CHICAGO / LONDON (IT BOLTWISE) – Mars will M&M’s im August zum 85. Geburtstag ohne künstliche Farbstoffe neu auflegen, doch das Update kostet. Berichten zufolge verschwinden braune und blaue Sorten aus der Produktlinie, weil die natürlichen Alternativen deutlich teurer und technisch schwieriger sind. Für Fans ist das ein kultureller Einschnitt, für die Produktion ein Prozess- und Qualitätsprojekt. Und ausgerechnet die Van-Halen-Legende „no brown M&M’s“ bekommt damit neue Aktualität.

Wenn ein Kultprodukt wie M&M’s eine Farbrezeptur ändert, klingt das in der Verbraucherwelt oft nach Designpolitik. In der Produktion ist es dagegen vor allem ein Engineering-Thema: Farbstoffe bestimmen nicht nur Aussehen und Markenwiedererkennung, sondern auch Rezepturkosten, Dosiergenauigkeit, Prozessstabilität und am Ende die Einhaltung regulatorischer Vorgaben. Berichten zufolge plant Mars daher zum 85. Geburtstag eine Neuauflage im August, die auf künstliche Farbstoffe verzichtet. Doch die Umstellung wird offenbar nicht „eins zu eins“ gelingen: Vor allem braune und blaue M&M’s stehen laut Branchenberichten auf dem Prüfstand, weil natürliche Alternativen deutlich mehr Hürden mit sich bringen.
Technisch betrachtet ist die Herausforderung weniger das Ersetzen von Rot und Gelb, sondern das Nachziehen von schwer reproduzierbaren Farbtönen. Für Rot und Gelb werden in der Praxis häufig pflanzliche Quellen wie Rote-Bete-Extrakte oder Kurkuma genutzt; sie liefern oft relativ verlässliche Farbprofile. Blau und Braun dagegen sind in vielen Lebensmittelanwendungen deutlich komplexer, weil die Farbwirkung stark von Extraktreinheit, Partikelgröße und Verarbeitungstemperaturen abhängt. Für Blau wird in der Berichterstattung unter anderem Spirulina-Extrakt genannt – eine blau-grüne Mikroalge. Der Punkt ist nicht nur der Zutatenpreis: Solche Extrakte verhalten sich in Misch- und Beschichtungsprozessen anders als klassische synthetische Farbstoffe.
Genau hier wird der ökonomische Hebel sichtbar. Die Kostenstruktur solcher Farbstoffe kann sich je nach Reinheitsgrad und Konzentration drastisch unterscheiden. Während Kurkuma in der Größenordnung von etwa 10 US-Dollar pro Pfund genannt wird, können Spirulina-basierte Farbstoffe bei Rohware und erst recht bei konzentrierter Form schnell deutlich teurer werden. Das reicht in einer Massenproduktion nicht, um nur die Zutatenliste zu verändern; es wirkt unmittelbar auf Kalkulation, Ausschussraten und gegebenenfalls die Umstellung von Maschinenparametern. Hinzu kommt ein oft unterschätztes Thema: In der Meldung wird auch beschrieben, dass Spirulina Extrakte Düsen verstopfen können. Damit steigt nicht nur der Wartungsaufwand, sondern es sinkt potenziell die Ausbeute, wenn Prozesse gegen Verunreinigungen abgesichert werden müssen.
Auch für die Branche ist das Timing bemerkenswert. Mars positioniert sich damit in einem Marktumfeld, in dem „cleaner“ als Verkaufsargument fungiert und gleichzeitig die Erwartungen an Transparenz steigen. Wettbewerber verfolgen seit Jahren ähnliche Richtungen, allerdings mit unterschiedlichen Strategien: Manche ersetzen einzelne Farbstoffe, andere gestalten Rezepturen insgesamt neu oder reduzieren Formulierungsbestandteile. In diesem Kontext wirkt die geplante M&M’s-Umstellung wie ein Schub, der auch die Lieferketten beeinflusst: Pflanzenbasierte Rohstoffe müssen konstant in Qualität, Erntezeitfenster und Liefermengen verfügbar sein. Ein Ausfall oder eine Prozessabweichung bei Extrakten kann direkt in Chargenproblemen münden, sodass Unternehmen oft parallel an standardisierten Extraktions- und Qualitätsprozessen arbeiten.
