Kompetenz bleibt allerdings ein klarer Standortvorteil, den die Studie nicht kleinredet. In Linz wurde ein Ausstellungszentrum der voestalpine wiedereröffnet, in dem rund 40 Tonnen einer CO2-reduzierten Stahledition verarbeitet wurden. CEO Herbert Eibensteiner nennt Innovation und Nachhaltigkeit als zentrale Wettbewerbsfaktoren. Solche „Ausstellungs“-Kapazitäten sind mehr als Marketing: Sie dienen als Lernplattform für Anlagenbetrieb, Qualitätsregelung und Lieferketten für Vorprodukte. Vergleichbar dazu arbeitet die Branche historisch seit Jahren an Übergangstechnologien, von Pilotanlagen bis zu hybriden Ansätzen. Der Unterschied heute: Die Skalierung Richtung klimaneutrale Prozessketten hängt stärker an Energiepreis-Verträgen und staatlicher Finanzierung als an reinem Engineering.
Auch jenseits des Stahls zeigen sich verwandte Potenziale, die langfristig in die Energieketten zurückwirken. Ein Start-up aus Wernigerode testet eine vollelektrische Kalzinierungstechnologie für die Kalk- und Zementindustrie. Solche Verfahren können perspektivisch dabei helfen, CO2-Emissionen effizienter abzuscheiden und damit Emissionspfade über Industriesektoren hinweg zu harmonisieren. Für Stahl bedeutet das: Wenn Nebenindustrien ihre Emissionen kostengünstiger reduzieren oder besser abtrennen können, sinkt der Druck auf die integrierten Wertschöpfungsketten. Damit entsteht ein Ökosystem, in dem Dekarbonisierung nicht nur „in der Anlage“ stattfindet, sondern entlang von Energie, Rohstoffverarbeitung und Entkopplung von Prozess- und Energiekosten.
Der Ausblick entscheidet sich folglich an Rahmenbedingungen, nicht an guten Absichten. Die geforderten Preis-Schwellenwerte wirken wie ein Planungsmodell für den Rollout: 60 Euro pro Megawattstunde Industriestrom und 140 Euro pro Megawattstunde Wasserstoff sind konkrete Zielgrößen, die sich in Energie-Contracting, Förderlogiken und Risikoaufteilung übersetzen lassen. Experten erwarten außerdem, dass Regulierungsdruck über CBAM kurzfristig Gewinner und Verlierer trennt. Langfristig entstehen für Unternehmen zwei Handlungsfelder: erstens robuste Einkaufs- und Absicherungsstrategien für erneuerbare Energien und Wasserstoff, zweitens Investitionsprogramme, die Technologie- und Finanzrisiken gemeinsam adressieren. Wenn Politik diese Kopplung aus Energiepreis und Kapital bereitstellt, kann klimaneutraler Stahl bis 2035 nicht nur technisch, sondern auch wettbewerbsfähig werden.
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