LONDON (IT BOLTWISE) – Seit den 1980er Jahren driften die Temperaturen in vielen europäischen Hochlagen nach oben, und das wirkt sich direkt auf die Pflanzenwelt aus. Eine Auswertung von Dauerbeobachtungen auf 62 Berggipfeln zeigt dabei zweierlei: Auf den Gipfeln nimmt die Zahl der Arten oft zu, gleichzeitig verschwinden aber spezialisierte Hochgebirgsarten. Als Ursache nennen die Forschenden den Zusammenhang zwischen dem lokalen Temperaturanstieg und dem Aussterben auf genau diesen Standorten. Zusätzlich prüfen sie Faktoren wie weniger Schneebedeckung, veränderte Wasserverfügbarkeit und Konkurrenz durch neu eingewanderte Arten.

Klimawandel verändert Alpenflora: mehr Arten, aber auch lokale Verluste
Klimawandel verändert Alpenflora: mehr Arten, aber auch lokale Verluste (Foto: IT BOLTWISE)
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Steigende Temperaturen in Europa machen sich in den Bergen nicht erst an klar sichtbaren Trends bemerkbar, sondern bereits an der Zusammensetzung der Vegetation. Genau diese räumliche Feinaufteilung spielt eine zentrale Rolle, denn auf einem Gipfel unterscheiden sich Mikroklima, Bodenfeuchte und Schneedauer teils stark über kurze Distanzen. Eine Untersuchung, veröffentlicht im Fachmagazin Science, beschreibt daher kein pauschales „Mehr oder Weniger“, sondern ein Nebeneinander von Gewinnern und Verlierern: Während die Pflanzenwelt auf vielen Hochgebirgslagen artenreicher wird, verschwinden gleichzeitig Arten, die an die kühlen Bedingungen der höchsten Standorte angepasst waren.

Die Studie ordnet das Phänomen direkt dem Klimawandel zu. Der Erstautor Johannes Wessely von der Universität Wien leitet aus den Messdaten einen klaren Zusammenhang ab: Je stärker der lokale Temperaturanstieg auf einem Gipfel ausfällt, desto wahrscheinlicher ist der Artenverlust gerade auf diesem Gipfel. Damit rückt ein Mechanismus in den Fokus, der aus ökologischer Sicht plausibel ist: Viele Hochgebirgspflanzen sind an lang anhaltende Kältephasen, kurze Vegetationsfenster und konkrete Bedingungen für die Wasserverfügbarkeit gebunden. Wenn sich diese Parameter verschieben, verändert sich nicht nur die Konkurrenzsituation, sondern auch die Eignung des Standortes selbst.

Dass die Regionen oberhalb der alpinen Baumgrenze lange Zeit für zahlreiche Pflanzen schlicht nicht besiedelbar waren, wird in der Untersuchung als Hintergrund herangezogen. Noch bis vor wenigen Jahrzehnten dominierten dort klimatisch stark eingeschränkte Bedingungen. Die in den vergangenen Jahrzehnten rasant gestiegenen Temperaturen hätten diese „Kältegrenzen“ aufgeweicht und damit den Zugang für Arten erleichtert, die vorher in der Höhe keine passenden Überlebensräume fanden. Gleichzeitig beschreibt die Arbeit aber auch die Schattenseite dieser Dynamik: Arten, die auf die höchsten und kältesten Mikrohabitate spezialisiert waren, verlieren dort zunehmend ihre ökologische Nische. Als Beispiele in den Alpen nennt das Projektteam unter anderem Gletscher-Hahnenfuß, Einblütiges Hornkraut oder Alpen-Mannsschild.

Für belastbare Aussagen reicht ein einmaliger Blick auf die Vegetation nicht aus, weshalb das Design der Datengrundlage besonders entscheidend ist. Die Forschenden haben Daten von Dauerbeobachtungsflächen auf 62 europäischen Berggipfeln ausgewertet. Diese Flächen wurden im Zeitraum zwischen 2001 und 2022 im Rahmen des globalen Monitoring-Netzwerks Gloria viermal untersucht. Betrachtet wurden damit nicht Momentaufnahmen, sondern wiederkehrende Bestandsaufnahmen über knapp zwei Jahrzehnte. Der Anteil an Arten, die bei der jeweils nächsten Untersuchung nicht wiedergefunden wurden, stieg von Runde zu Runde an. Besonders betroffen waren dabei Pflanzen, die an kühlere Standorte angepasst sind – ein Befund, der gut zu der Hypothese passt, dass sich das Temperaturregime in der Höhe weiter verschiebt.

