MIAMI / LONDON (IT BOLTWISE) – KI und Automatisierung sollen laut McKinsey bis 2035 den Bedarf für rund 36 Millionen Jobs in den USA senken. Gleichzeitig entstünden andernorts etwa 41 Millionen neue Stellen, allerdings trifft das Wachstum viele Beschäftigte nicht direkt. Im Basisszenario müssten rund 11 Millionen Menschen ihre Tätigkeit vollständig wechseln – darunter mit hoher Wahrscheinlichkeit auch Arbeitskräfte aus dem Einzelhandel und der Transportbranche. Der Engpass ist weniger die Anzahl der Jobs als der Zugang: Qualifikationen, Credentials und der oft nicht-remote Charakter vieler Wachstumsfelder bestimmen, wer mitkommt.

McKinsey: KI schafft mehr Jobs als sie vernichtet – aber Mobilität zählt
McKinsey: KI schafft mehr Jobs als sie vernichtet – aber Mobilität zählt (Foto: IT BOLTWISE)
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Der Kernbefund der von McKinsey Global Institute vorgelegten Rechnung ist provokant, weil er die Debatte dreht: Künstliche Intelligenz und Automatisierung sollen zwar bis 2035 den Bedarf für etwa 36 Millionen US-Jobs reduzieren, im Gegenzug aber durch Wachstum andernorts ungefähr 41 Millionen zusätzliche Stellen schaffen. Entscheidend ist dabei die Verschiebung zwischen Tätigkeitsprofilen. Die Studie stellt nicht nur die Nettozahl in den Mittelpunkt, sondern betont, dass die Jobs zwar „da sein werden“, die eigentliche Hürde jedoch darin liegt, wie gut Beschäftigte in die neuen Rollen hineinfinden. Genau an dieser Stelle wird aus einer reinen Beschäftigungsprognose eine Frage nach Qualifikationspfaden, regionalen Verfügbarkeiten und der praktischen Arbeitsmobilität.

Im Basisszenario gehen die Autoren davon aus, dass rund 11 Millionen Menschen – etwa 7 % der Erwerbsbevölkerung – ihre Berufe vollständig verlassen müssen. Als Bandbreite nennt der Bericht 6 Millionen bis 16 Millionen. Damit liegt die Größenordnung nahe an einer früheren Firmenprognose: Für 2030 rechnete McKinsey bereits mit etwa 12 Millionen beruflichen „Career Switches“. Der Unterschied liegt nicht in der Philosophie, sondern in der Mechanik der Umstellung: Viele Betroffene müssten nicht nur den Arbeitgeber wechseln, sondern in ein anderes Tätigkeitsfeld springen. Ein Beispiel aus der Studie ist der Sprung vom Einzelhandel hin zu Gesundheitsberufen. Solche Richtungswechsel beziffert McKinsey auf ungefähr 770.000 Personen pro Jahr. Das entspricht laut Bericht etwa dem 3,6-Fachen des historischen Durchschnitts.

Technisch betrachtet ist dieser Effekt im Arbeitsmarkt nicht überraschend: KI-basierte Automatisierung wirkt häufig entlang klar abgrenzbarer Teilprozesse (Datenerfassung, Routinekommunikation, Dokumentation oder standardisierte Assistenzaufgaben). Der Bericht ordnet die schrumpfenden Bereiche entsprechend ein: am stärksten betroffen sind Bürojobs und administrative Unterstützung, außerdem Teile des Einzelhandels und der Transportbranche. Gerade hier sind viele Tätigkeiten niedriger bezahlt. Für den Umstieg spielt das finanzielle und organisatorische Risiko eine Rolle, doch die Studie macht vor allem die Ungleichheit beim Zugang deutlich: Niedrigere Löhne korrelieren mit einer höheren Wahrscheinlichkeit, eine neue Beschäftigung aufnehmen zu müssen. Laut McKinsey sind Personen in niedrigeren Lohnsegmenten dabei 7,6-mal häufiger auf einen Berufswechsel angewiesen als höher bezahlte Beschäftigte. Auf der anderen Seite konzentriert sich das Jobwachstum auf Bereiche wie Gesundheitswesen, Baugewerbe und Management – also Felder, die nicht einfach „per Umschulung im selben Setup“ abgedeckt werden.

