LONDON (IT BOLTWISE) – Michael Burry macht seine bearish Positionen gegen den AI-Run zeitlich kurzfristiger und setzt stärker auf Put-Optionen statt auf reine Short-Engagements. Er sagt, er verlege die Timelines nach vorn und brauche dadurch mehr Hebel über einen kürzeren Zeitraum. In seinen Anpassungen tauchen unter anderem Micron, Nebius, ein Halbleiter-ETF und Palantir mit neuen Laufzeiten und Strike-Bändern auf. Als Begründung verweist er auf das Risiko, dass die in Aussicht gestellten KI-Umsätze die dazugehörigen Investitionsannahmen schon innerhalb einer Saison enttäuschen.

Michael Burry, der durch seine Wetten auf den US-Immobilienmarkt vor der Finanzkrise weithin bekannt wurde, zieht seine kritische Sicht auf den KI-Boom weiter in den Vordergrund – und vor allem in die Zukunftsplanung seiner Trades. In einem neuen Newsletter verlegt er die zeitliche Abfolge seiner bearish These „nach vorn“ und begründet das damit, dass er für seine Short-Positionen mehr Hebel bevorzugt, wenn die Entscheidung schneller eintreten kann. Statt klassischer Short-Setups setzt er dabei vermehrt auf Put-Optionen, die als strukturierte Risiko- und Kostenlösung funktionieren: Sie geben ihm die Möglichkeit, Preisrückgänge gezielt zu profitieren, während sich das Risiko im Vergleich zu offenen Leerverkäufen im Grundsatz besser begrenzen lässt.
Technisch betrachtet liegt der Kern seiner Anpassung in der Wahl des Instruments und in der Laufzeitlogik. Puts bieten bei gegebenem Basiswert eine asymmetrische Auszahlungsstruktur, die bei Kursrückgängen steigt, während der Kauf der Option typischerweise eine klar definierte Prämie kostet. Burry argumentiert zudem, dass die Puts vergleichsweise „günstig“ seien, weil die implizite Volatilität eng bepreist werde – er verweist dabei auf Werte rund um den VIX als Proxy für die Optionsmarkt-Erwartung an Schwankungen. Damit verschiebt sich sein Trade-Design weg von der reinen Richtung („Short gegen steigende Aktien“) hin zu einer Mischlogik aus Timing und Volatilitätsumfeld: Wenn die Marktteilnehmer die Schwankungen für kurze Zeiträume zu niedrig veranschlagen, kann die Option bezogen auf den gewünschten Zeithorizont ein attraktiver Hebel sein.
Konkreter wird das Bild bei seinen Rollenwechseln in mehreren Positionen. Er ersetzt laut den beschriebenen Transaktionsanpassungen einen Micron-Short durch Puts mit Juni-Expiration und einem Strike-Preisbereich um 500 US-Dollar. Bei Nebius wechselt er ebenfalls auf Puts mit Juni-Laufzeit, allerdings in einem Bereich „im unteren zweistelligen“ Strike-Segment. Und auch sein vorheriger Short auf den iShares Semiconductor ETF wird nicht eins-zu-eins fortgeführt, sondern durch Puts mit einer deutlich längeren Laufzeit bis September 2027 in einem Strike-Band „im unteren 400er“-Bereich ersetzt. Diese Staffelung zeigt, dass es ihm nicht nur um eine generelle Trendwende geht, sondern um ein gestuftes Risikomanagement über mehrere Kalenderfenster hinweg.