Die Ergebnisse lassen sich zudem in eine breitere Forschungslinie einordnen, die in den vergangenen Jahren bereits wichtige Hinweise geliefert hat. Eine frühere Studie im Fachmagazin Nature aus dem Jahr 2018 zeigte unter anderem, wie sich die Zusammensetzung auf Gipfeln verändert und welche Arten dabei in neue Höhenlagen vordringen können. Das aktuelle Science-Ergebnis ergänzt diese Perspektive, indem es die räumliche Variation stärker betont und die Beobachtungen auf mehrere Regionen ausweitet – von Tirol und dem Schrankogel über die Schweiz und die Pyrenäen bis hin zum georgischen Kaukasus. Genau diese Vergleichbarkeit zwischen sehr unterschiedlichen Gebirgssystemen stärkt die Aussage, dass Temperaturänderungen nicht nur lokal wirken, sondern sich in einem gemeinsamen Muster niederschlagen.

Die Arbeit bleibt jedoch ausdrücklich nicht bei einem einzigen Treiber stehen. Zwar gilt der Temperaturanstieg als zentrales Erklärungsstück, doch die Forschenden betonen, dass die genauen Ursachen für das lokale Aussterben hoch spezialisierter Arten noch genauer untersucht werden müssen. In Frage kommen laut den Angaben mehrere zusätzliche Einflüsse, die in Hochlagen typischerweise miteinander verknüpft sind. Dazu zählen eine abnehmende Wasserverfügbarkeit, weil etwa Schmelz- und Niederschlagsmuster variieren können, die verkürzte Dauer der Schneebedeckung, die den Pflanzen Schutz und zeitliche Strukturierung des Vegetationsbeginns bietet, sowie ein veränderter Konkurrenzdruck. Neue Arten, die durch mildere Bedingungen in höhere Lagen vordringen, können dabei funktional ähnliche Ressourcen nutzen und so etablierte Hochgebirgsspezialisten verdrängen.

Für die Praxis in Forschung, Naturschutz und Umweltmonitoring ist diese Kombination aus Artenzuwachs und lokalen Verlusten besonders relevant. Sie widerspricht dem simplen Narrativ, wonach wärmere Bedingungen automatisch „besser“ für Biodiversität seien. Aus Sicht von Behörden und Naturschutzorganisationen bedeutet das: Monitoring-Programme müssen nicht nur Gesamttrends erfassen, sondern auch die Zusammensetzung nach Temperatur- und Kältetoleranzclustern. Dauerbeobachtungsflächen wie im Gloria-Netzwerk liefern dafür die entscheidende Datentiefe, weil sie zeigen, welche Arten verschwinden und in welchem Tempo. Gleichzeitig wird damit klar, warum Managementkonzepte, die sich allein auf flächenbezogene Kennzahlen stützen, zu kurz greifen können, wenn sich die ökologische Funktion ganzer Lebensraumgarnituren verschiebt.

Auch für die Wissenschaft eröffnet die Studie einen konkreten Arbeitsauftrag. Wenn Temperaturanstieg und Aussterberate auf Gipfeln korrelieren, stellt sich als Nächstes die Frage, über welche physiologischen und ökologische Ketten die Wirkung vermittelt wird. Für Modellierung und Feldforschung heißt das: Je besser sich Schneedynamik, Bodenfeuchte und Konkurrenzprozesse in den Gipfel-Landschaften abbilden lassen, desto präziser kann man erklären, warum bestimmte Spezialisten trotz potenziell „erweiterter“ Lebensräume nicht nachwachsen. Genau diese Mischung aus Langzeitbeobachtung und Mechanismusforschung dürfte in den kommenden Jahren darüber entscheiden, wie schnell sich das Verständnis vom reinen Muster hin zu einer belastbaren Prognose weiterentwickelt.


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