LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Untersuchung zur webOS-Plattform von LG beschreibt, dass Smart-TVs wiederholt das lokale Heimnetzwerk nach anderen Geräten durchsuchen. In den Tests wurden sogar Endgeräte erkannt, die zum Zeitpunkt der Messung nicht mit dem Fernseher verbunden waren. Zusätzlich sollen Funktionen wie Automatic Content Recognition Inhalte mitsenden und Sprachbefehle als Text protokollieren. Im Fokus stehen damit weniger einzelne Fehler als die enge Verknüpfung von Netzwerksuche, Medienanalyse und Werbe-Tracking.

Die Schlagzeile klingt zunächst nach einem klassischen Fall von „Smart-TV misst zu viel“, technisch betrachtet geht es aber um mehr: Nach einer Analyse zur webOS-Plattform sollen LG-Fernseher das lokale Heimnetzwerk aktiv nach weiteren Geräten durchsuchen, inklusive Informationen, die im Alltag nur dann auffallen, wenn man sie einmal paketweise aus dem Verkehr herausfiltert. In den beschriebenen Tests identifizierten die Forscher demnach Geräte wie Smartphones, Smartwatches, Drucker, Netzwerk-Switches, Thermostate – und sogar einen 3D-Drucker. Entscheidend ist dabei, dass diese Hardware zu keinem Zeitpunkt direkt mit dem Fernseher verbunden war. Ein einzelnes Testgerät erkannte im selben Netzwerk wiederholt 38 fremde Endgeräte, darunter laut den Angaben auch Geräte von Mitarbeitenden, die nichts über die Messung wussten.
Für die technische Einordnung spielte die Methodik eine zentrale Rolle: Die Untersuchung setzte auf Netzwerk-Traffic-Analyse mit Wireshark, untersuchte außerdem Firmware-Bauteile und verschaffte sich Root-Zugriff auf Testgeräte, um Systemprozesse und Protokolldateien einsehen zu können. Damit wird nachvollziehbar, warum die Ergebnisse als „in die Plattform integriert“ beschrieben werden und nicht nur auf eine einzelne Sicherheitslücke hinauslaufen. Gamers Nexus betont in diesem Kontext, dass ein großer Teil der beobachteten Netzwerkerkennung und Datenerfassung fest in die LG-Fernseher integriert sei. Für Unternehmen und Security-Teams ist das relevant, weil sich solche Verhaltensmuster oft nicht mit einem kurzfristigen Patch „wegdrücken“ lassen, sondern eher von Einstellungen, Funktionen oder Logikpfaden der Geräte abhängen.
Besonders viel Angriffs- und Datenschutzpotenzial steckt in den Arten der gesammelten Informationen. Laut den Ergebnissen sollen sich unter anderem IP-Adressen und Standortdaten entlocken lassen, außerdem interne IP-Adressen anderer Netzwerkgeräte. Dazu kommen Namen sowie Signalstärke und Kanäle benachbarter WLAN-Netzwerke – Informationen, aus denen unter Umständen Rückschlüsse auf den physischen Standort möglich sind. Daneben werden weitere vernetzte Endgeräte erfasst, und über die Bilderkennungstechnik ACR (Automatic Content Recognition) sollen Bildschirminhalte erkannt werden. Auch Audio-Fingerabdrücke abgespielter Inhalte sowie in Text umgewandelte Sprachbefehle, gespeichert in geräteinternen Protokollen, werden genannt. Hinzu kommen gespeicherte Einwilligungs- und Datenschutzeinstellungen der Nutzer – also nicht nur „Daten“, sondern auch Kontext, der spätere Entscheidungen oder Auswertungen im Werbe-Ökosystem erleichtern kann.
