ESRANGE SPACE CENTER / LONDON (IT BOLTWISE) – Die DLR-Höhenforschungsrakete MAPHEUS-17 startete am 1. Oktober 2026 vom Esrange Space Center in Nordschweden und brachte mehr als 360 Kilogramm Nutzlast auf knapp unter 300 Kilometer Höhe. Für rund sieben Minuten herrschten nahezu schwerelose Bedingungen, während ein Flugzeug parallel Raketenabgase in der Atmosphäre gezielt erfasste. An Bord liefen unter anderem ARTEC für das Erstarren von Metalllegierungen sowie die Standard-Experimentmodule MOSAIC 1 und MOSAIC 2. Insgesamt konnten mehrere kompakte Technologie- und Nachwuchstests in einem einzigen Flug weiterentwickelt werden.

MAPHEUS-17: DLR testet Schwerelosigkeit, neue Messverfahren und kompakte Experimente
MAPHEUS-17: DLR testet Schwerelosigkeit, neue Messverfahren und kompakte Experimente (Foto: IT BOLTWISE)
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Am 1. Oktober 2026 um 08:51 Uhr hob die DLR-Höhenforschungsrakete MAPHEUS-17 vom Esrange Space Center in Nordschweden ab. Mit einer fast zwölf Meter langen Rakete, die bei einem Startgewicht von 2,3 Tonnen rund 16 Minuten über der Tundra flog, erreichte sie eine maximale Höhe von knapp unter 300 Kilometern und beförderte dabei mehr als 360 Kilogramm Nutzlast. Entscheidend für den Forschungswert ist jedoch nicht nur die Höhe, sondern die Zeitfensterung: Nach dem Abtrennen der Antriebsstufen setzte die Nutzlast ihren Flug auf einer parabelförmigen Bahn fort und nutzte rund sieben Minuten Bedingungen, die der Schwerelosigkeit sehr nahekommen.

Technisch basiert der Flug auf zwei Stufen, die zusammen den Höhenflug ermöglichen: Als untere Stufe kam RED KITE zum Einsatz, gemeinsam von DLR und Bayern-Chemie entwickelt. Darüber folgte eine Improved Malemute als obere Stufe. Für die Nutzlast bedeutete die anschließende freie Bahn, dass Experimente im Wesentlichen im „freien Fall“ liefen, also ohne die dominierende Einwirkung der Schwerkraft. In der letzten Phase bremste ein Fallschirmsystem die Nutzlast ab, bevor sie sicher im vorgesehenen Gebiet landete und anschließend per Hubschrauber geborgen wurde.

Das MAPHEUS-Programm lebt seit 2009 von einer Wiederholbarkeit, die in der Raumfahrt nicht selbstverständlich ist: In der Regel finden die Flüge jährlich statt. Dadurch können Forschende nicht nur einmalig messen, sondern Experimente gezielt weiterentwickeln und erneut in den gleichen physikalischen Bedingungen testen. Genau hier setzt ein Beispiel an, das auf Materialprozesse abzielt: Das DLR-Experiment ARTEC (AeRogel TEchnology for Cast alloys) untersucht, wie metallische Legierungen in Schwerelosigkeit erstarren. Kurz vor dem Start werden die Materialproben in fünf miniaturisierten Spezialöfen unter Vakuumbedingungen geschmolzen und flüssig gehalten; sobald im Flug die nahezu schwerefreie Phase beginnt, kühlen die Proben ab und erstarren. Ohne die Schwerkraft lassen sich die grundlegenden Erstarrungsprozesse genauer beobachten, weil sie weniger von sedimentations- und konvektionsgetriebenen Effekten beeinflusst werden und so die spätere innere Struktur sowie mechanische Eigenschaften stärker im Fokus stehen.

