MIDTOWN MANHATTAN / LONDON (IT BOLTWISE) – Mark Carney beschreibt in einem Interview, wie Kanada innerhalb eines Jahres seine Abhängigkeit von US-Technologie reduziert. Besonders nennt er den Rückbau bei Kommunikationssatelliten rund um Starlink sowie die Prüfung alternativer Kampfflugzeuge für den Einsatz in arktischen Regionen. Gleichzeitig betont er, dass er extreme „Tail Risks“ durchspielen lässt, falls die USA eskalieren. Für Carney bleibt die Beziehung zu den USA trotzdem grundsätzlich verhandelbar – und langfristig berechenbar.

Mark Carney: Kanada will KI- und Hightech-Abhängigkeit von den USA senken
Mark Carney: Kanada will KI- und Hightech-Abhängigkeit von den USA senken (Foto: IT BOLTWISE)
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Kanadas Regierungschef Mark Carney zeichnet das Bild einer Partnerschaft, die zwar täglich funktioniert, aber in ihrer Verwundbarkeit neu vermessen wird. In einem ausführlichen Gespräch in Midtown Manhattan ordnete er an mehreren Stellen die politischen und technologischen Abhängigkeiten ein, die sein Land bei US-Entscheidungen automatisch mitträgt. Auffällig ist dabei der Fokus: Carney spricht nicht nur über Zölle oder Lieferketten, sondern über „Schlüsseltechnologie“ – von Raumfahrtkomponenten bis hin zu Kampfsystemen. Damit verbindet sich eine strategische Botschaft an IT-Entscheider, die sonst häufig auf rein wirtschaftliche Risiken schauen: Wenn Plattformen, Schnittstellen oder Hardware-Ökosysteme an eine fremde politische Lage gekoppelt sind, wird Verfügbarkeit selbst zu einem Cyber- und Resilienzthema.

Technisch greifbar wird das an seinem Umgang mit Satellitenkommunikation. Carney nennt Starlink ausdrücklich als Bereich, von dem Kanada „diversifizieren“ will – nicht, weil Satelliten selbst ersetzbar wären, sondern weil Abhängigkeit von einem konkreten Betreiber politisch „umklappbar“ ist. In der Praxis bedeutet das für Organisationen, dass sie nicht nur Datenflüsse, sondern auch Betriebs- und Degradationspfade planen müssen: Welche Services laufen weiter, wenn ein Anbieter temporär weniger liefern kann, die Nutzung eingeschränkt wird oder die Priorisierung kippt? Carney stellt zwar klar, dass andere Netzoptionen derzeit noch weniger leistungsfähig und resilient seien, betont aber, dass man mit Partnern skaliere und so die Abhängigkeit verkürze – insbesondere für den Verteidigungsbedarf und mit Blick auf die Bündelung über Regionen hinweg.

Parallel dazu verlagert Carney die Diskussion von der Satellitenebene in den Beschaffungs- und Fähigkeitenraum, also dahin, wo Technologie über Jahrzehnte fest verdrahtet wird. Er beschreibt, dass die kanadische Regierung einen geplanten Auftrag über 88 F-35-Jets überprüft und zugleich einen Gegenvorschlag in Betracht zieht, um schwedische Saab Gripen-Kämpfer zu beschaffen. Entscheidungsrelevant seien dabei nicht nur unterschiedliche Leistungsprofile, sondern auch strategische Abhängigkeiten und der wirtschaftliche Rückfluss. Für die IT-Welt ist das ein bekanntes Muster aus Architektur-Reviews: Wer Fähigkeiten einkauft, kauft zugleich Datenzugänge, Wartungslogiken, Trainingsprozesse und Integrationsschnittstellen mit. Carney geht zudem auf den Wunsch ein, Flugzeuge zu ordern, die für den arktischen Einsatz gut geeignet sind – ein Hinweis, dass Klima- und Einsatzbedingungen die Validierung von Technologieeigenschaften stärker prägen als reine Spezifikationswerte im Labor.

Dass Carney das Thema „Resilienz“ nicht als abstrakte Leitlinie, sondern als Planungsprozess versteht, zeigt sein wiederkehrender Verweis auf Worst-Case-Szenarien. Er sagte, er habe sich über das vergangene Jahr auf ein „extremes Tail Risk“ vorbereitet, falls Präsident Trump militärische Schritte gegen Kanada anordnen könnte. Gleichzeitig machte er deutlich, dass die Kommunikation mit der US-Seite regelmäßig stattfindet – die Spannung sei „tense“ und entwickle sich, aber sie ist nicht vollständig entkoppelt. Auf derselben Ebene ordnet er auch Künstliche Intelligenz ein: Carney sprach in dem Interview eine ganze Reihe von Herausforderungen an, darunter KI, Handel und die Rolle Kanadas als „middle power“. Für Unternehmen heißt das: KI-Investitionen und Automatisierungsvorhaben sollten nicht isoliert gedacht werden, wenn parallel die Frage nach souveränen Datenwegen, Lieferfähigkeit und Systemkopplungen neu verhandelt wird.

