HERFORD/KÖLN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die deutsche Möbelindustrie bleibt im ersten Halbjahr klar unter Vorjahr: Hersteller setzten 7,7 Milliarden Euro um, nominal 2,7 Prozent weniger. Besonders Polstermöbel verlieren deutlich, während Küchenmöbel immerhin um ein Prozent zulegen. Als Ursachen nennt der Verband steigende Material-, Energie- und Lohnkosten sowie ein schwaches Konsumklima. Zusätzlich bremsen stockender Wohnungsbau und wachsender Wettbewerbsdruck aus dem Ausland.

Die Zahlen aus der Möbelbranche wirken wie ein Gesamtstimmungsbarometer für das Konsumklima: Im ersten Halbjahr haben die Hersteller in Deutschland 7,7 Milliarden Euro umgesetzt. Das ist zwar eine große absolute Größenordnung, liegt aber nominal 2,7 Prozent unter dem Vorjahreszeitraum. Bemerkenswert ist dabei die Differenzierung nach Warengruppen: Während Küchenmöbel um ein Prozent zulegen konnten, sanken die Umsätze in den übrigen Kategorien – und damit vor allem bei Polstermöbeln um zehn Prozent. Genau diese Schere zeigt, dass die Kaufzurückhaltung nicht gleichmäßig alle Bereiche trifft, sondern dort besonders weh tut, wo Anschaffungen eher aufgeschoben werden können.
Wichtig ist außerdem die Einordnung über die reine Halbjahresbetrachtung hinaus. Der Verband der deutschen Möbelindustrie verweist darauf, dass die Branche seit längerem in der Krise steckt und dass die Erlöse 2025 zum dritten Mal in Folge gesunken seien – auf den niedrigsten Stand seit 2009. Zwischen 2023 und 2026 beziffert der Verband den Umsatzverlust auf rund 20 Prozent. Für Unternehmen bedeutet das: Es reicht nicht, einzelne Schwankungen im saisonalen Geschäft zu erklären, sondern es braucht eine Strategie, die mit dauerhaft niedrigerem Grundniveau zurechtkommt – etwa durch Portfolio-Entscheidungen, Preis- und Kostensteuerung sowie eine Abfederung der Nachfragezyklen.
Als unmittelbare Treiber nennt der Verbandsgeschäftsführer Jan Kurth mehrere Faktoren, die sich gegenseitig verstärken. Neben steigenden Material-, Energie- und Lohnkosten belastet laut der Argumentation vor allem das schwache Konsumklima die Branche. Haushalte würden einen größeren Teil ihrer Kaufkraft für Reisen und Freizeit reservieren, statt in neue Einrichtung zu investieren. Zusätzlich wirken strukturelle Bremsen wie ein stockender Wohnungsbau, der den Bedarf an neuen Möbeln in vielen Haushalten dämpft. Daneben kommt nach Darstellung von Kurth wachsender internationaler Wettbewerbsdruck hinzu, der Preisdruck und Austauschrate im Handel weiter erhöht.
Auch auf der Nachfrage- und Planungsebene bleibt das Bild uneinheitlich. Beim Auftragseingang zeigen sich laut Angaben zwischen Januar und Juni gegenläufige Entwicklungen: Bei Küchenmöbeln wurden 0,9 Prozent mehr Aufträge verzeichnet als im Vorjahreszeitraum, während Polstermöbel 10,5 Prozent weniger Aufträge erhielten. Diese Diskrepanz ist für Hersteller besonders relevant, weil Aufträge typischerweise den späteren Umsatz und die Kapazitätsplanung beeinflussen. Wer im Polstermöbelbereich bereits spürbar weniger Bestellungen sieht, muss Produktion, Einkauf und Lagerhaltung eng aufeinander abstimmen, um nicht in eine kostenintensive Überkapazität zu rutschen. Gleichzeitig kann das Küchensegment als Stabilitätsanker dienen – nicht als Freibrief, aber als Grundlage, um Absatzschwankungen zumindest teilweise abzufedern.
Die Lage verschärft sich zudem, wenn man den Heimatmarkt gesondert betrachtet. Laut Verband schrumpfte das Geschäft auf dem deutschen Markt um 4,1 Prozent. Gerade im Inland treffen Rückgänge häufig früher auf operative Ergebnisse, weil Fixkosten in Herstellung und Logistik nicht automatisch mit der Nachfrage fallen. Für die kommenden Monate bleibt die Stimmung nach Kurth verhalten: Er rechnet in diesem Jahr nicht mit einer spürbaren Belebung. In der Praxis heißt das für Unternehmen der Branche, dass sie eher mit einer Fortsetzung des selektiven Nachfrageverhaltens rechnen müssen – also nicht mit einer pauschalen Rückkehr zur Vorjahresdynamik, sondern mit weiterem Differenzieren nach Produktgruppe, Preispunkt und Vertriebsweg.
Strategisch stellen sich damit vor allem drei Fragen. Erstens: Wie lassen sich höhere Inputkosten in der Kalkulation realistisch abbilden, ohne die Nachfrage durch Preissprünge noch stärker zu belasten? Zweitens: Welche Sortimente und Designs liefern auch in einem schwachen Konsumklima ausreichende Kaufimpulse – was sich an den positiven Signalen bei Küchenmöbeln ablesen lässt, während Polstermöbel aktuell klar unter Druck stehen. Drittens: Wie begegnen Hersteller dem internationalen Wettbewerbsdruck, insbesondere wenn Teile der Branche in den letzten Jahren bereits rund ein Fünftel Umsatz eingebüßt haben. In Summe wird aus den Halbjahreszahlen ein klarer Auftrag: Kostenstrukturen müssen nachhaltiger werden, der Vertrieb muss stärker segmentieren, und die Produktentwicklung sollte näher an den konkreten Lebenssituationen vieler Haushalte ausgerichtet bleiben.
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