Neben dem Timing spielt bei Burry auch die Frage eine große Rolle, wie realistische Umsatz- und Investitionspfade im KI-Ökosystem tatsächlich sind. Er verweist auf jüngste Research-Argumente von Ares Management, die die „Prekarität“ betonen, wenn sich Bewertungen in der KI-Industrie auf noch nicht abgesicherte Erlösströme stützen. Das Kernbild dieser Argumentation: In einem Szenario, in dem ein Zeitraum an KI-Umsätzen enttäuscht, könnten Boards über die nächsten Kapitalallokationen neu entscheiden. Entscheidend ist dabei weniger die Technik selbst als die Kapitaldisziplin: Wenn die Investitionslogik an der Realisierung von Einnahmen scheitert, reicht möglicherweise schon ein wirtschaftlicher Reputations- und Zahlenknick, damit das Management den nächsten großen Einsatz umpriorisiert.
Damit verknüpft sich eine weitere, marktnahe Dimension, die Burry in seiner Argumentation aufgreift: Zyklizität in Teilsegmenten, insbesondere bei Speicher- und Chip-Komponenten. Er nennt den Acer-CEO Jason Chen, der gegenüber einem taiwanesischen Medium die Rückkehr der Zyklizität in den Speicherchip-Bereich in Aussicht stellt – und das mit zunehmenden chinesischen Produktionskapazitäten begründet. In dieser Darstellung wird die Idee einer dauerhaften Knappheit relativiert: Chen wird mit der Aussage zitiert, dass die Produktion weiter wachse und es daher kein strukturelles „Shortage“-Problem gebe; zugleich würden Vertrags- und Preisniveaus aktuell stark schwanken, teils nach oben, teils nach unten. Für einen Investor, der den AI-Boom als zu stark antizipiert ansieht, ist das wichtig, weil sich Leistungsfähigkeit und Margen in Hardware-Zulieferketten häufig schneller anpassen als große Software-Roadmaps.
Bemerkenswert ist auch die zeitliche Einordnung: Burry gilt zwar schon länger als skeptisch in diesem Jahr, doch die Börse hat seine Warnsignale bisher häufig ignoriert – zumindest aus Sicht der Kursentwicklung. In seiner bisherigen Kommunikation verglich er Aktien zuletzt mit den letzten Monaten der Bubble-Phase 1999 bis 2000. Während der Nasdaq Composite laut den genannten Daten zuletzt einen Rekord schloss, zeigt der Text gleichzeitig, dass nicht alle Tech-Werte im Gleichschritt davon profitieren: Micron liegt demnach rund 16% unter seinem Rekordniveau, Palantir etwa 10% unter dem Allzeithoch. Diese Divergenz zwischen Indexrekorden und relativer Schwäche einzelner Titel ist für eine Put-Strategie entscheidend, weil sie häufig die Volatilität und die erwarteten Korrekturpfade beeinflusst. Gleichzeitig kann eine Zeitverkürzung der These bedeuten, dass der Investor nicht mehr auf einen langen Zyklus, sondern auf eine rasche Neubewertung setzt.
Für Unternehmen und Entwickler liefert die Meldung vor allem eine konkrete Erinnerung an die Kopplung zwischen KI-Wertschöpfung und Kapitalerwartungen. KI-Initiativen stehen nicht isoliert: Sie werden in Budgets, in Capex-Planungen und in Vertragsmodellen realisiert, die wiederum von kurzfristig messbaren Ergebnissen abhängen. Wenn der Markt – wie Burry es skizziert – enttäuschende Umsätze als Signal für eine Verschiebung von Investitionsprioritäten interpretiert, kann das auch die Nachfrage nach Rechenzentrums-Kapazitäten, Komponenten oder spezialisierten Plattformen indirekt bremsen. Für die Praxis heißt das: Roadmaps für KI-Systeme sollten nicht nur technisch skalierbar sein, sondern auch wirtschaftlich belastbar – etwa durch messbare Proof-of-Value-Zyklen, klare Erfolgskriterien und eine robuste Planung der Abhängigkeiten von Hardware- und Lieferkettenzyklen. Je näher der Markt an der Frage nach „wer verdient jetzt wirklich Geld“ rückt, desto stärker entscheidet der Zeitpunkt – und genau dort setzt Burry seine neue Put-orientierte Hebelarchitektur an.
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