SAN FRANCISCO BAY AREA / LONDON (IT BOLTWISE) – In den USA ziehen immer mehr Hochschulabsolventen nach dem Abschluss wieder bei den Eltern ein, weil der Einstieg in gute Jobs schwerer wird. Studien-Daten zeigen, dass der Anteil der 23- bis 27-Jährigen im Elternhaus wieder das hohe Niveau der Corona-Zeit erreicht hat. Gleichzeitig wird diskutiert, dass KI-bedingte Veränderungen in Bürojobs den Druck auf den Arbeitsmarkt für Berufsanfänger erhöhen könnten. Für viele sinkt damit auch die soziale Scham – nicht zuletzt dank Smartphones und Video-Calls.

Nach dem Studium zurück ins Elternhaus: KI trifft den Arbeitsmarkt
Nach dem Studium zurück ins Elternhaus: KI trifft den Arbeitsmarkt (Foto: IT BOLTWISE)
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Für Tommy Balmat begann der Neustart nach dem Studium nicht mit einem Vertragsdatum, sondern mit dem Umzug: Der Literatur- und Anthropologie-Absolvent der University of California, Santa Cruz zog vor rund zwei Jahren in den San Francisco Bay Area nach Hause zurück, nachdem er monatelang keine Stelle gefunden hatte. Seine Motivation klingt dabei weniger nach „Plan B“ als nach Kostenrechnung und Nähe: Mit geringeren laufenden Ausgaben fiel die Jobsuche leichter, und auch die familiäre Unterstützung spielte eine Rolle. In solchen Einzelschicksalen steckt aber ein Muster, das inzwischen breiter dokumentiert wird – und das besonders für Unternehmen, die Absolventenrekrutierung als Talentpipeline sehen, spürbar wird.

Denn nach Angaben der Ökonomen Stefania Albanesi, Rania Gihleb und Ning Zhang ist der Anteil der College-Absolventen im Alter von 23 bis 27, die mit den Eltern leben, wieder auf ein Niveau gestiegen, das zuletzt während der Pandemie erreicht wurde. Laut Updates zu ihrer Forschungsarbeit, die noch nicht online verfügbar sind, lag der Wert zuletzt bei mehr als einem Viertel – nach einem Tiefststand von rund 18 Prozent im Jahr 2001. Was auf den ersten Blick nach „Kulturtrend“ wirkt, ist in der Tendenz vor allem eine Marktreaktion: Der Arbeitsmarkt für Berufsanfänger bleibt schwach, obwohl die Gesamtwirtschaft sich relativ robust zeigt. In der Diskussion spielt zusätzlich KI eine Rolle, weil KI-gestützte Automatisierung besonders Tätigkeiten im White-Collar-Bereich verändern kann – und damit auch Einstiegs- und Einstiegsförderprogramme unter Druck setzt.

Technisch betrachtet hängt die Jobsuche in solchen Phasen stark davon ab, wie Unternehmen Recruiting-Aufwände steuern. Wenn Budgets knapper werden oder Rollenanforderungen sich schneller ändern, werden Stellenprofile oft neu gewichtet: weniger „Entry-Level“-Planstellen, dafür mehr Bewerbungen pro offener Position oder längere Auswahlzyklen. Gleichzeitig wirkt das Umfeld der Zurück-zum-Elternhaus-Entscheidung dämpfend auf die akute Not: Wer in einem vertrauten Haushalt lebt, kann eine Jobsuche länger durchhalten, ohne sofort das erste Angebot annehmen zu müssen. Das ist auch psychologisch relevant, wie ein Therapeut aus Bloomington, Minnesota, beschreibt: Die Wahrnehmung einer größeren gesellschaftlichen Einflussbreite nehme zwar nicht die Frustration über die eigene Lage, aber sie reduziere Scham- und Schuldgefühle, wieder bei den Eltern unterzukommen. Interessant ist dabei auch der technische Alltag als Faktor: Smartphones und Video-Calls machen die Distanz zum Elternhaus weniger „abrupter Schnitt“ als früher.

