MÜNCHEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Das Landgericht München I hat am 31. Juli 2026 im Verfahren (Az. 42 O 763/25) der Klage der GEMA gegen das KI-Startup Suno überwiegend stattgegeben. Das Gericht sieht unbefugte Vervielfältigungen urheberrechtlich geschützter Werke beim Training als erwiesen an und ordnet Unterlassung sowie Auskunftserteilung an. Zudem verpflichtet es Suno zur Leistung von Schadensersatz dem Grunde nach, die Entscheidung ist jedoch noch nicht rechtskräftig. Besonders strittig war nach den Angaben zur Urteilsbegründung auch die Umgehung technischer Schutzmaßnahmen.

Das Urteil des Landgerichts München I vom 31. Juli 2026 trifft die KI-Musikbranche an einer Stelle, an der viele Anbieter bislang vor allem rechtliche Grauzonen vermutet haben: beim Trainingsprozess selbst. Im Verfahren mit dem Aktenzeichen 42 O 763/25 gab das Gericht der Klage der Verwertungsgesellschaft GEMA gegen das US-amerikanische Startup Suno überwiegend statt. Damit geht es nicht primär um die Frage, ob einzelne KI-generierte Songs „kreativ“ genug sind, sondern um die vorgelagerte Phase, in der Modelle urheberrechtlich geschützte Inhalte vervielfältigen. Ein wichtiges Detail für die Praxis: Die Entscheidung ist noch nicht rechtskräftig, aber sie liefert bereits jetzt eine klare Richtung für Lizenz- und Compliance-Fragen rund um generative KI im Musikbereich.
Technisch betrachtet legt die Begründung den Fokus auf die nachweisbare Speicherung und reproduzierbare Einbettung bestimmter Titel in den Trainingsständen. Das Gericht identifizierte sechs konkrete Musikwerke, darunter „Atemlos durch die Nacht“, „Rasputin“ und „Big in Japan“, die durch den Trainingsprozess so weit memoriert worden seien, dass sie in den Modellversionen v3.5 und v4 reproduzierbar enthalten waren. Dazu kommt eine weitere Dimension, die über die Auswahl einzelner Songs hinausgeht: Insgesamt ordnete das Gericht auch das Training an 21 Titeln der Künstlerin Balbina zu. In der Summe nennt das Urteil damit Werke von Interpreten wie Helene Fischer und Alphaville sowie von Balbina als betroffen. Für Entwickler und Produktverantwortliche ist das relevant, weil die Argumentation nicht bei der „Output-Ähnlichkeit“ stehen bleibt, sondern auf der Ebene des Trainings und der dabei erzeugten Datenrepräsentationen ansetzt.
Besonders scharf wird die juristische Linie an der Umgehung technischer Schutzmaßnahmen. Das Landgericht München I sah es als erwiesen an, dass Suno sogenannte Rolling-Cipher-Maßnahmen der Plattform YouTube umgangen habe, um Zugriff auf das Datenmaterial zu erhalten. Genau dieser Punkt ist in der KI-Industrie ein wiederkehrender Streitkomplex: Training wird häufig als „transformative Nutzung“ beschrieben, während Rechteinhaber und Gerichte den unautorisierten Zugang zu geschützten Quellen sowie das Durchbrechen technischer Zugangsschranken stärker gewichten. Wenn Gerichte die Umgehung als erwiesen einstufen, verschiebt sich die Haftungslogik häufig weg von reinen Lizenzfragen hin zu einem Problem der Zugriffskontrolle. Das macht das Urteil über den Einzelfall hinaus zu einem Signal, dass technische Detailentscheidungen in der Datenbeschaffung künftig stärker als Bestandteil der Urheberrechtsprüfung betrachtet werden.