Für den Popkultur-Teil sorgt nun eine überraschende Querverbindung: Van Halen machte aus „braunen M&M’s“ ein Ritual. Die Band-Legende besagt, dass im Tour-Rider Backstage-Schalen mit M&M’s vorgesehen waren, bei denen braune Stücke ausgeschlossen sein sollten. David Lee Roth erklärte später, dass es dabei nicht um Aberglauben gegangen sei, sondern um eine konkrete Prüfung: Promoter sollten anhand des Vertrags zeigen, dass sie die Details wirklich gelesen hatten und die Bühne sowie das Catering korrekt vorbereitet wurde. In den 1980er-Jahren fiel das auf eine Zeit, in der aufwendige High-Tech-Licht- und Bühnenausstattung in Kombination mit älteren Veranstaltungsorten mehr Risiko bedeutete.
Was wie Comedy klingt, lässt sich technisch als „Gating“-Mechanismus interpretieren. Genau solche Prüfungen versucht man auch in industriellen Prozessen zu etablieren: Bevor eine Charge oder ein Workflow „durchläuft“, wird ein definierter Zustand verifiziert. Bei M&M’s wäre das heute etwa die Sicherstellung, dass die Farbspezifikation innerhalb definierter Toleranzen liegt, bevor das Produkt verpackt wird. Wenn braune und blaue Varianten aber aus dem Sortiment herausfallen, verändert sich sowohl die Rezepturvalidierung als auch der Abgleich mit Qualitäts- und Wareneingangsprüfungen. Gleichzeitig wird die kulturelle Referenz entkoppelt: Die Van-Halen-Erzählung hatte ein „Gegenbeispiel“ im Raum. Entfernt man die braune Farbe, wird das Narrativ zwar nicht falsch, aber in seiner praktischen Pointe weniger testbar.
Ein weiterer Marktaspekt betrifft die Lieferkette und die Prozessinfrastruktur. Naturbasierte Farbstoffe sind häufig volatiler, weil sie stärker von Anbaubedingungen und Erntezeitpunkten abhängen. Zudem ist die Verarbeitung in der Food-Industrie meist auf bestimmte Viskositäten und Partikelverteilungen ausgelegt. Wenn Extrakte wie Spirulina Eigenschaften mitbringen, die Düsen verstopfen, müssen Hersteller entweder die Partikelbehandlung (z. B. Filtration, Mahlgrad, Trägerstoffe) anpassen oder die Anlagenwartung enger takten. In der Praxis entscheidet das über die „Total Cost of Ownership“: Nicht nur der Zutatenpreis zählt, sondern auch Stillstandszeiten, Prozessstabilität und der Aufwand für Reinigung und Qualitätssicherung.
Regulatorisch bleibt das Thema ebenfalls sensibel. „Ohne künstliche Farbstoffe“ ist für Konsumenten ein klares Versprechen, das in der EU und anderswo in der Praxis über konkrete Stoffgruppen und Kennzeichnungsregeln abgebildet wird. Unternehmen müssen daher sauber belegen, welche Inhaltsstoffe als „künstlich“ gelten und wie die neue Rezeptur technisch abgesichert ist, etwa durch Spezifikationen, mikrobiologische Tests und dokumentierte Lieferantenfreigaben. Für die Produktion bedeutet das: Wer Rezepturänderungen vornimmt, muss nicht nur das Rezept, sondern auch die Prüfpläne, Spezifikationsgrenzen und teils die Haltbarkeitsstrategie neu bewerten. Für IT- und Datenrollen in der Industrie entsteht daraus ein klarer Bedarf an Traceability, Charge-Tracking und auditfähigen Qualitätsdaten.
Wie geht es danach weiter? Wahrscheinlich führt die Umstellung zu einer gestuften Roadmap: Erst die Markteinführung, dann das Feintuning, sobald Misch- und Beschichtungsparameter im Produktionsmaßstab stabil laufen. Wenn braune und blaue M&M’s tatsächlich entfernt werden, könnte Mars mittelfristig an neuen Farbstoffsystemen arbeiten, die sowohl Farbtreue als auch Prozessfähigkeit verbessern. Für Entwickler und Lieferanten entstehen damit Chancen: Food-Color-Formulationen, die weniger Düsenprobleme verursachen, oder Monitoring-Ansätze, die Chargen schneller auf Farbabweichungen erkennen. Für die nächsten Jahre ist zudem zu erwarten, dass „Natürliche Färbung“ nicht nur Zutaten betrifft, sondern die gesamte Fabrikdisziplin – von Rezepturverwaltung bis zu Qualitätsdaten-Pipelines.
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