GÜTERSLOH / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Modellrechnung warnt, dass mehr Pflegearbeit in Privathaushalten dem Arbeitsmarkt bis 2045 deutlich Erwerbspotenzial entziehen könnte. Laut der Analyse der Bertelsmann Stiftung und des Forschungsinstituts Prognos könnten dann etwa 229.000 Stellen betroffen sein. Besonders stark trifft es Frauen, die heute bereits den Großteil der häuslichen Pflege leisten. Politik und Unternehmen müssten daher Arbeitsbedingungen so anpassen, dass Erwerbsarbeit und Pflege besser zusammenpassen.

In Deutschland wächst der Pflegebedarf gleichzeitig mit dem demografischen Wandel. Genau in diesem Zusammenspiel liegt laut einer Analyse von Bertelsmann Stiftung und dem Forschungsinstitut Prognos das Risiko: Wenn pflegende Angehörige ihre Erwerbsarbeit nicht stärker entlastet bekommen, könnte die fortschreitende Alterung dem Arbeitsmarkt künftig spürbar weniger Menschen in Beschäftigung zuführen. Die Modellrechnung knüpft damit nicht an eine einzelne Branche an, sondern an eine gesamtgesellschaftliche Realität: Pflege findet zu großen Teilen nicht in Einrichtungen statt, sondern im privaten Umfeld.
Aktuell werden dem Zahlenmaterial zufolge rund sechs Millionen Menschen in Deutschland pflegebedürftig versorgt, und drei Viertel davon werden zu Hause betreut. Etwa 4,6 Millionen Menschen leisten diese Pflegearbeit neben oder statt einer Erwerbstätigkeit. Die Prognose rechnet damit, dass sich dieses Muster verschärft: Im Jahr 2045 könnten schätzungsweise 13,3 Prozent der Bevölkerung im Erwerbsalter Angehörige pflegen. In der Konsequenz geht es nicht nur um Belastung im Alltag, sondern auch um die Frage, wie stark Arbeitskräfte im Erwerbsleben tatsächlich verfügbar bleiben.
Besonders deutlich macht die Analyse den geschlechtsspezifischen Effekt. Frauen übernehmen derzeit fast zwei Drittel der Pflegearbeit; für das Jahr 2023 wird ein Anteil von 63 Prozent genannt. Weil Frauen nach den Angaben der Stiftung häufiger sehr zeitintensiv pflegen – mit mindestens zehn Stunden pro Woche –, wirkt sich dies in der Modellrechnung direkt auf die Erwerbsbeteiligung aus. Für 2045 geht die Modellrechnung demnach von rund 580.000 Frauen aus, die wegen ihrer Pflegeverantwortung entweder weniger arbeiten oder ganz aus dem Erwerbsleben aussteigen. Umgerechnet entspräche das einem Verlust von etwa 173.000 Vollzeitstellen, innerhalb der insgesamt prognostizierten Größenordnung von 229.000 gefährdeten Stellen.
Für die Arbeitsmarktseite ist diese Konstruktion vor allem deshalb relevant, weil Pflege nicht nur kurzfristige Zeitfenster betrifft, sondern sich häufig über Jahre erstreckt. Wer seine Arbeitszeit reduziert, verliert nicht nur Einkommen, sondern oft auch Kontinuität in Projekten, Weiterbildung und beruflichen Perspektiven. Genau diesen Mechanismus nennt die Analyse als Bremse für die berufliche Entwicklung der Betroffenen. Gleichzeitig beschreibt sie einen zweiten Effekt: Wenn Erwerbspotenzial wegfällt, sinken auch die Wachstumsaussichten. Die Warnung zielt damit auf eine Art Rückkopplung, bei der gesellschaftlicher Mehrbedarf an Pflege zu wirtschaftlichen Engpässen bei Beschäftigung führen kann.
Aus Sicht der Verteilungspolitik und Gleichstellung reicht der Blick aber nicht auf die Pflegebedürftigen allein. In der Analyse wird explizit betont, dass der steigende Pflegebedarf nicht zu Rückschritten bei der Gleichstellung führen dürfe. Neben der Politik werden auch Unternehmen in die Verantwortung genommen. Genannt werden konkrete Stellschrauben wie flexiblere Arbeitszeiten, Homeoffice-Möglichkeiten sowie Hilfen beim Wiedereinstieg nach einer Berufsunterbrechung. Damit verschiebt sich das Thema von der rein sozialen Debatte hin zu einer Frage der betrieblichen Personalstrategie: Wie lassen sich Teams so organisieren, dass Beschäftigte Pflegephasen bewältigen, ohne dauerhaft aus der Erwerbsarbeit herauszufallen?
Technisch im weiteren Sinne – verstanden als Organisations- und Prozesskompetenz – bedeutet das, dass Arbeitgeber Pflege nicht als Ausnahmefall behandeln sollten, sondern als planbaren Bestandteil von Arbeitsrealitäten. Dazu gehört etwa, dass Schicht- und Projektplanung verlässlicher werden, dass Vertretungsmodelle nicht nur im Notfall funktionieren und dass HR-Workflows Wiedereinstiege nachvollziehbar vorbereiten. Für Beschäftigte wiederum entscheidet oft die praktische Kombination aus Terminspielräumen, der Möglichkeit, kurzfristig umzuplanen, und verlässlichen Grenzen zwischen Arbeit und Pflege. Wenn diese Bausteine fehlen, verstärken sich die in der Prognose beschriebenen Effekte besonders bei zeitintensiver Pflege – und damit erneut dort, wo die Last heute bereits überproportional liegt.
Für Entscheiderinnen und Entscheider in Unternehmen ist die Botschaft deshalb weniger abstrakt als sie klingt. Die Größenordnung – 229.000 potenziell betroffene Stellen bis 2045, davon ein großer Anteil über Vollzeitäquivalente – macht deutlich, dass es sich um ein planbares Risikoprofil handelt, nicht um ein kurzfristiges Stimmungsthema. Wer frühzeitig flexible Arbeitsmodelle, Wiedereinstiegsprogramme und Unterstützungsangebote etabliert, kann dem Risiko entgegenwirken, bevor es in Form von Fachkräfteengpässen oder Leistungsrückgängen sichtbar wird. Die Analyse liefert damit einen klaren Maßstab: Pflegeverantwortung muss in Arbeitsmarkt- und Personalpolitik als strukturierende Rahmenbedingung behandelt werden.
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