ERLANGEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Der Paläobiologe Wolfgang Kiefling kritisiert die derzeitige Klimapolitik als nicht ausreichend konsequent. Er hält die 1,5-Grad-Grenze des Pariser Abkommens inzwischen für nicht mehr einhaltbar. Für die Welt erwartet er bei Umsetzung der aktuell beschlossenen Maßnahmen einen Erwärmungspfad von etwa 2,8 Grad bis zum Ende des Jahrhunderts. Neben dem Klimaschutz fordert er deutlich mehr Anpassung in Städten, Pflegeeinrichtungen und Infrastruktur.

Die Debatte um Klimaschutz wird oft in Prozentzahlen und Zielkorridoren geführt – Wolfgang Kiefling setzt sie dagegen mit konkreten Folgen aus dem Ökosystem- und Fossilienkontext in Beziehung. Der Paläobiologe an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen argumentiert, dass die aktuelle Politik nicht die nötige Geschwindigkeit und Tiefe erreicht. „Dieses Halbherzige bringt gar nichts“, so die Kernaussage, mit der er die vorhandenen Maßnahmen als zu schwach einordnet. Besonders scharf fällt seine Bewertung beim 1,5-Grad-Ziel des Pariser Klimaabkommens aus: Aus seiner Sicht ist diese Grenze bereits nicht mehr zu halten.
Seine Begründung verknüpft er mit der beobachtbaren Dynamik von Treibhausgasen und der dadurch anlaufenden Erwärmung. Wenn Maßnahmen, die derzeit beschlossen sind, tatsächlich umgesetzt würden, steuere die Welt laut Kiefling dennoch auf etwa 2,8 Grad Erwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts zu. Damit verschiebt sich der Fokus für Politik und Gesellschaft vom reinen Hoffen auf das Minimalziel hin zu einer realistischeren Risikobewertung. Er macht außerdem deutlich, warum er die gegenwärtige Entwicklung nicht als „Ausreißer“ versteht: Wirtschaftliche Interessen würden Klimaschutz faktisch ausbremsen, während die Folgekosten des Klimawandels gleichzeitig weiter steigen.
Technisch-ökologisch wird es bei Kiefling dann am deutlichsten, wenn er die Folgen nicht als abstrakte Kurven beschreibt, sondern als Auswirkungen auf Lebensräume. Bei einer Erwärmung um zwei Grad sieht er Kippelemente besonders in Küsten-Ökosystemen: Korallenriffe könnten weltweit wahrscheinlich kollabieren und damit auch als natürlicher Küstenschutz ausfallen. Zudem verweist er auf die Abhängigkeit ganzer Bevölkerungsgruppen von funktionierenden Nahrungsketten. Rund 500 Millionen Menschen seien von Fischbeständen abhängig, die an Korallenriffe gebunden sind. Er ergänzt das Bild mit dem Hinweis, dass auch Arten an Land und im Meer deutlich schneller in Richtung klimatisch passender Zonen ausweichen müssten.
Über die reine Verbreitungsverschiebung hinaus führt Kiefling einen konkreten Fall an, um die Tragweite zu verdeutlichen: Die Mosaikschwanzratte nennt er als Ereignis, das bislang eindeutig auf den Klimawandel zurückzuführen sei. Der Lebensraum der Art auf einer kleinen Insel zwischen Australien und Neuguinea sei durch Meeresspiegelanstieg, Versalzung und den Verlust der Vegetation zerstört worden. Dabei differenziert er auch zeitgeschichtlich: Zwar gab es in der Erdgeschichte immer wieder erhebliche Klimaveränderungen, etwa mittelalterliche Warmphasen oder die Kleine Eiszeit – diese seien jedoch überwiegend regional begrenzt gewesen. Heute finde Erwärmung dagegen weltweit statt, mit der Konsequenz, dass „lokale Ausweichräume“ weniger häufig verfügbar sind.
Für die praktische Politik folgt daraus seiner Darstellung nach eine doppelte Aufgabe: erstens den Klimaschutz konsequent stärken, zweitens die bereits unvermeidbaren Folgen aktiv abfedern. Kiefling spricht in diesem Zusammenhang von einer „Anpassungslücke“ in Deutschland. Städte müssten mehr Grünflächen und Kühllösungen schaffen und zugleich Versiegelungen aufbrechen, statt Hitzeinseln weiter zu verfestigen. Auch die soziale Infrastruktur sieht er nicht ausreichend vorbereitet: Pflege- und Altenheime müssten für Hitzewellen besser gerüstet werden, weil genau dort das Risiko von gesundheitlichen Beeinträchtigungen besonders hoch ist.
Daneben kritisiert er auch einzelne Maßnahmen, die in der öffentlichen Debatte als Anpassung verkauft werden. Das Ausheben einzelner Flüsse, um die Schiffbarkeit zu verbessern, bezeichnet Kiefling als „ökologischen Schwachsinn“, weil es das eigentliche Problem des Wassermangels nicht löst. Für Infrastrukturbetreiber heißt das im Kern: Wasser- und Verkehrsplanung kann sich nicht nur an heutigen Betriebsbedingungen orientieren, sondern muss klimatische Randbedingungen der Zukunft berücksichtigen. Ebenso wichtig wird sein, wie Anpassung und Klimaschutz technisch ineinandergreifen – etwa bei Küstenschutz, Raumplanung, Betriebskonzepten für Versorgungsnetze und bei der Resilienz von Ökosystemen, die als „natürliche Infrastruktur“ funktionieren.
Abseits der Debatte bleibt die strategische Botschaft klar: Wenn sich Klimarisiken über Jahrzehnte beschleunigen, reichen inkrementelle Programme allein nicht aus. Die Aussage, 100 Prozent des Klimawandels seien menschengemacht, dient bei Kiefling als zugespitzte Rahmung für Entscheidungen in Forschung, Behörden und Unternehmen. Für die Umsetzungslogik bedeutet das, dass Klimaziele, Anpassungsfahrpläne und Investitionsentscheidungen enger zusammengeführt werden müssen, damit Schutz- und Sanierungsmaßnahmen nicht gegeneinander laufen. Genau an dieser Stelle können technische Kapazitäten aus verschiedenen Bereichen – von Monitoring bis Infrastrukturplanung – helfen, die Anpassung messbar und belastbar zu machen.
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