MÜNCHEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Kniegelenksarthrose soll nicht länger durch Schonung „ruhiggestellt“ werden, sondern gezielt durch Krafttraining belastbar bleiben. Sportorthopäde PD Dr. Daniel P. Berthold rückt funktionelles Krafttraining mit Verbundübungen in den Vordergrund. Für den Einstieg nennt er konkrete Übungsbausteine und Trainingsfrequenzen. Entscheidend bleibt dabei das richtige Maß: Bei akuten Schüben oder anhaltender Morgensteifigkeit gilt Pausieren und ärztliche Abklärung.

Schonung klingt bei Kniearthrose oft plausibel, weil Schmerzen das Ausweichen belohnen. Genau dieser Mechanismus kann die Situation aber verschlechtern: Wer das Gelenk konsequent entlastet, baut häufig weniger Kraft und weniger Stabilität in der umgebenden Muskulatur auf. Laut dem Sportorthopäden PD Dr. Daniel P. Berthold vom OrthoCenter München wird deshalb zunehmend ein Ansatz favorisiert, der Belastung nicht pauschal vermeidet, sondern sie dosiert in ein Trainingsprogramm übersetzt. Der Kern ist funktionelles Krafttraining mit Verbundübungen, das die Gelenkfunktion langfristig unterstützen soll, statt die Beweglichkeit „einzufrieren“. Der Vorteil liegt auf der Hand: Muskeln und Sehnen übernehmen als aktive Stabilisatoren einen Teil jener Aufgaben, die das arthrotische Gelenk nur noch eingeschränkt leistet.
Praktisch lässt sich das Konzept anhand einer Fünf-Übungen-Logik erklären, die Berthold als Grundlage beschreibt. Dazu zählen Nordic Hamstring Curls als rückseitiger Trainingsanker, Farmer’s Carry für die Ganzkörper- und Rumpfstabilität sowie Lateral Band Walks, um die seitliche Hüftkontrolle zu schärfen. Ergänzt wird das Paket durch einbeinige Kniebeugen, weil sie die Lastverteilung pro Seite sichtbar machen, sowie durch reguläre Kniebeugen, Kreuzheben oder Ausfallschritte, die je nach Ausgangslage ausgewählt werden können. Bei der Wiederholungszahl setzt Berthold auf typische Kraft-Parameter: Je Übung bewegen sich die Sätze und Wiederholungen in einem Rahmen, der sowohl Ansteuerung als auch belastbare Gewebereaktionen trainieren soll. Für den Einstieg empfiehlt er zweimal wöchentlich rund 20 Minuten, damit sich Technik, Koordination und Belastungsverträglichkeit in einem überschaubaren Zeitfenster entwickeln.
Der medizinische Kontext wird in dem Beitrag zusätzlich breiter abgesichert: Die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie stuft ein gezieltes, medizinisch begleitetes Training als Erstmaßnahme bei den meisten Gelenkbeschwerden ein. Gleichzeitig wird betont, dass die individuelle Ausgangssituation die Details bestimmt. So setzt der Facharzt Sebastian Sorger bei Sera Med Weiz auf persönliche Therapie- und Trainingspläne über zwölf Monate, was vor allem für den Übergang von „Schmerz dominiert“ zu „Belastung wird steuerbar“ relevant ist. Parallel dazu macht der Physiotherapeut Joe Hribick den Umfang der Herausforderung greifbar: Kniebeschwerden beträfen etwa 25 Prozent der Erwachsenen. In diesem Spektrum wirken alltagsnahe Übungen als Türöffner, etwa das Aufstehen vom Stuhl in Varianten von einem Satz mit zehn Wiederholungen bis hin zu drei Sätzen mit Zusatzgewicht. Dazu kommen Side-lying Clamshells zur Hüftmuskulatur sowie Wadenstretches im Stand, die nicht nur Beweglichkeit adressieren, sondern auch die biomechanischen Ketten unterstützen, über die Kraft schließlich im Knie ankommt.
