LEUNA / LONDON (IT BOLTWISE) – MicroHarvest errichtet im Chemiepark Leuna eine industrielle Produktionsanlage, die hochwertiges Protein per Biomassefermentation herstellen soll. Geplant sind 15.000 Tonnen pro Jahr auf rund 5.800 Quadratmetern, gespeist aus regionalen Agrar-Nebenströmen. Drees & Sommer begleitet das Projekt in der Planungsphase unter anderem mit Projektmanagement und Generalplanung. Der Produktionsstart soll laut Zeitplan in der ersten Jahreshälfte 2028 erfolgen.

Europa deckt seinen Eiweißbedarf nach wie vor zu großen Teilen nicht aus eigener Produktion. Für viele Lieferketten bedeutet das Importabhängigkeit, insbesondere bei Soja, das in der EU nur zu einem kleinen Anteil erzeugt wird. Genau an dieser Stelle setzt MicroHarvest an: Das Hamburger Biotech-Scale-up plant im Chemiepark Leuna eine Anlage, die industriell hochwertiges Protein aus Biomassefermentation produzieren soll. Damit rückt nicht nur ein neues Produkt in den Fokus, sondern auch eine alternative Logik in der Versorgungskette: statt langer Wege und volatiler Verfügbarkeiten soll die Produktion an regionale Nebenströme gekoppelt werden.
Die technische Zielsetzung ist dabei vergleichsweise klar umrissen. Auf einer Bruttogrundfläche von etwa 5.800 Quadratmetern will MicroHarvest jährlich 15.000 Tonnen Protein herstellen. Als Produktionsweg dient eine geschlossene Fermentation in Edelstahltanks: Mikroorganismen nehmen einen geeigneten Kohlenstoff- und Nährstoffträger wie Melasse auf und bauen daraus Proteine auf. Die Trocknung der entstehenden Biomasse soll einen Rohproteingehalt von über 60 Prozent ergeben; im Text wird zudem ein deutlicher Abstand gegenüber gängigen Referenzwerten genannt. Entscheidender Punkt für die Industrieplanung: Vom Rohstoffeintrag bis zum Proteinpulver sollen laut Projektbeschreibung lediglich 24 Stunden vergehen, ohne Gentechnik und wetterunabhängig – was bei der Auslegung von Anlagen und Taktzeiten einen ganz anderen Engineering-Fokus setzt als bei Ernte- und Lagerzyklen.
Für die Skalierung ist MicroHarvest bereits einen Schritt voraus. Im November 2023 wurde in Lissabon eine Pilotanlage mit rund 200 Quadratmetern in Betrieb genommen, die zunächst 25 Kilogramm Einzeller-Protein pro Tag produzierte. Diese Pilotphase dient nicht als Marketingbegriff, sondern als praktische Evidenz für die Übertragbarkeit des Verfahrens in größere Volumina: Erkenntnisse aus dem Betrieb sollen in die Planung der Leuna-Anlage einfließen. Parallel dazu verändert sich mit jeder Stufe auch die Prozesslogik an der Peripherie – etwa bei der Rohmaterialannahme, bei der Lager- und Vorbereitungslogik sowie bei Trocknen, Abfüllen und Verpacken. Genau diese Kopplung aus Kernprozess und Batch- bzw. Durchsatzsteuerung macht Fermentationswerke in der Praxis komplexer, als reine Reaktionsschritte vermuten lassen.
Drees & Sommer übernimmt in Leuna dabei die Rolle des durchgängigen Planungspartners: Das Beratungsunternehmen, das auf Bau, Immobilien und Infrastruktur spezialisiert ist, begleitet MicroHarvest in der Planungsphase mit Projektmanagement und Generalplanung. Laut Beschreibung stützt sich die Arbeit unter anderem auf eine Machbarkeitsstudie, in der die Rahmenbedingungen bewertet wurden – von behördlichen Vorgaben bis zu möglichen Risiken. Aus dieser Basis heraus wurden Planungsvarianten hinsichtlich Wirtschaftlichkeit und Optimierungspotenzial geprüft. Das Zeitscharnier ist dabei eng: Der Produktionsstart ist für die erste Jahreshälfte 2028 vorgesehen. In dieser Phase wird aus einer Prozessidee ein belastbarer Anlagenentwurf, inklusive Technischer Gebäudeausstattung, Laborflächen, Außenanlagen und der Einbindung der Systeme, die den Fermentationsprozess unterstützen.
Besonders wichtig ist außerdem der regulatorische und qualitätsseitige Zuschnitt der Anlage. Das Projekt soll zunächst auf die GMP+ Zertifizierung für Produktionsstandards im Futtermittelbereich ausgelegt werden; später soll es sich auf Lebensmittelstandards erweitern lassen. Diese Staffelung ist aus Engineering-Sicht relevant, weil sich Anforderungen etwa an Hygienezonen, Dokumentation, Rückverfolgbarkeit und Validierungsumfang typischerweise in der Detailauslegung widerspiegeln. Im Text wird zudem beschrieben, dass Drees & Sommer den Herstellungsprozess einer „First-of-a-kind“-Anlage mit entwickelt und dass das Projektteam anfangs die Vor- und Entwurfsplanung für Gebäude und Teile des künftigen Fermentationsprozesses verantwortet. Damit müssen zahlreiche Entscheidungen zeitgleich fallen: Fachdisziplinen, Lieferanten, Bauherrnentscheidungen und Freigaben werden systematisch synchronisiert, ohne den Kostenblick zu verlieren.
Marktseitig adressiert MicroHarvest zunächst den Tierfutterbereich – konkret Pet Food und Aquakultur. Erste Produkte sind bereits verfügbar: Im Zusammenspiel mit einem deutschen Anbieter sowie einem britischen Heimtierfutterhersteller wurden Hundeleckerlis auf Basis des fermentierten Proteins entwickelt. Für den Übergang zum Lebensmittelmarkt ist der nächste Schritt die Zulassung der europäischen Lebensmittelsicherheitsbehörde im Rahmen des Novel-Food-Verfahrens. Erst wenn diese Freigabe vorliegt, soll das Protein auch in menschlichen Produkten nutzbar sein, etwa als Zutat in Hackbällchen oder Proteinriegeln. Dass die Vermarktung zeitlich gestaffelt ist, wirkt wie eine bewusste Risikosteuerung: Stabilität in der ersten Erlösquelle bei gleichzeitiger Vorbereitung der Zulassungslogik für eine breitere Anwendung.
Der übergreifende Kontext bleibt dynamisch: Alternative Proteine zählen zu den Zukunftsmärkten, in denen Unternehmen stark in Kapazitäten, Zulassungswege und Skalierungsknow-how investieren. Die Analyse im Hintergrund nennt ein potenzielles weltweites Wachstum bis 2035 auf ein deutlich größeres Volumen – auch als Hinweis darauf, dass sich die Branche nicht nur auf Forschung, sondern auf Fabrikbau und Industriestandards verlagert. Für Unternehmen und Investoren heißt das: Entscheidend wird weniger der einzelne Batch- oder Fermentationsnachweis, sondern die Fähigkeit, ein ganzes System aus Rohstofflogistik, Prozessführung, Qualitätssicherung und Taktfähigkeit industriell zu betreiben. In Leuna bekommt diese Entwicklung mit dem Anlagenprojekt eine konkrete Infrastrukturform – und mit dem Zeitplan bis 2028 einen Prüfstein, ob aus Pilot-Performanz am Ende Serienproduktion wird.
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