LONDON (IT BOLTWISE) – Ledger bewertet den Coldcard-Exploit als Warnsignal für die Hardware-Wallet-Branche. Im Zentrum steht die Frage, wie Geräte kryptografische Zufälligkeit erzeugen, denn davon hängt die Sicherheit der Wiederherstellungsdaten ab. Laut Ledger sind die eigenen Wallets nicht betroffen, weil sie den Secret-Recovery-Phrase-Wert aus einem zertifizierten Secure-Element-RNG ohne Software-Fallback ableiten. Gleichzeitig beschreibt das Unternehmen, wie KI die Suche nach Schwachstellen beschleunigt und Security-Teams daher „maschinen-schnell“ reagieren müssen.

Ledger warnt vor Coldcard-Exploit: Hardware-Zufall muss AI-schnell getestet werden
Ledger warnt vor Coldcard-Exploit: Hardware-Zufall muss AI-schnell getestet werden (Foto: IT BOLTWISE)
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Der Coldcard-Exploit trifft die Hardware-Wallet-Branche an einer Stelle, die in der Praxis oft unterschätzt wird: nicht beim eigentlichen Verschlüsselungsalgorithmus, sondern bei der Frage, woher die kryptografische Zufälligkeit kommt. Ledger argumentiert, dass die komplette Sicherheitsannahme einer Hardware-Wallet „steht und fällt“ mit dem Zufall, der für die wiederherstellbaren Wallet-Seed-Daten erzeugt wird. Konkret geht es um die Recovery Phrases, also die typischerweise 24 Wörter, aus denen sich die deterministischen Schlüssel ableiten lassen. Sobald der Zufallsprozess schwach oder fehlkonfiguriert ist, kann das die Entropie so stark reduzieren, dass Angreifer Suchräume praktisch verkleinern und private Schlüssel ableiten. Genau diese Art von Schwachstelle beschreibt Ledger als Kernbotschaft des Vorfalls.

Ausgangspunkt war die Offenlegung einer Schwachstelle im air-gapped Coldcard Bitcoin Hardware Wallet, die auf einen Firmware-Build aus dem März 2021 zurückgeht. Der Fehler nutzte dabei nach den Angaben aus der Branche einen Software-Fallback anstelle des hardwarebasierten Zufallszahlengenerators des Geräts. Dadurch wurden Recovery Seeds nicht in der erwarteten Qualität aus dem echten Hardware-RNG gespeist, was laut den Berichten dazu führte, dass bestimmte private Keys „guessable“ wurden. In der Folge erreichten die Verluste nach bisherigen Angaben etwa 130 Millionen US-Dollar, während weitere Diebstähle noch untersucht werden. Auch wenn „air-gapped“ im Marketing für isolierte Systeme steht, zeigt der Fall, dass die Trennung von Netzwerkzugriff und die Qualität des RNG zwei verschiedene Sicherheitsdimensionen sind.

Ledger hebt im Vergleich dazu seinen eigenen Hardware-Ansatz hervor: Die eigenen Wallets beziehen das Root Secret, also die 24-Wort Secret Recovery Phrase, aus einem „true“ Hardware-Random-Number-Generator, der direkt in einem zertifizierten Secure Element eingebaut ist. Nach Darstellung von Ledger soll dabei keine Software-Fallback-Logik existieren, die im Fehlerfall auf weniger vertrauenswürdige Zufallsquellen ausweicht. Der CTO Charles Guillemet betont zudem, dass der Generator für jeden Seed die vollständigen 256 Bits Entropie liefert. Für Security-Architekten ist das mehr als ein Marketing-Satz: In der Praxis wird Sicherheit häufig über Prüfberichte, Zertifizierungen und Modelle zur Bedrohungsannahme verankert. Wenn die eigentliche Entropiequelle aber nicht konsequent aus dem zertifizierten Pfad kommt, entstehen Lücken, die sich selbst dann öffnen können, wenn die Kryptografie-Implementierung ansonsten korrekt wirkt.

Auch die Art, wie solche Fehler entdeckt werden, verändert sich gerade deutlich. Ledger verknüpft den Coldcard-Vorfall mit der Rolle von Künstlicher Intelligenz bei der Schwachstellensuche. Im Unternehmensblick kann KI Code scannen, Konfigurationen durchsuchen und Muster erkennen, die menschliche Reviewer übersehen, und zwar in der Geschwindigkeit, die bisher eher Tools und automatisierten Scannern vorbehalten war. Diese Beschleunigung wirkt doppelt: Für Angreifer wird es leichter, öffentlich verfügbare Implementierungen systematisch nach möglichen Abweichungen zu untersuchen, für Verteidiger dagegen steigt der Druck, dass Reviews und Audits ebenfalls „bei Maschinen-Tempo“ stattfinden müssen. Ledger fordert deshalb Security by Design, ergänzt durch Hardware-Entropie und mathematische Nachvollziehbarkeit statt nur durch einmalige Prüfungen am Ende der Entwicklung.

