UNGARN / LONDON (IT BOLTWISE) – Das Startup MycoNest will mit Myzel-basierten, biologisch abbaubaren Habitatstrukturen Nist- und Rückzugsräume in Solarparks schaffen. In einer ersten Feldsaison zeigen mindestens die Hälfte der überwachten Strukturen Anzeichen von Belegung oder Nistaktivität. Das Produkt adressiert damit nicht nur Vegetationsmanagement, sondern auch messbare Biodiversitätsindikatoren wie belegte Nistgänge. Für 2026 plant das Unternehmen eine standardisierte Feldsaison mit dem Fokus auf Schlupferfolg und tieferen Nistgängen.

MycoNest bringt biologisch abbaubare Pilz-Habitatstrukturen in Solarparks
MycoNest bringt biologisch abbaubare Pilz-Habitatstrukturen in Solarparks (Foto: IT BOLTWISE)
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Im Umfeld von Solarparks wird Biodiversität oft als Nebenaufgabe behandelt, dabei entstehen dort neue, große Flächen mit einem ganz eigenen Mikrohabitat. Genau an dieser Stelle setzt MycoNest an: Das ungarische Startup entwickelt modulare Habitatstrukturen auf Myzelbasis, die aus landwirtschaftlichen Reststoffen hergestellt werden. Nach der Nutzung sollen sie sich vollständig vor Ort zersetzen und dabei nicht nur Rückzugsräume bieten, sondern auch die Bodenstruktur verbessern, den Gehalt an organischem Kohlenstoff erhöhen und die biologische Aktivität im Boden fördern. In der Logik vieler Energiebetreiber ist das ein anderer Ansatz als klassische Renaturierungselemente, weil die Infrastruktur selbst zur „Lebensraumhülle“ wird statt als bloßes Vegetationsumfeld zu enden.

Technisch betrachtet liegen die Unterschiede vor allem im Material- und Lebenszyklusdesign. Die Strukturen werden so konzipiert, dass sie ohne Werkzeuge an bestehenden Anlagen befestigt werden können. Statt dauerhafter Bauteile aus Holz, Beton oder Kunststoff setzen sie auf biologisch abbaubare Materialien, die Rückbau, Abtransport und Entsorgung überflüssig machen sollen. Optional lässt sich das Konzept mit Biokohle oder regionalen Wildblumensamen kombinieren; damit zielt MycoNest auf eine Wirkung während der Nutzungsphase ebenso wie nach der Zersetzung. Für Solar- und Netzbetreiber bedeutet das vor allem: weniger Aufwand in den Instandhaltungs- und Wartungsprozessen und ein Ansatz, der sich besser in bestehende Betriebsabläufe integrieren lässt.

Die Feldbeobachtungen liefern dabei den stärksten Anknüpfungspunkt für die Frage, ob das Konzept mehr als ein ökologisches „Good-to-have“ ist. Laut den Angaben des Gründers wurden in der ersten systematischen Feldsaison mindestens die Hälfte der überwachten Habitatstrukturen mit Anzeichen von Belegung oder Nistaktivität beobachtet; einzelne Strukturen waren sogar nahezu vollständig belegt. Zudem berichtet das Unternehmen, dass besonders häufig Mauer- und Blattschneiderbienen sowie Grabwespen, darunter Isodontia-Arten, die Strukturen nutzen. Für die Praxis ist das relevant, weil nicht jede Maßnahme dieselben Zielgruppen adressiert: Hohlraumnistende Arten brauchen eine passende Geometrie und Zugänglichkeit, während reine Pflanz- oder Landschaftsmaßnahmen häufig andere Wirkpfade haben.

