STUTTGART / LONDON (IT BOLTWISE) – Mercedes meldet für das zweite Quartal sinkenden Umsatz, während der Gewinn unter anderem durch Sondereffekte und Kostensenkungen leicht zulegt. Im Autobereich rutscht die bereinigte Umsatzrendite von 5,1 auf 4,0 Prozent, unbereinigt bleibt nach Wertminderungen nur ein kleines EBIT von 49 Millionen Euro. Besonders China schwächt die Nachfrage stark; zudem verlieren teure Modelle wie S-Klasse, AMG und Maybach spürbar. Für 2026 korrigiert der Konzern die Prognose nach unten und stellt weitere Einsparungen in Aussicht.

Mercedes steht mit der Quartalsmeldung vor einem paradoxen Bild: Der Konzerngewinn steigt, doch das Kerngeschäft mit Pkw wirkt angeschlagen. Im zweiten Quartal sank der Konzernumsatz um 3,3 Prozent auf 32,1 Milliarden Euro, während das operative Ergebnis vor Zinsen und Steuern (EBIT) um 22 Prozent auf 1,55 Milliarden Euro zulegte. Unter dem Strich verdiente Mercedes 1,09 Milliarden Euro und damit 13,5 Prozent mehr als im Vorjahresquartal – an der Börse wurde das zunächst mit Kursgewinnen quittiert. Entscheidend ist jedoch, woher das Plus kommt: Laut Bericht stabilisierten vor allem Transporter, Finanzierung/Leasing, Kostensenkungen sowie Sondereffekte das Ergebnis.
Technisch und buchhalterisch zeigt sich die Verschiebung bereits an den Stellhebeln der GuV. Die geplante Veräußerung der Leasinggesellschaft Athlon soll einen positiven Effekt von 131 Millionen Euro beigesteuert haben. Zusätzlich wurden die allgemeinen Verwaltungskosten um 14 Prozent und die Forschungs- und Entwicklungsausgaben um zwölf Prozent gesenkt – beides Maßnahmen, die kurzfristig die Kostenbasis drücken können, ohne sofort die Fahrzeugnachfrage zu verändern. Genau hier wird die Lage im Pkw-Geschäft ernster: Unbereinigt fielen Wertminderungen auf chinesische Beteiligungen in Höhe von 704 Millionen Euro an, sodass in der Pkw-Sparte nur noch 49 Millionen Euro EBIT übrig blieben (nach 783 Millionen Euro im Vorjahresquartal). Das entspricht einem Rückgang um 94 Prozent und einer Umsatzrendite von gerade noch 0,2 Prozent – ein Signal, das eher nach Strukturproblem als nach reiner Zyklik aussieht.
Im Markt-Kontext verdichtet sich der Befund auf den wichtigsten Wachstumsraum. Als Hauptgrund nennt Mercedes den Einbruch auf dem Wachstumsmarkt China. Dort wurden im zweiten Quartal nur noch 98.624 Pkw verkauft, 30 Prozent weniger als ein Jahr zuvor; im ersten Halbjahr summierte sich das Minus auf 28 Prozent. Europa legte zwar um vier Prozent zu, die USA sogar um zehn Prozent – doch diese Zuwächse reichten nicht, um den Absturz in China auszugleichen. Weltweit fiel der Pkw-Absatz um acht Prozent auf 417.765 Fahrzeuge. Besonders relevant ist dabei, dass gerade jene teuren Modelle schwächeln, auf die die Strategie unter Vorstandsvorsitzendem Ola Källenius stark setzt: Der Absatz der sogenannten Top-End-Fahrzeuge ging um zehn Prozent zurück; S-Klasse minus 15 Prozent, AMG minus elf Prozent, Maybach minus sieben Prozent und auch die C-Klasse minus elf Prozent. Lediglich die G-Klasse konnte um drei Prozent zulegen.
Dass Mercedes den Wettbewerb in China auch technologisch spürbar unter Druck sieht, wird in der Meldung zwar mit Modellwechseln und dem Verhalten der Käufer verknüpft, zugleich aber mit den Ursachen veranschaulicht, die viele Industrienationen gerade diskutieren: aggressiver Preis- und Technologiewettbewerb sowie zurückhaltende chinesische Käufer. Im Kern wird damit der Zielkonflikt sichtbar, den Premiumhersteller gerade bei Elektrifizierung und Software haben: Während klassische Kernwerte wie Motoren, Fahrdynamik und Marke weiterhin wichtig sind, entscheidet im Alltag zunehmend auch die Bedienlogik, die Effizienz der Elektroarchitektur und die Qualität der digitalen Nutzerführung. Mercedes verweist auf einen Anstieg reiner Elektroautos um 51 Prozent auf 52.852 Fahrzeuge. Gleichzeitig brachen die Plug-in-Hybride um 41 Prozent ein, sodass von einem breiten „elektrischen Durchbruch“ keine Rede sein kann: Insgesamt verkaufte Mercedes sieben Prozent weniger elektrifizierte Fahrzeuge; ihr Anteil stieg nur minimal von 20,7 auf 20,9 Prozent – weil der Gesamtabsatz schrumpfte.