In der rechtlichen Bewertung wies das Gericht die Verteidigungsargumente des Unternehmens zurück. Nach Ansicht der Kammer griffen weder die im US-Recht verankerte „Fair Use“-Doktrin noch die europäische Schrankenregelung für Text- und Data-Mining gemäß § 44b UrhG. Bereits das Angebot des Musikgenerators wertete das Gericht als Verletzung von § 15 UrhG. Darüber hinaus ordnet das Gericht eine Verantwortungskette zu, die für den Markt von großer Tragweite ist: Es befand, dass die Haftung für KI-generierte Outputs beim Anbieter Suno liege und nicht auf Endnutzer übertragen werden könne. Praktisch heißt das für Unternehmen, dass sie ihre Rolle im Lebenszyklus eines Modells – von der Datenerhebung über das Training bis zum Betrieb – als eigenen Risikopunkt begreifen müssen, statt sich hinter Nutzerhandlungen oder „Werkzeug“-Argumenten zu verstecken.
Da der vollständige Urteilstext noch nicht vorliegt, stützen sich die bisherigen Erkenntnisse auf Mitteilungen des Bayerischen Staatsministeriums der Justiz sowie auf Angaben von Prozessbeteiligten. Für die Einordnung ist das wichtig: Teilentscheidungen können später durch Details zur Berechnung des Schadensersatzes, zur Reichweite der Unterlassungsverpflichtung oder zur Auslegung einzelner Tatbestandsmerkmale ergänzt werden. Genau diese Lücke zeigt sich auch in der wirtschaftlichen Dimension. Das Gericht verpflichtete Suno zwar zur Unterlassung und Auskunftserteilung sowie zur Leistung von Schadensersatz dem Grunde nach, die exakte Höhe bleibt aber zunächst offen. Parallel dazu kündigte Suno Berufung gegen das Urteil an, sodass die nächste Instanz voraussichtlich weiter klären muss, wie sich das Training generativer Modelle mit dem geltenden Urheberrecht vereinbaren lässt.
Innerhalb der Musikbranche wurde die Entscheidung laut den zitierten Reaktionen mit großer Aufmerksamkeit aufgenommen. Der GEMA-Chef Tobias Holzmüller bezeichnete den Richterspruch als weltweit wegweisend und verwies darauf, dass Anbieter von Künstlicher Intelligenz reguläre Lizenzen für die Nutzung geschützter Inhalte erwerben müssten. Auch GEMA-Justiziar Kai Welp bewertete das Ergebnis als sehr erfreulich für Rechteinhaber. Für Unternehmen bedeutet das: Die Diskussion um KI-Musik wird von einer abstrakten Debatte über „Transformationswirkung“ stärker in die konkrete Steuerung überführt – also in Fragen wie Datenherkunft, Dokumentation der Trainingsdaten, technische Zugriffspfade und die rechtliche Bewertung einzelner Schnittstellen. Branchenanalysten sehen zudem eine Signalwirkung für ähnliche, noch laufende Verfahren, darunter Klagen der Labels Universal und Sony.
Dass das Landgericht München I bereits im November 2025 in einem vergleichbaren Fall gegen OpenAI und zugunsten der GEMA entschieden habe, unterstreicht die Kontinuität der Linie. In diesem Verfahren sei ebenfalls Berufung eingelegt worden, was die anhaltende rechtliche Unsicherheit in der Branche deutlich macht. Dennoch verschiebt das aktuelle Urteil die Planungsgrundlage: Wenn Gerichte wiederholt die Relevanz des Trainingsprozesses und den Umgang mit Schutzmaßnahmen hervorheben, steigt der Druck auf Anbieter, KI-Entwicklung nicht nur als Modellierungs- und Skalierungsaufgabe zu betrachten, sondern als vollständig dokumentierte, urheberrechtlich abgesicherte Infrastruktur. Für Produktteams und Rechtsabteilungen heißt das kurzfristig: Neue Trainingspipelines müssen Datenquellen, Zugriffsmethoden und Nachweisführung so behandeln, als wären sie selbst ein Kernbestandteil des „Produkts“.
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