LONDON (IT BOLTWISE) – Nach der kräftigen Erholung der Microsoft-Aktie seit den Quartalszahlen zum vierten Fiskalquartal sieht Bernstein noch immer eine Bewertungslücke. Analyst Mark Moerdler hält die Sorge vor einer zu aggressiven KI-Ausbau-Strategie für ein Missverständnis und erhöht das Kursziel von 647 auf 660 US-Dollar. Er verweist unter anderem auf geringere als erwartete Investitionsausgaben inklusive Finance-Leasing sowie auf Vertragsflexibilität bei Rechenzentrumskapazitäten und Chip-Bestellungen. Entscheidend bleibt laut Einschätzung vor allem die weitere Entwicklung im nächsten Quartalsbericht.

Die Microsoft-Aktie ist nach den Quartalszahlen zum vierten Fiskalquartal zum Ende Juli 2026 spürbar in die Spur zurückgekehrt und steht aus Sicht der Marktbeobachtung auf Sicht seit Jahresbeginn wieder im Plus. Besonders auffällig ist dabei der Verlauf: Die Erholung setzte sich bis in den August hinein fort, nachdem sich die anfängliche Nervosität um das KI-Ausbau-Tempo gelegt hatte. Bernstein-Analyst Mark Moerdler versucht diese Kursbewegung allerdings nicht als reines Stimmungsbild zu erklären, sondern als einen möglichen Auftakt für mehr. Sein zentrales Argument: Die Bewertung habe sich zwar verbessert, liege aber weiterhin unter historischen Vergleichswerten – und damit gebe es rechnerisch Spielraum nach oben.
Konkreter wird Moerdler über das Kursziel und die angenommene Wertentwicklung. Laut Berichten vom Wochenbeginn hob er sein Ziel von 647 auf 660 US-Dollar an und bestätigte die Einstufung „Outperform“. Aus der Perspektive des Analysten entspricht das einem Aufwätspotenzial von rund 30 Prozent gegenüber einem damaligen Kursniveau, nachdem die Aktie bereits eine deutliche Rally hinter sich hat. Interessant ist die Begründungslogik: Auch nach dem Kursanstieg handelt Microsoft demnach weiter mit einem Abschlag im Vergleich zur eigenen Bewertungshistorie. Als Stütze nennt Moerdler ein erwartetes Kurs-Gewinn-Verhältnis von 25, bezogen auf den 10. August 2026; vor einem Jahr lag das Multiple noch bei 33. Das neue Kursziel impliziert daraus ein Multiple von rund 27 – und damit aus Bernstein-Sicht noch eine Annäherung an eine „fairere“ Bewertung.
Während solche Multiple-Effekte bei Anlegern oft schnell als Story durchgehen, entzündet sich die eigentliche Debatte an den operativen Treibern: Wie stark wächst Microsofts Kapazitätsbedarf für KI-Rechenzentren – und wie planbar sind die Kosten? Moerdler widerspricht dabei der Lesart, Microsoft baue zu aggressiv aus. Ein Hinweis seien die Vertrags- und Kostenmechaniken rund um Investitionen und Leasing: Im vierten Fiskalquartal, das am 30. Juni 2026 endete, beliefen sich die Investitionsausgaben inklusive Finance-Leasing auf 41 Milliarden US-Dollar, und damit weniger als von Analysten erwartet. Zusätzlich verlängerte Microsoft zu Beginn des Geschäftsjahres 2027 die geschätzte Nutzungsdauer von Rechenzentren und Bürogebäuden von 15 auf 25 Jahre. In der Praxis bedeutet das vor allem, dass sich Abschreibungs- und Kapitalbindungseffekte über mehr Jahre verteilen können – selbst wenn die Investitionssumme in einzelnen Quartalen hoch wirkt.
Damit verknüpft sind die Leasingverpflichtungen, die in der KI-Debatte häufig als „weiche Bremse“ oder als potenzielles Risiko gesehen werden. Laut Bernstein stiegen diese Verpflichtungen im Geschäftsjahr 2026 zwar um 255 Prozent auf 329,1 Milliarden US-Dollar, aber der wichtige Punkt sei die zeitliche Verteilung: Moerdler rechnet damit, dass sich die Zahlungen über den Zeitraum 2027 bis 2033 erstrecken. Daraus resultiere für die langfristigen Leasingkosten nur ein Wachstum im mittleren Zehnprozentbereich – also kein sprunghafter Kostenschub in einem einzelnen Zeitraum. Daneben nennt Bernstein die Vertragsausgestaltung als Entlastung: Viele Vereinbarungen enthielten Kündigungsklauseln, falls geplante Bauprojekte nicht umgesetzt werden. Genau diese Art von Flexibilitätsmechanismus ist für Märkte entscheidend, weil sie die Frage beantwortet, ob ein Ausbauzyklus bei Nachfragerückgang sofort in eine unkontrollierbare Fixkostenlast kippt.
Auch bei der Hardware-Beschaffung setzt Moerdler auf einen zweiten Entkopplungseffekt: Flexibilität bei Chip- und Energie-nahem Equipment soll verhindern, dass Microsoft im Worst Case auf besonders teure, KI-spezifische Komponenten festhängt. Für das Geschäftsjahr 2027 nennt Bernstein Abnahmeverpflichtungen in Höhe von insgesamt 169 Milliarden US-Dollar für Chips, Stromverträge, Kühlsysteme und weitere Bestandteile der KI-Infrastruktur; für 2028 und die Folgejahre liegen die Verpflichtungen dagegen nur noch bei 25 Milliarden US-Dollar. Die Logik dahinter: Selbst wenn sich die Sorge vor einer „KI-Blase“ bestätigt und sich die Nachfrage zeitweise verlangsamt, dürfte Microsoft nicht in dem Maß auf der Hardwareseite unverschiebbar gebunden sein. Ergänzend betont Moerdler, dass Rechenzentrumsressourcen sowohl für KI-Workloads als auch für klassische Cloud-Workloads genutzt werden können – eine strategische Option, die den Kapazitätsauslastungsdruck über verschiedene Nachfrageprofile hinweg glätten kann.
Operativ kommt außerdem ein weiterer Marktindikator ins Spiel: Bernstein schätzt, dass KI im Geschäftsjahr 2026 rund 17 Prozent des Umsatzes im Commercial-Cloud-Geschäft ausmacht. Gleichzeitig bleibt das klassische Cloud-Geschäft laut dieser Einordnung ein bedeutender Wachstumstreiber. Das ist für die Bewertung deshalb relevant, weil es die Annahmen über Umsatzmix und Margenstruktur berührt: Wenn KI zwar wächst, aber nicht den gesamten Geschäftshebel dominiert, kann sich die Investitionsstory besser gegen Schwankungen absichern. Für Anleger verschiebt sich damit der Fokus auf den nächsten Validierungspunkt: Ob die von Bernstein skizzierte „Bewertungslücke“ sich schließt, dürfte sich spätestens im nächsten Quartalsbericht zeigen. Der nächste Bericht wird nach vorläufigem Kalender für den 27. Oktober erwartet, offiziell bestätigt ist der Termin jedoch noch nicht – bis dahin bleibt die Debatte um Microsofts KI-Investitionstempo und die Abhängigkeit von OpenAI ein zentraler Beobachtungspunkt.
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