Entlastung kommt also vor allem aus Bereichen, die außerhalb des reinen Pkw-Kerngeschäfts liegen. Die Sparte Mercedes-Benz Vans erzielte ein bereinigtes EBIT von 454 Millionen Euro bei weiterhin respektabler Marge von 10,2 Prozent. Die Finanzsparte steigerte ihr bereinigtes EBIT sogar um 70 Prozent auf 492 Millionen Euro. Ohne diese Stützen, inklusive Finanzierung und Leasing, sähe das Quartalsergebnis deutlich düsterer aus. Genau das unterstreicht eine historische Konstante in der Automobilindustrie: Wenn der Fahrzeugmarkt schwankt, wird die Ergebnisstabilität häufig über Finanzierungsmodelle und Serviceketten versucht zu stützen. Der Preis dafür ist jedoch, dass die Kernmarke Pkw kurzfristig weniger „Gewinnmotor“ ist und langfristig stärker in die Frage rutscht, wie schnell sich Produkte, Kostenstruktur und Produktion wieder an die Nachfragekurve anpassen.
Der längerfristige Abstieg zeichnet sich in den bereits genannten Vorjahreswerten und der neuen Prognose fort. 2025 hatte sich der Konzerngewinn auf 5,3 Milliarden Euro nahezu halbiert; das ausgewiesene EBIT war um 58 Prozent auf 5,8 Milliarden Euro gefallen, während der Umsatz um neun Prozent sank. Für 2026 rechnete Mercedes anfangs mit einem stabilen Umsatz und einem Pkw-Absatz auf Vorjahresniveau – nun soll sowohl der Konzernumsatz als auch der Pkw-Absatz gegenüber 2025 „leicht“ sinken. Die bereinigte Pkw-Marge soll zwar weiterhin zwischen drei und fünf Prozent liegen; Finanzvorstand Harald Wilhelm erwartet sie aber eher am unteren Ende dieses Korridors. Vorstandschef Källenius kündigte weitere Kosteneinsparungen an, insbesondere in Deutschland, um die Rentabilität zu stützen. Dahinter steht auch eine Industrie-Realität: Kostendisziplin wird nicht nur in der Produktion, sondern zunehmend in Prozessen, Zulieferlogistik und in der organisatorischen Durchlaufzeit gefordert, weil sich Modellzyklen und Technologieumstellungen gleichzeitig verdichten.
Für den Standortdiskurs in Baden-Württemberg wird daraus ein sehr konkretes Bild – mit direkten Konsequenzen für Kommunalfinanzen. Mercedes plant zwar eine große Modelloffensive: mehr als 40 neue oder überarbeitete Modelle zwischen 2025 und 2027. Parallel soll das Sparprogramm verschärft werden; seit 2019 seien die Fixkosten bereits um etwa 25 Prozent gesunken, nun stehen besonders deutsche Standorte im Mittelpunkt, unter anderem mit dem Anspruch auf schnellere Abläufe, schlankere Strukturen und mehr Arbeitszeit ohne zusätzlichen Lohn. Zudem wird die Produktion im ungarischen Kecskemét ausgebaut, wo inzwischen auch die neue elektrische C-Klasse gefertigt wird. Für Stuttgart und Sindelfingen bedeutet das im Berichtskontext eine Verschiebung von Investitionen und Produktionswachstum Richtung kostengünstigere Regionen – die Folge ist weniger Gewerbesteuerbasis und damit weniger finanzieller Spielraum. Als Beispiel nennt die Meldung für Stuttgart 2023 knapp 1,5 Milliarden Euro Gewerbesteuer, für 2026 nur noch rund 700 Millionen Euro; die Stadt rechnet für 2025 mit einem Defizit von rund 785 Millionen Euro und will bis 2030 etwa 2,4 Milliarden Euro Kredite aufnehmen. Sindelfingen trifft es wegen des großen Mercedes-Pkw-Werks besonders hart: Der Gewerbesteueransatz 2026 wird von mehr als 128 Millionen auf 30 Millionen Euro gekürzt; zusätzlich seien Erstattungen von etwa 172 Millionen Euro in den letzten Monaten angefallen. In dieser Perspektive wirkt das Quartalsergebnis nicht nur als Unternehmenskennzahl, sondern als Hebel auf gesamte Wertschöpfungsnetzwerke – von Kaufkraft über Einkommensteueranteile bis zu Aufträgen für Zulieferer und die wirtschaftliche Sicherheit der Region.
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