Auch der Blick auf Bewegungsgewohnheiten zeigt, warum „Aktivität ja, aber richtig“ so wichtig ist. In einer im Fachjournal Journal of Orthopaedic & Sports Physical Therapy veröffentlichten Auswertung mit rund 114.800 Personen wird die Arthrose-Häufigkeit in Abhängigkeit vom Aktivitätsprofil beschrieben. Bei Freizeitläufern lag die Quote an Hüfte und Knie demnach bei 3,5 Prozent, während sie bei ausgeprägtem Bewegungsmangel auf 10,2 Prozent anstieg. Bei Leistungssportlern im Wettkampfbereich wurden 13,3 Prozent genannt. Daraus lässt sich nicht der Schluss „Sport für alle“ ziehen, aber die Richtung ist klar: Moderates Laufen scheint das Gelenk nicht grundsätzlich zu schaden. Für Laufanfänger werden zudem Einheiten von zehn Minuten empfohlen, drei- bis fünfmal pro Woche, mit einer Steigerung von maximal zehn Prozent pro Woche, damit Sehnen, Muskelkraft und Gelenkmechanik Schritt halten.
Training bleibt allerdings kein starres Schema, sondern eine adaptive Steuerung von Belastung und Symptomlage. Im Text wird etwa ein spezifisches Schmerzbild beim Treppabgehen erläutert: Schmerzen hinter oder um die Kniescheibe werden häufig mit erhöhter Bremsarbeit des Oberschenkelmuskels im patellofemoralen Gelenk verknüpft. Hier hilft dem Beitrag zufolge gezieltes Training für Oberschenkel-, Hüft- und Gesäßmuskulatur, weil diese Muskelgruppen die Patellaführung und die Lastübertragung im Alltag beeinflussen. Daneben wird ein zweiter Fokus sichtbar: Der Wechsel von Inaktivität zu gezielter Aktivität kann Schmerzen reduzieren, aber nur, wenn das Programm zur individuellen Belastbarkeit passt. Genau deshalb wird auch darauf hingewiesen, dass Training bei Gonarthrose nicht verboten werden sollte, jedoch bei akuten Schüben mit starkem Ruheschmerz oder Morgensteifigkeit über 15 Minuten Pausen sinnvoll sind.
Ein weiterer Punkt ist die Diskrepanz zwischen Bildgebung und Symptomen. Radiologische Befunde sagen nicht immer zuverlässig voraus, wie stark jemand Beschwerden hat: Bei mittelschwerer radiologischer Gonarthrose verspüren laut dem Beitrag nur 40 Prozent der Patienten Symptome, bei schwerer Form immerhin 60 Prozent. Diese Beobachtung macht deutlich, warum „messen und hoffen“ kein Trainingskonzept ersetzt. Orthopäde Lin Xinyu vom Taipei City Hospital warnt zudem vor zu abrupten Belastungssteigerungen beim Gehen oder Wandern, weil Entzündungen provoziert werden können. Wenn akute Warnzeichen wie Schwellungen, Blockaden, Gelenkergüsse oder Instabilität auftreten, raten Mediziner laut dem Text zur zeitnahen fachärztlichen Untersuchung, bevor Übungen fortgeführt oder intensiviert werden. Im Alltag heißt das: Fortschritt bemisst sich nicht nur an „mehr Wiederholungen“, sondern an Stabilität, Schmerzreaktion und der Fähigkeit, Belastung über Wochen hinweg kontrolliert zu steigern.
Für Unternehmen, Reha-Träger oder Sportanbieter ergibt sich daraus eine klare operative Konsequenz: Ein Trainingsansatz bei Kniearthrose sollte nicht als allgemeine Fitnessroutine verstanden werden, sondern als medizinisch anschlussfähiges Belastungsprogramm. Die Kombination aus konkreten Übungsbausteinen (Kraft, Hüftkontrolle, Beinachsenbeherrschung) und einer evidenznahen Einordnung der Aktivitätsmuster erleichtert die Kommunikation gegenüber Patienten, die zwischen „Schonung“ und „Überforderung“ hin- und hergerissen sind. Gleichzeitig zeigt der Beitrag, wie wichtig Progression mit Grenzen ist: Steigerungsraten, Pausen bei Schubsymptomen und die Abklärung bei Red-Flag-Symptomen verhindern, dass aus einem therapeutischen Ansatz versehentlich ein Verschlechterungsrisiko wird. Am Ende bleibt die Botschaft nicht nur physiologisch, sondern auch organisatorisch: Wer Krafttraining strukturiert, kann Beweglichkeit und Funktion unterstützen – und wer Warnsignale ernst nimmt, schützt den langfristigen Erfolg.
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