Dort, wo Wachstum entsteht, wird das Tempo aber durch Credentials gebremst. McKinsey beschreibt, dass nur etwa eine von sieben Personen mit einer direkten Anschlussoption in einen wachsenden Job rechnen kann – also mit einer Rolle, die wenig zusätzliche Qualifikation benötigt und mindestens ähnlich gut bezahlt. Für fast die Hälfte entsteht dagegen laut Bericht ein „unpaved“-Pfad: große Skill-Lücken oder formale Anforderungen blockieren den Übergang. Dazu passt die weitere Zahl der Studie: Etwa 85 % der wachsenden Jobs erfordern irgendeine Form von Qualifikation oder Zertifikat. Richard Florida, der nicht an dem Bericht beteiligt war, illustriert diese historische Dynamik mit dem Übergang von Landwirtschaft zu Industrie: früher hätten die meisten Menschen in der Landwirtschaft gearbeitet, heute liege dieser Anteil nur noch bei etwa 1 %. Ebenso sei Fertigung früher viel größer gewesen und heute ein deutlich kleinerer Beschäftigungsblock. Seine Erwartung für die Zukunft zielt deshalb auf eine Umwandlung von Servicearbeit: Verdrängte Tätigkeiten könnten in ein breiteres Feld „Wellness“ hineinwachsen, von Fitness und Dermatologie bis hin zu strukturierten Formaten wie Pilates – manche Jobs würden sich dabei in deutlich besser bezahlte Rollen transformieren.

Ein weiteres Detail verschärft die Herausforderung: Viele Wachstumsjobs sind nicht remotefähig. McKinsey ermittelt, dass rund 76 % der wachsenden Tätigkeiten nicht von zuhause aus erledigt werden können – etwa in Krankenhäusern, auf Baustellen oder in Rechenzentren. Das verschiebt die Mobilitätsfrage von „Finde einen neuen Beruf“ zu „Finde den Ort, an dem der Beruf in der richtigen Form verfügbar ist“. Genau hier setzt Floridas geografische Lesart an: Menschen würden für Chancen bereitwillig umziehen, auch wenn sie politische Präferenzen am Zielort nicht teilen. Er verweist auf Bewegungen zwischen Städten wie Toronto und Miami oder auf Zuzüge nach Nashville. In solchen Mustern steckt eine betriebliche Logik: Regionale Nachfrage entsteht dort, wo Infrastruktur, Betriebe und Ausbildungsangebote zusammenspielen. Florida argumentiert außerdem, dass Technologie zwar Entfernungen verringert, die Verteilung von Arbeit aber dennoch an physische Knotenpunkte gebunden bleibt.

Die Industrie antwortet daher nicht nur mit neuen Jobprofilen, sondern auch mit Anpassungen in der Rekrutierung und mit Investitionen in Talent-Ökosysteme. Florida beschreibt den Wandel in der Personalauswahl als Verschiebung von „wir stellen kluge Leute ein und schauen dann, wie sie wachsen“ hin zu „wir suchen Menschen, die das Geschäft aufbauen und direkt mit Kunden und Teams arbeiten können“. Das passt zu dem im Bericht herausgearbeiteten Credential-Faktor: Arbeitgeber müssen demnach stärker auf konkrete Passung achten, während Beschäftigte häufiger formale Zwischenstufen durchlaufen. Auch auf Hochschulseite zeigt sich diese strukturelle Brücke: Zum Beispiel kündigte Ken Griffin, Gründer von Citadel, am 30. September eine Förderung in Höhe von 3 Milliarden US-Dollar an, die 2 Milliarden US-Dollar für einen neuen Carnegie-Mellon-Standort in Miami vorsieht; der Plan nennt einen Start der ersten Studierenden im Jahr 2028. Zusätzlich baut Vanderbilt in West Palm Beach einen Graduate-Campus mit Fokus auf Business, KI und Data Science auf, unterstützt durch 50 Millionen US-Dollar von Stephen Ross für die Fundraising-Phase. Für Unternehmen bedeutet das vor allem eines: KI-Transformation wird zunehmend eine Frage von Workforce-Planung über Jahre hinweg – inklusive Kooperation mit regionalen Ausbildungs- und Zertifizierungswegen, nicht nur einer kurzfristigen Implementierung.


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