Historisch betrachtet ist das Thema „RNG-Qualität“ im Wallet-Umfeld keines, das erst mit KI relevant wurde. Schon früh waren Schwachstellen bekannt, die auf schlecht gesicherte Zufallsquellen, deterministische Artefakte oder fehlerhafte Seed-Initialisierungen zurückgingen. Neu ist eher die Kombination aus zwei Faktoren: Erstens bleiben manche Schwächen lange in öffentlichen Codebasen, weil sie nicht sofort triggern oder nur in Randfällen sichtbar werden. Zweitens können moderne KI-gestützte Suchmethoden die Zeit verkürzen, bis ein Muster in Code und Firmware als potenzielle Schwachstelle erkannt wird. Ledger verweist darauf, dass ein in öffentlichen Code enthaltenes Problem, das über Jahre verborgen blieb, erst durch den Einsatz von KI-gestützter Analyse entdeckt worden sei. Für Unternehmen bedeutet das: Es reicht nicht, auf „Offenheit“ zu setzen, denn Offenlegung ist nicht automatisch gleichbedeutend mit wirksamer Überprüfung.

Ledger ordnet das Vorgehen zudem in den laufenden Prozess der eigenen Code-Reviews ein. Das Unternehmen erklärt, es habe in den vergangenen zwei Jahren sowohl KI als auch menschliche Security Engineers und Kryptografen genutzt, um Codebereiche systematisch zu prüfen und potenzielle Schwachstellen vor einem Angriff zu identifizieren. Ergänzend nennt Ledger ein eigenes Research-Labor („Donjon“), das Produkte gezielt testen soll, bevor externe Akteure dies tun können. Solche Strukturen sind für die Wallet-Industrie besonders wichtig, weil sich Fehler häufig in der Kombination zeigen: etwa wenn Firmware-Pfade, Fehlerbehandlung und kryptografische Initialisierung zusammenwirken. Genau hier können Software-Fallbacks entstehen, die im Normalbetrieb nie aktiv werden, aber im Ausnahmefall eine Sicherheitsgarantie brechen. Ein Laboransatz, der auch diese Grenzfälle erzwingt und Angriffsmodelle durchspielt, wirkt deshalb wie eine Ergänzung zu formalen Zertifizierungen.

Für Anwender formuliert Ledger daraus eine konkrete Erwartung an Evaluation und Einkauf: Wer eine Hardware-Wallet bewertet, sollte verstehen, wie sie Zufälligkeit erzeugt, und ob dieser Prozess unabhängig zertifiziert ist. Das Unternehmen bringt die Aussage auf die knappe Formel, dass Zufall aus physikalischen Quellen kommen müsse und nicht nur „in einem Modell“ behauptet werden darf. Damit ist die zentrale Prüffrage nicht, ob ein Vendor einen RNG „einsetzt“, sondern ob der vollständige Entropiepfad im realen Betrieb zuverlässig und ohne ausweichende Software-Mechanismen in der erwarteten Qualität läuft. Gerade bei Geräten, die als „tamper-resistant“ oder „secure element based“ vermarktet werden, wird die Zertifizierungs- und Audit-Kette zum entscheidenden Differenzierungsmerkmal.

Am Ende zeigt der Coldcard-Fall in Verbindung mit Ledger’s Position vor allem eines: Hardware-Wallet-Sicherheit ist eine Systemeigenschaft. Kryptografie-Primitive können stark sein, während die entscheidenden Schwachstellen am Rand des Systems entstehen – etwa im Umgang mit Fehlerfällen, in der Firmware-Kompatibilität über Releases hinweg oder in der Art, wie Entropie in der Praxis bereitgestellt wird. Wenn KI künftig noch breiter für Code- und Konfigurationsanalyse eingesetzt wird, verschiebt sich das Gleichgewicht weiter in Richtung kontinuierlicher, automatisierter Prüfungen, die menschliche Kryptografie-Expertise nicht ersetzen, aber beschleunigen. Für die Industrie heißt das: Audits müssen nicht nur „stattfinden“, sondern in den relevanten Codepfaden auch wirklich bis zur Entropiequelle durchgreifen.


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