LONDON (IT BOLTWISE) – Für das Klimaziel 2045 müssten in Deutschland laut einer Studie rund sechs Billionen Euro investiert werden. Der Großteil der Last läge bei Verbrauchern und Unternehmen, während der Staat nur einen kleinen Teil trägt. Entscheidend ist dabei die Frage, welche Investitionen wirklich zusätzlich entstehen und welche ohnehin nötig wären. Besonders teuer wird es demnach im Verkehrssektor, während Netzausbau und Gebäudeanpassungen weitere Hauptblöcke bilden.

Wer das Klimaziel 2045 ernst nimmt, landet schnell bei einer einfachen Rechenfrage: Welche Investitionen müssen tatsächlich neu entstehen, wenn Deutschland klimaneutral werden soll? Eine Studie des Prognos-Forschungsinstituts im Auftrag der Förderbank KfW kommt auf einen Gesamtbedarf von etwa sechs Billionen Euro bis 2045. Das entspricht 6000 Milliarden Euro und soll sich auf die Bereiche verteilen, in denen sich Technologien, Infrastruktur und Geschäftsmodelle verändern müssen. In derselben Logik wird auch die Finanzierungsschraube sichtbar: Von den gesamten Investitionen entfallen laut Studie nur zwölf Prozent auf den Staat, den Rest müssten Verbraucher und Unternehmen stemmen.
Auf den ersten Blick klingt die Zahl nach einer „Rieseninvestition“, bei der sich sofort die Frage stellt, wie viel davon tatsächlich zusätzlich ist. Prognos und KfW grenzen das deshalb explizit ab: Knapp die Hälfte der Investitionen würde demnach zusätzlich anfallen, weil Deutschland nicht nur umstellen müsste, sondern auch weiter investieren würde, wenn man bei fossilen Energieträgern wie Kohle, Öl und Gas bleibt. Der KfW-Vorstandschef Stefan Wintels beschreibt den Effekt so, dass sich der zusätzliche Investitionsbedarf relativiert. Von den zur Zielerreichung nötigen rund 290 Milliarden Euro pro Jahr bleibt netto ein Teil übrig, der durch mehr Klimaschutz hinzukommt – etwa die Hälfte, also ungefähr 145 Milliarden Euro pro Jahr.
Technisch und wirtschaftlich entscheidet sich die Kostenstruktur dann daran, wo die Umstellung am stärksten in den Alltag hineinwirkt. Der größte Block entfällt laut Studie auf den Verkehrssektor: Fast die Hälfte der Ausgaben entfällt dort, vor allem auf den Kauf von Pkw mit klimafreundlicheren Antrieben. Doch auch hier hilft die Gegenrechnung: Autos würden ohnehin angeschafft, und der Preisunterschied zwischen Elektrofahrzeugen und Verbrennern schrumpft perspektivisch. Dadurch müssten die Nettoinvestitionen in diesem Bereich nicht sprunghaft „verdoppeln“, sondern steigen dem Studienansatz zufolge nur um ein knappes Fünftel.
Gleichzeitig zeigt sich an den verbleibenden Bereichen, dass Klimaneutralität nicht nur eine Frage einzelner Geräte ist, sondern vor allem eine Frage von Energieinfrastruktur und Umbaugeschwindigkeit. Ein Viertel der sechs Billionen entfällt demnach auf den Energiesektor. Hier sind die Nettoinvestitionen besonders hoch, weil das Stromsystem grundlegend umgebaut werden müsste, wenn Wind- und Solarstrom stärker dominieren. Ein besonderer Hebel liegt dabei in den Stromnetzen, die laut Studie gezielt modernisiert und erweitert werden müssen – ein Feld, in dem besonders viele staatliche Investitionen nötig seien. Im Gebäudesektor macht ein weiteres Fünftel aus, vor allem bei Wohngebäuden, wo besonders viele Extra-Ausgaben anfallen, die ohne Klimaschutz nicht entstehen würden.
Für die Industrie verschiebt sich die Belastung dann in Richtung weniger Akteure, dafür aber mit höherem Druck. Knapp ein Zehntel der notwendigen Investitionen entfällt auf den Industriesektor; die Autoren warnen zugleich vor erheblichen Belastungen: Viele Investitionen konzentrierten sich auf wenige, besonders energieintensive Unternehmen. In solchen Fällen gehen Umstellungen oft mit einschneidenden Änderungen in Produktionsprozessen und im Geschäftsmodell einher. Wenn zudem fossile Energiequellen wie Kohle und Gas ersetzt werden, können Produktionskosten steigen. Das ist problematisch, weil diese Unternehmen häufig im internationalen Wettbewerb stehen und Kostensteigerungen nicht immer vollständig über steigende Produktpreise kompensieren können.
Finanziell lohnt sich Klimaschutz in der Studie allerdings nicht nur „durch Überzeugung“, sondern auch über Kosten- und Effizienzmechanismen. Die Autoren stellen den Einsparhebel über Importabhängigkeit heraus: Fossile Energieträger hätten zuletzt einen Wert von durchschnittlich rund 81 Milliarden Euro pro Jahr nach Deutschland importiert. Dieser Betrag fließe dauerhaft ins Ausland ab, und seine Höhe hänge von Preisen ab, auf die Deutschland kaum Einfluss habe. Zusätzlich entstehen Kosten, wenn mehr Treibhausgase emittiert werden als innerhalb der EU vereinbart. Auf der Nutzenseite adressiert die Studie außerdem die Effizienz: Technologien, die auf Strom setzen, etwa Wärmepumpen und Elektroautos, nutzen Energie besonders effizient und benötigen für die gleiche Leistung weniger Energie als ihre fossilen Alternativen.
Konkreter wird es bei den Energieverbrauchszielen. Zusammen mit Energiesparmaßnahmen wäre bis 2045 je nach Szenario ein um 26 bis 35 Prozent geringerer Energieverbrauch möglich. Dass der Klimawandel selbst ebenfalls wirtschaftliche Kosten verursacht, veranschaulicht die Studie am Hitzesommer. Damit rückt das Thema von „Investitionen als Kostenblock“ stärker in Richtung „Investitionen als Systemwechsel“: Neue Energiepfade, effizientere Technik und der Umbau von Infrastruktur verändern nicht nur Emissionen, sondern auch Kostenströme. Und schließlich verweist die Studie auf Marktchancen für klimafreundliches Wirtschaften: Der globale Markt für saubere Technologien sei zuletzt um 9,6 Prozent pro Jahr gewachsen, und würde sich demnach in weniger als 10 Jahren verdoppeln. Für Deutschlands Startposition nennt die Studie 13 Prozent Anteil am weltweiten Exportvolumen als gut.
Der gewählte Zeithorizont erklärt auch die Datenlogik der Arbeit: Die Autoren betrachten den Zeitraum 2025 bis 2045, weil 2024 das letzte Jahr gewesen sei, für das gesicherte Zahlen zu Investitionen vorlagen. Die ermittelten Werte gelten als Durchschnittswerte aus mehreren Szenarien. Für die Praxis bedeutet das vor allem: Unternehmen und Kommunen sollten nicht nur Einzellösungen planen, sondern den Investitionsbedarf in Programmen zusammenführen, die Netzausbau, Gebäude-Modernisierung und Mobilitätsumstellungen konsistent adressieren. Wer diese Kopplungen ignoriert, riskiert Folgeinvestitionen und Engpässe – genau dort, wo die Studie die größten Kostentreiber verortet.
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