SCHWEIZ / LONDON (IT BOLTWISE) – Der ExoMars Trace Gas Orbiter hat in der Marsatmosphäre Chlorwasserstoff nachgewiesen, und zwar über Oberflächenspalten am Alba Mons. Die Messung liefert ein starkes Indiz, dass der große Schildvulkan geologisch nicht vollständig erloschen ist. Die Forschenden ordnen das Gas einer Entgasung aus chlorhaltigen Verbindungen im Magma zu. Damit rückt auch die Frage näher, ob es im Untergrund weiterhin warme, für Mikroben potenziell relevante Lebensräume geben könnte.

Ein stechender Stoff in der Marsatmosphäre klingt zunächst nach einem Hinweis, der alles Mögliche bedeuten könnte. Neu ist aber nicht allein, dass Chlorwasserstoff (HCl) überhaupt gefunden wurde, sondern wo die Konzentrationen auftauchen: Der ExoMars Trace Gas Orbiter hat das Gas in der unteren Atmosphäre rund um den Alba Mons detektiert, also in dem Gebiet über einem der größten Vulkane des Planeten. Alba Mons ist ein breiter Schildvulkan auf der Nordhalbkugel und steigt nur sanft an – genau diese Geometrie unterscheidet ihn von steileren Vulkanformen und macht ihn zu einem besonders spannenden Ziel für die Frage, ob im Inneren noch Wärme produziert wird.
Technisch betrachtet ist die entscheidende Aussage die Zuordnung der Messsignale zu einem Prozess, der nicht zufällig auftritt. Nach Angaben der Studie verknüpfen die Forschenden die HCl-Werte mit Oberflächenspalten in der Alba-Mons-Region. Die Argumentationskette läuft dabei über die Chemie: Chlorwasserstoff gilt auf der Erde als häufiges Nebenprodukt vulkanischer Emissionen, weil chlorhaltige Verbindungen aus dem Magma bei Druckabfall und Aufsteigen in die Atmosphäre gelangen können. Daniel Mège, Planetenforscher am Weltraumforschungszentrum der Polnischen Akademie der Wissenschaften und an der Universität Bern, ordnet die wahrscheinlichste Quelle daher den vulkanischen Gasaustritten zu.
Die Physik dahinter beschreiben Mège und Alexander Trokhimovskiy zusätzlich über den Weg vom Untergrund nach oben. Trokhimovskiy betont, dass das Gas aus chlorhaltigen Verbindungen freigesetzt wird, wenn Magma aufsteigt und der Druck sinkt. Wenn die Quellen tatsächlich mit einer unterirdischen Magmakammer verbunden sind, würden sich geologische Aktivitätsprozesse nicht nur auf ferne geologische Epochen beschränken. Die Entdeckung könnte laut den Forschenden außerdem dafür sprechen, dass der Mars im Inneren nicht vollständig „geologisch tot“ ist, sondern sich zumindest in einer Phase relativer Ruhe befindet – also einer Situation, in der weiterhin magmatische Prozesse möglich wären, auch wenn sie deutlich schwächer ausfallen als in der Frühzeit des Planeten.
Im Kontext unseres Sonnensystems ist das Ergebnis bemerkenswert, weil aktiv vulkanisch geprägte Welten eher selten sind. Für die Erde und Venus ist Vulkanismus zwar selbstverständlich, beim Mars blieb aber lange offen, ob gegenwärtige Prozesse noch nachweisbar sind. Der Planet besitzt zwar mit dem Olympus Mons den höchsten Vulkan des Sonnensystems, doch die zentrale Unsicherheit galt dem heutigen Untergrund: Hinweise auf Vulkanismus gab es offenbar vor einigen Millionen Jahren, aber „gegenwärtige magmatische Aktivität“ war bislang nicht gut belegt. In diesem Spannungsfeld passt der Nachweis des ExoMars Trace Gas Orbiters in die Lücke – zumal der Orbiter seit 2021 wiederkehrende Spitzenwerte der Gaskonzentration entlang der Nordflanke des Alba Mons dokumentiert.
Auch die Saisonalität liefert eine plausible Erklärung für das Muster der Messwerte. Die Forschenden vermuten, dass Spalten zu anderen Jahreszeiten durch Eis verschlossen sein könnten. Wenn im Frhühsommer die Temperaturen ansteigen, kann dieses Eis sublimieren, also direkt vom festen in den gasförmigen Zustand übergehen; dadurch würden vulkanische Gase, die zuvor unter der Oberfläche eingeschlossen waren, schließlich in die Atmosphäre entweichen. Damit verbindet sich die Beobachtung eines chemischen Signals mit einem thermisch-physikalischen Mechanismus im Mars-Umfeld, der die zeitliche Verteilung der HCl-Spitzen nachvollziehbar macht.
Für die wissenschaftliche Anschlussfähigkeit ist ein zweiter Aspekt mindestens ebenso relevant: Warmes Gestein ist eine Voraussetzung, wenn man nach möglichen Habitaten für Mikroben sucht. Unter der Marsoberfläche ist bekannt, dass Wasser vorhanden ist. Auf der Erde entsteht Leben vermutlich über hydrothermale Systeme; Trokhimovskiy skizziert eine ähnliche Logik für den Mars: Wenn aufsteigendes Magma auf Wasser- oder Eisvorkommen im Untergrund trifft, kann es Eis schmelzen und Wasser erwärmen. So könnten geschützte Lebensräume entstehen, die gegenüber den oft extremen Bedingungen an der Oberfläche abgeschirmt sind. Aktive hydrothermalen Systeme würden dabei Energiequellen und Bedingungen bereitstellen, die mikrobielles Leben benötigt – und genau deshalb gelten „warme Bereiche unter der Oberfläche“ als eines der vielversprechendsten Ziele bei der Suche nach außerirdischem Leben.
Gleichzeitig zeigt gerade die Vielfalt der plausiblen Erklärungsstufen, wie vorsichtig man interpretieren muss. Chlorwasserstoff ist ein klares Signal, aber die Zuordnung zu Magma-Aktivität erfordert ein konsistentes Bild aus Geochemie, Geologie und zeitlicher Dynamik der Messwerte. Für die weitere KI- und Datenanalyse in der Planetenforschung bedeutet das: Modelle, die atmosphärische Rückschlüsse ziehen, brauchen nicht nur robuste Spektralauswertung, sondern auch verknüpfte Randbedingungen wie Temperaturverläufe und saisonale „Eisschließung“ von Spalten. Die Entdeckung bei Alba Mons liefert dafür einen konkret lokalisierbaren Anker – und macht den Mars nicht nur als historische Vulkanwelt, sondern als geologisch weiter denkbaren Kandidaten für aktuelle Prozesse.
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