KIEL / LONDON (IT BOLTWISE) – Der UKSH-Chef sieht bei der geplanten Krankenhausreform in Schleswig-Holstein noch viele offene Fragen. Er kritisiert vor allem die unklare Umsetzung, weil festgelegt werden soll, welche Leistungsgruppen welche Häuser übernehmen dürfen, die Informationen dazu aber zunächst offenbar nicht transparent seien. Zusätzlich verschärft ein Spargesetz nach seinen Angaben den finanziellen Druck auf Universitätsklinika, die bereits mit Defiziten kämpfen. Er erwartet Klarheit erst Ende Dezember und warnt damit vor einem Schritt in ein operatives „Blackbox“-Umfeld.

Die Debatte um die Krankenhausreform bekommt in Schleswig-Holstein schnell einen sehr praktischen Unterton: nicht die Zielrichtung steht im Mittelpunkt, sondern die konkrete Umsetzbarkeit auf der Ebene einzelner Häuser. Laut Aussagen von UKSH-Chef Scholz gegenüber der Deutschen Presse-Agentur in Kiel ist unklar, welche Auswirkungen die Reform im Alltag tatsächlich entfalten wird. Der Kern liegt dabei in der neuen Logik rund um Leistungsgruppen: Kliniken sollen Leistungen nur noch anbieten und abrechnen dürfen, wenn sie definierte Qualitätskriterien erfüllen, zum Beispiel bei Personal, Ausstattung und Fallzahlen. Das soll nach dem reformierenden Ansatz Kosten senken und Versorgung stabiler machen – zugleich treibt es Spezialisierung und kann Angebote schließen, wenn die Bedingungen nicht nachweisbar erfüllt werden.
Technisch und organisatorisch bedeutet das für Krankenhäuser weniger eine „Reform im Sinne neuer Prozesse“, sondern eine Umstellung des gesamten Leistungs- und Abrechnungsrahmens. Entscheidend ist, wer welche Leistungsgruppen bekommt und nach welchen Informationen Kliniken ihre Investitions- und Personalplanung ausrichten sollen. Scholz stellt genau hier einen Haken in den Raum: Bisher sei nicht klar, welches Haus welche Leistungen erbringen müsse. Er führt als Grund Datenschutz an und sagt, Informationen zu den Leistungsgruppen würden mit dem Hinweis darauf nicht transparent gemacht. Damit entsteht in der Vorbereitung eine Planungsunschärfe, die weniger im strategischen Bereich spürbar ist, sondern in Beschaffungs-, Personal- und Kapazitätsentscheidungen, die sich nur mit Vorlauf korrigieren lassen.
Über die Frage der Leistungsgruppen hinaus kommt noch eine zweite Steuerungsdimension: die Versorgungsregionen. Nach Angaben des zuständigen Ministeriums plant das Land mit sechs Versorgungsregionen, die sich nicht nur an geografischen oder administrativen Grenzen orientieren, sondern an tatsächlichen Patientenströmen. So wird etwa die Versorgungsregion Süd-West beschrieben, die Kreise wie Pinneberg und Steinburg sowie Norderstedt umfasst; im Mittelpunkt soll das Klinikum Itzehoe stehen. Gleichzeitig betont die Darstellung, dass Patienten auch nach Umsetzung der Krankenhausreform weiterhin die freie Wahl eines Krankenhauses behalten.
Gerade diese regionale Logik hinterfragt Scholz jedoch. Er zweifelt, ob ein Land mit 2,8 Millionen Einwohnern tatsächlich sechs Versorgungsregionen benötigt, und nennt als Beispiel die Zuordnung von Rendsburg zur Region Flensburg. Seine Argumentationslinie ist dabei vor allem eine Plausibilitätsprüfung aus Patientenperspektive: Es sei unrealistisch, dass jemand aus Rendsburg nach Flensburg fährt, um sich behandeln zu lassen; eher kämen solche Fälle zu Einrichtungen wie dem UKSH-Standort in Kiel, falls eine Versorgung in der ursprünglichen Region nicht möglich sei. Zusätzlich irritiert ihn die Zuordnung Ostholsteins nicht zum UKSH-Standort Lübeck. Unabhängig davon, ob man jede Zuordnung als Einzelfall betrachtet oder als Muster versteht, zeigt sich: Schon die Kartierung von Versorgungsstrukturen beeinflusst, wie Krankenhäuser ihre Rolle in einem regionalen „Routing“ interpretieren.
Der dritte, besonders belastende Strang ist finanzieller Natur und wirkt in der Reform wie eine Gegenkraft. Nach Aussagen des UKSH-Vorstandschefs erhöht das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz, das im Juli in Kraft getreten ist, die Belastung der Krankenhäuser weiter. Er verweist auf Berechnungen, die der Verband der Universitätsklinika für die Universitätskliniken angestellt haben: Für 2027 sei demnach etwa eine weitere Milliarde Euro an strukturellem Defizit zusätzlich zu erwarten, obwohl die Unikliniken bereits mit rund einer Milliarde Euro Defizit in das Problemfeld hineingehen. Wenn sich die Finanzierungslage verschlechtert, verschiebt sich der Handlungsspielraum: Selbst wenn Leistungsgruppen perspektivisch Qualität sichern sollen, fehlt möglicherweise die kurzfristige Investitions- und Personalreserve, um die Anforderungen zügig zu erfüllen.
Das Beitragstabilisierungsgesetz wird in der Quelle als Sparpaket beschrieben, das Ausgabenbremsen in Milliardenhöhe für mehrere Bereiche – Praxen, Kliniken, Apotheken und die Pharmabranche – vorsieht. Gleichzeitig sollen höhere Zuzahlungen und Einschnitte für Versicherte die gesetzlichen Krankenkassen im kommenden Jahr um Milliarden entlasten und neue Erhöhungen der Zusatzbeiträge verhindern. Für die Krankenhausreform bedeutet das: Sie trifft auf eine Situation, in der die Refinanzierung bereits unter Druck steht. Zwar wird von Scholz auch die Hoffnung skizziert, dass die Reform dazu führt, dass wieder mehr Kliniken schwarze Zahlen schreiben, weil theoretisch weniger Häuser bei gleicher Gesamtmasse an Mitteln mehr Spielraum für positive Ergebnisse hätten. Seine Schlussfolgerung fällt aber klar aus: Zum Januar 2027 tue die Reform das seiner Einschätzung nach nicht, „aber die finanziellen Belastungen sind eben da“.
Aus Branchenperspektive ist damit ein Spannungsfeld sichtbar, das über Schleswig-Holstein hinausreicht. Die Reform setzt auf Qualitätskriterien, Spezialisierung und strukturelle Anpassungen – aber sie erfordert gleichzeitig Transparenz über Verantwortlichkeiten (welches Haus welche Leistungsgruppen erbringen muss) und genug finanziellen Atem, um Personal, Ausstattung und Fallzahlen in einem relevanten Zeitfenster anzuheben. Wenn wichtige Informationsflüsse wegen Datenschutz-Argumenten nicht rechtzeitig klar werden und parallel ein Spargesetz die Budgets deckelt oder zusätzliche Belastungen erzeugt, verschiebt sich die praktische Umstellung in Bereiche, die sich schwer „nachjustieren“ lassen. Für Krankenhausleitungen heißt das: Der Umsetzungsplan wird nicht nur eine medizinische Qualitätsfrage, sondern auch ein Projekt für Datentransparenz, Organisationssteuerung und Finanzplanung – und genau dort erwartet Scholz die versprochene Klarheit erst zwischen Weihnachten und Silvester, während das Gesetz im Januar 2027 in Kraft treten soll.
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