Neben einzelnen, größeren Experimenten ist MAPHEUS auch deshalb interessant, weil es eine Art Stecksystem für kompakte Teststände bereitstellt. Das DLR trägt dafür die beiden MOSAIC-Module (Micro-Experiments On Sounding Rockets As Insert Cubes, Mikroexperimente auf Höhenforschungsraketen als Einbauwüfel) mit, die über standardisierte mechanische, elektrische und digitale Schnittstellen verfügen. Das verringert Integrationsaufwand: Wie bei Kleinsatelliten bildet ein Würfel mit zehn Zentimetern Kantenlänge ein Grundformat, größere Setups entstehen durch Kombination mehrerer Würfel. Auf MAPHEUS-17 waren insgesamt zehn solcher standardisierten Experimente in MOSAIC 1 und MOSAIC 2 untergebracht. Ein Beispiel ist VESICOLOS: ein miniaturisiertes Mikroskop, mit dem sich Zellen, Biofilme oder Membranstrukturen unter Weltraumbedingungen untersuchen lassen. Außerdem prüfte das DLR mit „TEGonaut“, wie thermoelektrische Generatoren (TEG) Sensoren und Nutzlasten mit Strom versorgen können; solche Systeme nutzen vorhandene Wärmequellen, arbeiten ohne bewegliche Teile und können auch unter extremen Bedingungen kleine Energiemengen bereitstellen.

Für den Transfer in den späteren Raumfahrtbetrieb spielt nicht nur die reine Messzeit eine Rolle, sondern auch die Daten- und Prozesskette drumherum. In diesem Flug erprobte das DLR erstmals, ob und wie sich die Abgase von Raketen wissenschaftlich erfassen und messen lassen. Dafür startete wenige Minuten nach MAPHEUS-17 das Forschungsflugzeug Falcon 20E in den von der Flugsicherung freigegebenen Luftraum; das Spezialflugzeug kreiste etwa eine Stunde in Höhen zwischen zwei und sechs Kilometern. Die zentrale Herausforderung bestand darin, mit dem Messflugzeug möglichst gezielt in die Abgasfahne der Forschungsrakete zu fliegen, die sich im Verlauf ausbreitet und verdünnt. Vor und während des Flugs standen die Piloten daher in engem Kontakt mit den Teams von MAPHEUS-17, SSC Space und der Flugsicherung, um das Messfenster präzise zu treffen.

Auch organisatorisch erweitert MAPHEUS den Zugriff auf Schwerelosigkeit: Vier weitere kompakte Experimente kamen von Nachwuchsteams. Teilnehmende der Initiative „Jugend hackt“ sowie Schülerinnen und Schüler konnten gemeinsam mit den DLR_School_Labs an den DLR-Standorten Köln und Oberpfaffenhofen eigene Versuche entwickeln und für einige Minuten in die Schwerelosigkeit schicken. Dabei untersuchten sie beispielsweise, wie sich Flüssigkeiten in Schwerelosigkeit verhalten, und bauten eigene Messplattformen auf Basis von Kleinstcomputern und zahlreichen Sensoren. Ergänzend verfolgte eine Schulgruppe des Otto-Hahn-Gymnasiums in Bensberg bei Köln Startvorbereitungen vor Ort in Nordschweden mit Unterstützung von Förderern. Parallel testete das DLR neue Verfahren zur Übertragung großer Datenmengen, zur Verarbeitung von GPS-Signalen sowie neue Flugrechner – darunter Systeme des schottischen Startups Aurora Avionics.

Das übergreifende Ziel beschreibt das DLR selbst: Dr. Anke Pagels-Kerp, Bereichsvorstand Raumfahrt des DLR, ordnet MAPHEUS-17 als „mehr als ein fliegendes Labor“ ein und betont, dass sich das Programm zu einer flexiblen Testplattform für Technologien entwickelt, die später auf Satelliten oder orbitalen Forschungsstationen eingesetzt werden können. Gleichzeitig wolle man den Zugang zur Schwerelosigkeitsforschung auch stärker für die Wirtschaft öffnen. Für den Markt ist die Logik klar: Standardisierte Einbauwüfel, wiederkehrende Fluggelegenheiten und relativ kurze Integrationszyklen senken die Hürde, physikalische Fragestellungen oder Prototypen überhaupt unter relevanten Bedingungen zu validieren. Und auch programmatisch bleibt ein Punkt zentral: Neben der Forschung an Materialien und Sensorik liefert die Abgas-Messinitiative ein weiteres Puzzleteil, wenn künftig deutlich mehr Raketenstarts stattfinden – genau darauf richtet das DLR den Fokus laut eigenen Angaben mit dem Ziel, empirische Daten frühzeitig zu sammeln und technische Lösungen abzuleiten.


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