LONDON (IT BOLTWISE) – Ledger-CTO Charles Guillemet sieht aktuell keinen kurzfristigen Quantencounter für Bitcoin, warnt aber vor einem mehrjährigen Migrationsbedarf. Im Fokus steht SHRINCS, ein Bitcoin-spezifisches Hash-basiertes Signaturkonzept mit einem kurzen zustandsbehafteten und einem langen zustandslosen Wiederherstellungspfad. Guillemet erklärt, warum Wallet-Funktionen, Hardware-Restriktionen und die Koordination zwischen Nutzern und Altgeldern die Umstellung deutlich erschweren. Offen bleibt zudem, wie man quantenvulnerable Outputs verarbeitet, wenn Schlüsselzugriff verloren geht.

Ledger-CTO: Quantensicheres Bitcoin-Upgrade könnte Jahre dauern
Ledger-CTO: Quantensicheres Bitcoin-Upgrade könnte Jahre dauern (Foto: IT BOLTWISE)
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Es klingt beruhigend, aber es bleibt technisch anspruchsvoll: Laut Ledger-CTO Charles Guillemet droht Bitcoin in der nahen Zukunft kein konkretes Risiko durch Quantencomputer. Der Grund liegt weniger in einem “ewigen” Kryptoschutz, sondern in der Einschätzung, dass ein für den Angriff relevanter Quantencomputer derzeit nicht öffentlich bekannt ist. Trotzdem argumentiert Guillemet für einen frühen Vorlauf, weil die Umstellung auf ein post-quantum-fähiges Design nicht nur im Protokoll passieren muss, sondern bei Wallets, Infrastruktur und Nutzerpraktiken über Jahre koordiniert werden muss.

In seiner Analyse nimmt Guillemet SHRINCS unter die Lupe, ein noch nicht abgeschlossenes, Bitcoin-spezifisches Schema auf Hash-Basis. Das Konzept kombiniert laut Beschreibung einen kurzen, zustandsbehafteten Signaturpfad mit Komponenten, die auf Flexible XMSS sowie WOTS+C aufbauen, ergänzt um einen langen, zustandslosen “Recovery”-Pfad, der sich an Ideen aus dem SLH-DSA-Signaturalgorithmus orientiert. Für die angepeilte Zielstärke nennt Guillemet einen Sicherheitsrahmen von rund 128 Bit klassischer Sicherheit und 64 Bit “Quanten”-Sicherheit; gleichzeitig betont er, dass es sich noch um einen Entwurf ohne vollständigen Sicherheitsbeweis handelt. Damit wird klar: Es geht nicht nur um Geschwindigkeit im Feld, sondern um kryptografische Tragfähigkeit auf Basis sauberer Beweise.

Die praktische Brisanz zeigt sich besonders im Vergleich zu den derzeit weit verbreiteten Signaturschemata. Bitcoin-Wallets nutzen heute ECDSA und Schnorr-Signaturen, die in einem Szenario mit ausreichend leistungsfähigen Quantencomputern grundsätzlich durch den Einsatz des Shor-Algorithmus gefährdet wären. Genau hier setzt die Idee der Hash-basierten Alternativen an, denn sie sollen auch dann robust bleiben, wenn künftige Quantenangriffe ankommen. Allerdings bringt SHRINCS deutlich größere Signaturmaterialien mit: Die zustandsbehafteten Varianten bewegen sich laut Angaben zwischen 548 und 4.619 Byte, während der zustandslose Fallback 5.777 Byte umfasst. Schnorr kommt demgegenüber typischerweise auf 64 Byte; diese Größenordnung macht die Umstellung nicht nur theoretisch, sondern sofort zu einer Frage von Bandbreite, Speicherung und Transaktions-Ökonomie.

Ein weiterer Engpass liegt in der Wiederherstellung: Bei den zustandsbehafteten Signaturen ist ein Wiederverwenden einmaliger Schlüssel nicht vorgesehen. Wenn Nutzer aus einem alten Backup wiederherstellen oder Signaturen von geklonten Geräten ableiten, kann das laut Guillemet zu einem Verlust von Geldern führen, weil die Zustandslogik nicht mehr exakt zur ursprünglichen Signaturhistorie passt. Zwar ließe sich der Signaturschlüssel aus dem ursprünglichen Seed neu ableiten und Gelder damit grundsätzlich transferieren, aber die dafür benötigten Signaturen fallen dann deutlich größer aus. Genau an dieser Stelle kollidieren Sicherheitseigenschaften mit dem realen Umgang der Nutzer: Viele Prozesse im Wallet-Alltag sind optimiert auf “einfach wiederherstellen”, und genau diese Annahmen sind bei zustandsbehafteten Konstruktionen heikel.

Zusätzlich erschweren bestehende Wallet-Funktionen die Migration. Laut Guillemet lassen sich zentrale Mechanismen vieler etablierter Bitcoin-Wallets nicht sauber in Hash-basierte Signaturen übertragen, unter anderem nicht-härtende BIP32-Ableitung sowie Threshold Signing, das heute häufig auf Schnorr basiert. Daneben können Hardware- und Laufzeitrestriktionen zum Thema werden: Post-Quantum-Implementierungen können laut Einschätzung mehr Hashing, mehr Speicherbedarf und längere Signierzeiten verursachen als heutige Bitcoin-Transaktionen. Damit reicht die Frage nach dem “richtigen Algorithmus” allein nicht aus; entscheidend wird, ob Wallets auf typischen Geräten in vertretbaren Zeitbudgets arbeiten und ob die Signaturgrößen die Netzwerklast und die Validierungspfade spürbar verändern.

Ein wichtiges Gegenargument gegen vorschnelle Erwartungen liefert außerdem die Protokollseite: SHRINCS ist kein bereits adoptiertes Bitcoin-Upgrade. Daneben existieren laut Darstellung weitere Quantensicherheits-Vorschläge wie BIP 360, Pay-to-Merkle-Root und BIP 361, die jeweils eine schrittweise Transition in Richtung post-quantum Signaturen nahelegen, sobald entsprechende Verfahren verfügbar sind. Diese Vorschläge sind allerdings ebenfalls noch als Entwürfe in der offiziellen BIP-Umgebung beschrieben. Selbst bei einem späteren Übergang bleiben außerdem Angriffsflächen wie die Subversion existierender Public Keys oder das Ausnutzen eines Fensters zwischen Broadcast und Bestätigung einer Transaktion im Raum. Und schließlich bleibt ein Kernproblem ungelöst: Wie verarbeitet man im Nachhinein Coins in quantenvulnerablen Outputs, wenn Schlüssel verschwinden, Nutzer nicht migrieren oder gar nie ein Upgrade ihrer Wallets durchführen.

Aus Guillemet-Perspektive ist daher weniger die Wahl der Kryptografie das Hauptproblem, sondern die Koordination. Bitcoin ist kein “einmaliges Update” wie bei einer einzelnen Software-App, sondern ein Ökosystem aus Protokollregeln, Wallet-Implementierungen und Nutzeraktionen, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten stattfinden. Protokolländerungen können Nutzer nur dann schützen, wenn sie die Umstellung tatsächlich mitmachen; wer die entsprechenden Wallet-Updates auslässt, bleibt angreifbar. Genau deshalb wirkt die von Guillemet angesprochene mehrjährige Vorbereitung plausibel: In der Zwischenzeit müssen Entwickler Umrüstpfade bauen, Wallet-Anbieter ihre Mechaniken neu ausrichten und Nutzer verstehen, was “Recovery” in einer post-quantum Welt konkret bedeutet.


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