BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – „Made for Germany“ sollte vor einem Jahr als Signal für einen großen Investitionsschub gelten, doch eine ZEW-Auswertung zeigt ein deutlich langsameres Tempo. Statt der angekündigten Größenordnung flossen 2025 rund 52 Milliarden Euro in Deutschland. Gleichzeitig bleibt unklar, wie die Initiative einzelne Projekte als „Investition“ rechnet, was die Glaubwürdigkeit untergräbt. Während Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing und Siemens-CEO Roland Busch Tempo fordern, drohen Reformdebatten und fehlende Definitionen die nächste Runde der Standort-Inszenierung zu überschattetn.

„Made for Germany“: Investitionsversprechen bleiben hinter Zielen zurück
„Made for Germany“: Investitionsversprechen bleiben hinter Zielen zurück (Foto: IT BOLTWISE)
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Als Bundeskanzleramts-Termin zum Jahrestag praktisch ausfiel, wirkte „Made for Germany“ auf den ersten Blick wie eine Initiative, die ihren eigenen Rhythmus verliert. Vor einem Jahr hatte Friedrich Merz das Projekt noch als sichtbaren Schulterschluss der Wirtschaft inszeniert: Rund 50 CEOs im Kanzleramt, ein Foto auf der Freitreppe, ein Strahlen für die Kameras. Die Leitidee war klar: Koalitionsgerangel sollte überstrahlt werden, und der Standort Deutschland sollte als „open for business“ wirken. Doch genau an dieser Stelle kippt die Story in eine nüchterne Rechnung, sobald man auf die tatsächlichen Investitionszahlen schaut.

Eine Analyse des Leibniz-Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) legt den Engpass offen: 61 Mitgliedsunternehmen hatten damals 631 Milliarden Euro an zusätzlichen Investitionen bis 2028 versprochen, später wurde die Summe sogar auf 800 Milliarden Euro erhöht. Laut der ZEW-Berechnung investierten die beteiligten Unternehmen 2025 rund 52 Milliarden Euro in Deutschland. Das entspricht zwar einem Plus von 5,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr, aber die Dynamik reicht nicht annähernd, um die großen Zielmarken bis 2028 zu erreichen. Christian Rammer vom ZEW macht dabei vor allem die fehlende mathematische Passung deutlich: Wenn sich diese Entwicklung fortschreibt, wären weder 631 Milliarden Euro noch die aufgerundeten 800 Milliarden Euro realistisch.

Der zweite Grund für die wachsende Skepsis liegt weniger in der Zahl selbst als in der Definition. Rammer beschreibt, dass die Initiative nie festgelegt habe, was aus ihrer Sicht als „Investition“ gilt oder wie ein altes Projekt in die Bilanz einfließt. Genau das erschwert den externen Blick auf die Zusage, weil sich die Summe von 631 Milliarden Euro offenbar nicht transparent herleiten lässt. Auch die zentrale politische Stelle, die im vergangenen Jahr als Bühne diente, hatte nach Darstellung der Analyse keine Kenntnis über die Berechnung. Für Unternehmen ist das zwar zunächst eine PR-Frage, im Kern ist es aber ein Daten- und Governance-Thema: Ohne nachvollziehbare Methodik können Fortschritte weder plausibilisiert noch intern sauber gemanagt werden.

Dass „Made for Germany“ inzwischen zudem mit Zeitverzug operiert, zeigt sich am Charakter vieler „Leuchtturmprojekte“. Einige Vorhaben seien teils seit Jahren in der Planung, andere bereits im Bau, wieder andere – wie der Siemens Technology Campus in Erlangen – längst fertig. Währenddessen ändern sich im laufenden Geschäft andere Rahmenbedingungen: Unternehmen wie Volkswagen und Zalando bauen Stellen in Deutschland ab. Genau hier stellt sich für Stakeholder die Frage, ob derartige Verschiebungen in der Gesamtbilanz berücksichtigt werden, denn eine Investitionsstory ohne negative oder zumindest neutralisierende Gegenbewegungen wirkt schnell wie eine einseitige Betrachtung. Die Initiative verteidigen ihre Protagonisten dabei nicht mit Details zur Methodik, sondern mit Appellen an Geschwindigkeit.