Ökonomisch zeigt sich der Trend jedoch nicht in allen Bildungsgruppen gleich. Albanesi hat berichtet, dass junge Erwachsene mit Bachelor-Abschluss im Zeitraum zunehmend häufiger im Elternhaus leben, während Menschen mit nur High-School-Abschluss leicht seltener dazu tendieren. Beide Gruppen sind zwar von steigenden Wohnkosten betroffen, aber die Verläufe seit der Pandemie gehen auseinander: Personen mit weniger formaler Bildung hätten spürbare Verbesserungen erzielt, während Hochschulabsolventen zumindest beim Einstieg eher „stehen bleiben“. Die Daten der Federal Reserve Bank of New York liefern dafür eine harte Begleitfolie: Die Arbeitslosenquote für kürzlich abgeschlossene College-Absolventen ist deutlich stärker gestiegen als die Gesamtarbeitslosenquote und lag im ersten Quartal des laufenden Jahres bei 5,6 Prozent. Auffällig ist außerdem, dass selbst traditionell als gut bezahlte Fachbereiche unter dem Druck stehen: Für kürzlich ausgebildete chemische Ingenieurinnen etwa hat sich die Arbeitslosenquote zwischen 2022 und 2024 mehr als verdoppelt, während sie bei Computeringenieuren auf über das Doppelte ansteigt – ein Hinweis darauf, dass der Markt derzeit Rollen nicht nur „nach Bedarf“, sondern auch nach Qualifikations- und Projektrealitäten selektiert.

Ein weiteres Kapitel betrifft die Qualität der Übergänge in Beschäftigung. In dem Bericht wird eine junge Ökonomin beschrieben, die einen starken Start erwartet hatte – mit Abschluss an der University of Minnesota und Praktikumserfahrung – und die dann dennoch mit geänderten Firmenprozessen konfrontiert wurde: Das gewünschte frühe Karrieremodell wurde im Kern nicht mehr ausgeschrieben, kurz zuvor waren Entlassungen erfolgt. Sie zog im August in ein Vorstadtgebiet der Twin Cities, bekam im Oktober ein erstes Angebot und wechselte zwei Monate später, weil sich ein besser passender Fit ergab. Für die Praxis wichtig ist die Interpretation solcher Fälle: Die Forschung von Albanesi und Mitautoren legt nahe, dass Absolventen, die länger suchen können, eher verhindern, dass sich ein schlechter Start als Einkommensrückschlag bis zum Alter 27 fortschreibt. Gleichzeitig deuten ergänzende Daten darauf hin, dass viele Absolventen bewusst zunächst im Elternhaus bleiben, auch wenn sie früher „schlechtere“ Jobs annehmen könnten – offenbar wirkt Komfort und Planbarkeit stärker als die reine Geschwindigkeit der Anstellung.

Damit verändert sich auch, wie Gesellschaft und Bewerbungsrealität zusammenwirken. Lawrence Katz, Arbeitsmarktexperte an der Harvard University, warnt dabei vor einer zu einfachen Datenlese: Unteremployment- und Quote-Interpretationen seien nur eingeschränkt präzise und schwer eindeutig zu deuten. Dennoch räumt er ein, dass sich Normen verschoben haben könnten – nicht nur wegen wirtschaftlicher Engpässe, sondern auch wegen anderer Erwartungen an Eltern-Kind-Interaktionen als noch vor 25 oder 50 Jahren. Betsy Balmat, die Mutter von Tommy, beschreibt ergänzend eine Beobachtung aus ihrem Bay-Area-Umfeld: Immer weniger junge Erwachsene würden dort allein wohnen, weil der Schritt finanziell und organisatorisch oft riskanter geworden sei. Für Absolventen wie Lily Dall’Era wird der Umzug nach Hause zudem zu einem sozialen „Zwischenraum“, in dem auch Freundeskreise wieder zusammenfinden – etwa über Wochenend-Planungen, die die Übergangsphase entlasten.

Natürlich bleibt die Rückkehr nicht automatisch konfliktfrei. In der Erzählung eines Absolventen einer Syracuse University wird etwa deutlich, wie die Wohnsituation in den Alltag eingreift: Ein geteiltes Zimmer, das Gefühl, „wieder Teenager“ zu sein, oder ein wachsendes Monitoring durch Familien. Auch auf der anderen Seite steht die Erfahrung, dass das Elternhaus Hilfe leistet, ohne die Selbstständigkeit vollständig zu ersetzen. Balmat selbst berichtet von einem leichten Erwartungsdruck, möglichst viele Bewerbungen abzugeben – manchmal auf Kosten der Qualität. Gleichzeitig beschreibt er die Bilanz als überwiegend positiv: genug finanzieller Spielraum, später der Umzug zu einem College-Freund, und sogar ein Beginn einer Beziehung, während er im Teilzeitjob für neue Energie und Struktur sorgte. Für Arbeitgeber ergibt sich daraus eine klare Botschaft: Wenn KI-gestützte Veränderungen im Bürobereich Tempo aufnehmen, werden Übergänge wie diese noch häufiger. Recruiter müssen deshalb nicht nur schneller matchen, sondern auch Wege schaffen, wie Absolventen in der „Zwischenwohn“-Phase gezielt weiterqualifizieren und realistische Einstiege finden.


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