Der technische Kern für den Werbekontext liegt nach der Analyse bei ACR. In bestimmten Konfigurationen soll ACR demnach selbst dann aktiv bleiben, wenn der Fernseher nur als HDMI-Bildschirm genutzt wird. In einem Testfall verband sich ein Gerät wiederholt mit Servern eines Werbeanbieters, der als Alphonso Inc. im Kontext der Tochtergesellschaften genannt wird. Das Werbegeschäft läuft dabei über LG Ad Solutions, die in der Untersuchung mit den Alphonso-Angaben verknüpft wird; LG habe 2021 eine Mehrheitsbeteiligung an Alphonso übernommen, um Connected-TV-Werbung und Analysen auszubauen. Über diese Kette sollen nach Schätzung der Forscher auch ACR-bezogene Daten in Größenordnungen im laufenden Betrieb übertragen werden: genannt wird für einen einzelnen Testfernseher ein Volumen von etwa 4 Gigabyte pro Monat. Zusätzlich sollen die Nutzung der App „LG Channels“ Netzwerkanfragen erzeugen, aus denen sich ablesen lässt, welcher Kanal gerade läuft.
Neben dem „Sehen und Erkennen“ kommt das „Hören“ als zweiter sensibler Block dazu. Die Untersuchung beschreibt, dass ein Mikrofon nach Ende einer Sprachäußerung noch 10 bis 15 Sekunden aktiv bleiben konnte, sodass auch umstehende Personen erfasst werden. Zudem sollen Audioaufnahmen aufgezeichnet worden sein, während der Fernseher offenbar bereits ausgeschaltet war und sich im Standby befand. Unabhängig davon nennen die Beteiligten außerdem Schwachstellen in webOS, die das Ausführen von Code aus der Ferne ermöglichen könnten; konkrete Details sollen laut den Angaben zurückgehalten werden, bis der Prozess einer verantwortungsvollen Offenlegung abgeschlossen ist. Nach der Übernahme von Testgeräten seien zudem Aufnahmen über eingebaute Mikrofone, über angeschlossene USB-Webcams sowie über Mikrofone in Fernbedienungen möglich gewesen. In einem Beispiel soll eine lokale Audioaufnahme bei einem LG G5 sogar weitergelaufen sein, nachdem die Netzwerkverbindung getrennt wurde; nach Wiederherstellung seien die gespeicherten Daten dann hochgeladen worden. Gleichzeitig stellen die Forscher ausdrücklich klar, dass diese Demonstrationen nicht beweisen, dass LG heimlich private Gespräche mitschneidet; sie zeigen jedoch, dass vorhandene Hard- und Softwarefunktionen nach einer Kompromittierung missbraucht werden könnten.
Gerade für Umgebungen mit erhöhtem Risiko – etwa Hotels, Krankenhäuser oder Besprechungsräume – verschiebt sich damit die Priorität: Smart-TVs sind nicht mehr nur Konsumgeräte, sondern potenziell sichtbare Teilnehmer im Netzwerk, die zugleich Medien erkennen und Kontextdaten bereitstellen. Wenn Geräte Funktionen wie Netzwerksuche, ACR-Auswertung und Protokollierung im Hintergrund kombinieren, reicht ein einzelnes „Angriffsdetail“ unter Umständen nicht aus, um das Risiko zu begrenzen. Entsprechend formulieren die beteiligten Forscher praktische Empfehlungen: LG-Smart-TVs sollen vorsorglich vom Internet getrennt werden, solange die beschriebenen Sicherheitslücken noch nicht öffentlich behoben sind, und stattdessen ein separates Streaming-Gerät genutzt werden. Datenschutzseitig wird außerdem angeraten, ACR sowie werbebezogenes Tracking in den TV-Einstellungen zu deaktivieren, die Sprachsteuerungseinstellungen zu prüfen und einzuschränken, nicht benötigte Mikrofone oder Webcams zu trennen sowie den Smart-TV im Heim- oder Firmennetzwerk von sensiblen Systemen zu isolieren, beispielsweise über ein separates Gäste- oder IoT-Netzwerk. Wichtig ist dabei der Hinweis aus der Untersuchung: LG habe sich zu den konkreten Vorwürfen bislang nicht im Detail öffentlich geäußert, die Einschätzungen stammen aus den Beobachtungen und Analysen der beteiligten Sicherheitsforscher.
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