Im politischen Teil der Debatte verschiebt sich der Fokus dann vom Standortversprechen zur Arbeits- und Steuerlogik. Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing erkennt zwar im Reformpaket der Regierung einen ersten Schritt, fordert aber „mehr Tempo“ und „mehr Mut“ – dauerhaft. Siemens-CEO Roland Busch knüpft daran konkret an: Die Teilzeitquote sei zu hoch, zugleich fehle Flexibilität. Besonders zugespitzt ist seine Kritik an der Arbeitszeit-Regelung, weil in Deutschland die Arbeitszeit „auf den Tag“ festgelegt werde, nicht auf die Woche. SPD-Arbeitsministerin Bärbel Bas spricht wiederum darüber, den klassischen Acht-Stunden-Tag durch eine wöchentliche Höchstarbeitszeit zu ersetzen – allerdings nur für tarifgebundene Unternehmen. Für Start-ups und kleinere Betriebe würden dagegen weiterhin Regeln gelten, die auf das Arbeitszeitgesetz von 1932 zurückgehen. Gleichzeitig steht in der SPD-Debatte auch Steuerpolitik im Raum, etwa bei Erbschaften und der Wiederaufnahme einer Vermögensteuer; Sewing bezeichnet zusätzliche Steuern als „nicht hilfreich“, wenn gerade Investoren Signale für Bewegung erwarten.

Parallel dazu adressieren die Initiatoren die Konkurrenzfrage – und damit auch den nächsten Hebel für Investitionen: Technologische Wettbewerbsfähigkeit, etwa durch industrielle KI. Busch verweist darauf, dass industrielle KI vom Zugang zu industriellen Daten lebt und dass Europa hier eine reale Chance habe, wenn es die Datenbasis nicht durch übermäßige Regulierungsanstrengungen wieder einengt. Auch der Umgang mit öffentlichen Milliarden spielt in diese Logik hinein: Beim 500-Milliarden-Euro-Sondervermögen für Infrastruktur sehen Ifo-Institut und Institut der deutschen Wirtschaft (IW) eine zweckentfremdende Wirkung zugunsten des Kernhaushalts, statt zusätzlichen Investitionsimpuls zu erzeugen. ZEW-Ökonom Rammer widerspricht genau dieser Hoffnung auf „Standortvorteil durch Sondertopf“ mit dem Hinweis, dass daraus keine ausreichende Wettbewerbsfähigkeit entstehe. Damit wird klar: Für Investoren zählt nicht nur die Großzahl auf einer Folie, sondern die tatsächliche Kaskade aus Regelungsqualität, Umsetzungsfähigkeit und Daten-/Technikinfrastruktur.

Während Merz bereits die nächste große Inszenierung vorbereitet, zeigt sich die strukturelle Wiederholungsgefahr. Im Oktober soll in Berlin ein internationaler Investorengipfel stattfinden, um Kapital aus dem In- und Ausland anzuziehen. Vorbild ist Frankreichs „Choose France“-Ansatz, und intern wird seit rund einem Jahr an einer „Equity Story“ gearbeitet, die Deutschland als Investitionsstandort positionieren soll. Für die Präsentation wurde sogar eine Location gewählt, die einen Blick auf das (wiederaufgebaute) Stadtschloss ermöglicht – ein deutlicher Hinweis darauf, wie stark Symbolik weiterhin zur Strategie gehört. Ökonom Stefan Kooths warnt jedoch: Solche Initiativen „verpuffen“, wenn daraus keine echte Politik folgt. Für Unternehmen und Entwickler bedeutet das konkret, dass sich Investitionsentscheidungen künftig daran messen lassen müssen, ob die Reformen in messbare Umsetzung übergehen – nicht nur an einem neuen Eventkalender.


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