Auch der Monitoring-Ansatz ist konkreter als bei vielen rein vegetationsbasierten Programmen. Für die Messung plant MycoNest zunächst eine Erfassung mehrerer Parameter: wie viele Nistgänge belegt sind, wie viele Nester fertiggestellt werden, welche Nistmaterialien verwendet werden und welche Durchmesser bevorzugt sind. Der nächste Schritt ist 2027 vorgesehen: Dann will das Startup zusätzlich den Schlupferfolg erfassen, weil dieser Indikator für die ökologische Wirksamkeit aussagekräftiger sein soll als die reine Belegung. Die Daten sollen zudem direkt in die Produktentwicklung zurückfließen: Aktuell arbeitet MycoNest an einer breiteren Variante mit mindestens 15 Zentimeter tiefen Nistgängen, um besser zu den Anforderungen hohlraumnistender Solitärbienen und Wespen zu passen. Gerade diese Tiefe kann über tatsächliche Brutzyklen entscheiden, nicht nur über das „Annehmen“ eines Standortes.

Markt- und Wettbewerbsseitig positioniert sich MycoNest in einem Feld, in dem Biodiversitätskonzepte zwar zunehmend gefordert werden, aber viele Maßnahmen nicht infrastrukturspezifisch entwickelt sind. Der größte Unterschied laut Unternehmen: Viele verfügbare Optionen konzentrieren sich auf Vegetationsmanagement oder dauerhafte Niststrukturen, die sich nicht gezielt auf Solarparks und energiebezogene lineare Infrastrukturen übertragen lassen. Klassische Nistkästen wiederum sind oft materialintensiv, schwer und benötigen regelmäßige Kontrolle, Wartung sowie am Ende der Lebensdauer Demontage und Entsorgung. Mit seinem infrastrukturspezifischen Design versucht MycoNest daher, eine Lücke zu schließen: leichte Installation, biologisch abbaubarer Lebenszyklus und ein Beitrag zu standortbezogenen Renaturierungspotenzialen.

Ein weiterer Hebel ist die Einbettung in naturbasierte Finanzierungs- und Reportinglogiken. MycoNest beschreibt ausdrücklich, dass Betreiber Flächen frühzeitig auf zukünftige Biodiversitäts- und Kohlenstoffmärkte vorbereiten wollen und dass dafür Lösungen gebraucht werden, die sich in bestehende Prozesse integrieren lassen. Wenn aus Energieinfrastruktur eine multifunktionale Infrastruktur wird, steigt auch die Chance, regulatorische Anforderungen besser zu erfüllen und die Akzeptanz neuer Projekte zu stärken. Das Unternehmen nennt hier Biodiversitätsmärkte als langfristiges Zielbild und spricht von „naturpositiven“ Infrastrukturmaßnahmen, die messbare Leistungen liefern sollen. Ob und wie schnell solche Mechanismen in Ausschreibungen und Verträge durchschlagen, bleibt dabei eine Frage der jeweiligen Markt- und Regulierungslandschaft, aber die Stoßrichtung ist klar: weniger Fokus auf reine Landschaftsoptik, mehr auf belastbare Wirkmechanismen.

Finanziert wird MycoNest derzeit überwiegend eigen, flankiert von nicht verwässernden Förderungen und Wettbewerben. Als wichtige externe Validierung nennt das Unternehmen die Auswahl als Good Practice in der Kategorie „Nature Conservation & Restoration“ durch die Renewables Grid Initiative im Jahr 2025 sowie eine Auszeichnung im New-European-Bauhaus-Track des EIT Jumpstarter. Zudem ist MycoNest Mitglied der TUM Venture Labs und verfügt laut eigenen Angaben über europäische sowie internationale Schutzrechte für die Technologie. Für den weiteren Markteintritt plant das Startup nach der ersten vollständigen Feldsaison mit standardisierten Prototypen und den bis dahin bereits eingesetzten fast 250 Strukturen (von Australien bis Kolumbien) die nächste Finanzierungsphase zur Skalierung. Besonders wichtig ist jetzt, wie robust die Ergebnisse werden, wenn Monitoring und Schlupfquoten in einem standardisierten Set-up zusammenkommen und damit die Grundlage für breite Adoption liefern.


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