Ökonomisch versucht Carney, die Abhängigkeit von den USA nicht pauschal zu brechen, sondern selektiv zu reduzieren, um Verhandlungsoptionen offen zu halten. Er argumentiert, dass es für Kanada und die USA in vielen Bereichen vorteilhaft bleibt, weil Jahrzehnte der Integration Stabilität und Wohlstand geschaffen hätten – als Beispiel nennt er die stark vernetzte US- und kanadische Automobilindustrie. In der handelspolitischen Realität sei genau dieser Sektor aber zugleich vom Zollkurs der Trump-Regierung getroffen worden. Carney weist darauf hin, dass eine Rückführung kompletter Auto-Produktionen in die USA politisch zwar denkbar, aber aus Sicht Kanadas nicht sinnvoll sei. Das ist auch eine indirekte Aussage zur IT-Realität: Integration entsteht oft nicht über einzelne Projekte, sondern über Produktions- und Lieferketten, die organisatorisch und technisch über Jahre gekoppelt werden. Wer sie auftrennt, ersetzt nicht nur „Kapazitäten“, sondern auch Spezialisierung, Prüfprozesse und Datenhistorien.

Beim Handel setzt Carney auf konkrete Bausteine, um das Risiko politischer Eskalation handelspolitisch abzufedern. Er berichtet, dass ein Weg zur Wiederaufnahme von Verhandlungen existiere, die das Ende eines abgerissenen Abkommens Ende August wieder aufgreifen könnten. Als Beispiel nennt er Potash: Kanada liefere nahezu 90 % des Potash für Düngemittel, die in die USA importiert werden. Carney verweist auf die Idee, Potash aus Belarus zu beziehen, die als Option im Raum stehe, aber aufgrund der Sanktionslage und der geopolitischen Ausrichtung deutlich andere Risiken berge. Seine Argumentation zielt darauf, dass Kanada, die USA und gegebenenfalls Mexiko Richtung „Fertilizer independence“ arbeiten könnten, indem man Zugang zu Kanadas großen Reserven absichert. Für die IT- und Digital-Branche ist das relevant, weil Lieferengpässe in der physischen Welt häufig digitale Planungssysteme und Prognosemodelle indirekt destabilisieren.

Auch beim Thema Energie dämpft Carney die Bereitschaft, Exporte als Druckmittel zu nutzen. Er beziffert, dass etwa 60 % der Ölimporte der USA aus Kanada stammen, außerdem sei Kanada ein wichtiger Lieferant für Strom. Er sagt, es gebe eine sehr hohe Schwelle, solche Exporte einzuschränken, solange man ein verlässlicher Partner bleibt. Interessant ist, dass er „Never say never“ vermeidet, aber die Logik klar macht: Sobald Lieferfähigkeit politisch selektiv wird, steigen die Kosten für alle, die darauf ihre Produktion oder ihre Versorgungsketten stützen. Auf die Währungs- und Finanzebene überträgt er denselben Gedanken: Carney erneuert seine Skepsis gegenüber einem vollständig auf den US-Dollar gestützten Finanzsystem und erwartet eine „directional shift“, also eine messbare Hinwendung zu Alternativen. Er räumt jedoch ein, dass ein echter Pivot begrenzt bleibt, bis es zu einer „proper liberalization“ im chinesischen Währungs- und Finanzsystem kommt. Damit verknüpft sich ein Punkt, den auch CIOs und CFOs kennen: Plattformen und Standards – ob Währung, Satellitennetz oder Militär-Lieferkette – werden in der Regel nicht über Nacht ausgetauscht, sondern durch schrittweise Diversifizierung.

Am Ende des Interviews steht für Carney ein pragmatisches Vorgehen, das zugleich die politische Rechnung berücksichtigt. Er beschreibt es als „fool me once, fool me twice“-Moment und verbindet das mit der Frage, wie man sich diversifiziert, sobald die Abhängigkeit sichtbar geworden ist. Für Kanada bedeutet das: weniger Kopplung bei Starlink, überprüfte Entscheidungen bei Kampfflugzeugen, zusätzliche Verteidigungsausgaben mit Schwerpunkt auf arktischer Einsatzfähigkeit und zugleich der Versuch, Handelspfade nicht vollständig abzuschnüren. Für Unternehmen lässt sich daraus eine klare Übersetzung ableiten: KI- und Datenstrategien sollten die geopolitische Kopplung von Cloud- und Hardware-Ökosystemen ernst nehmen, und Resilienzpläne müssen Pfade für Austausch, Degradierung und Multisourcing realistisch mitdenken. Carneys Ansatz zeigt damit weniger eine kurzfristige Abwendung von den USA als vielmehr ein systematisches Risikomanagement über Technologiegrenzen hinweg.


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