NEW YORK / LONDON (IT BOLTWISE) – Ein neuer, an der Nasdaq gehandelter Trust soll XRP in einen klassischen Broker-Workflow bringen: XRPC wird als „Canary XRP ETF“ beworben. Das Produkt verzichtet auf Wallet-Setup und Private Keys, setzt aber rechtlich nicht auf klassische ETF-Regeln. Entscheidend sind damit weniger kurzfristige Kursbewegungen als die Frage, wie Trust-Strukturen, Verwahrung und Bewertungsaufschläge den XRP-Exposure beeinflussen. Für Anleger, die Portfoliomanagement und Compliance priorisieren, ändert das den Zugang – und eröffnet zugleich neue Struktur- und Liquiditätsrisiken.

Wer XRP bislang nur über Kryptobörsen oder Wallets erreichen wollte, bekommt nun eine Alternative, die sich am Komfort traditioneller Kapitalmarktprodukte orientiert. XRPC, ein an der Nasdaq gelisteter Spot-Trust, wird in einem bezahlten Werbeformat von Canary Capital als „Canary XRP ETF“ vermarktet. Die Kernaussage: Das Halten in einem Standard-Broker-Account kann für viele Investoren relevanter sein als die reine Tagespreis-Performance. Genau hier setzt die strukturelle Differenz an: XRPC ist kein klassischer ETF, sondern eine Trust-Lösung, die Anlegern den institutionellen Zugang erleichtern soll, ohne die technischen und rechtlichen Besonderheiten von Krypto vollständig zu nivellieren.
Technisch betrachtet hält der Trust XRP-Token und gibt dafür Anteile aus, die an der Börse gehandelt werden. Der Anbieter beschreibt als Zielgröße, den Wert der gehaltenen XRP-Bestände „abzüglich der laufenden Trust-Kosten“ abzubilden; genannt wird eine Sponsor-Gebühr von 0,5% pro Jahr. Für den Investor heißt das: Es gibt kein Wallet-Setup, keine Private Keys und keine separate Krypto-Exchange-Account-Verbindung. Gleichzeitig entsteht eine neue Bewertungslogik. Anleger halten Trust-Shares, nicht die Tokens selbst. Dadurch können die Shares mit einem Abschlag oder Aufschlag gegenüber dem Nettoinventarwert handeln, und es fehlen Mechanismen wie Staking oder Yield-Komponenten, weil das XRP Ledger nicht in derselben Weise auf Staking basiert.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Verwahrkette, denn sie ist in Krypto-Produkten oft das „letzte Kilometer“-Thema für Risiko- und Compliance-Teams. Bei XRPC wird die Verwahrung der zugrunde liegenden XRP-Bestände zwischen BitGo Trust Company und Gemini Trust Company aufgeteilt. Für Bargeldhaltung und die Administration der Fondsstruktur wird zudem U.S. Bank herangezogen. Diese Aufteilung wirkt auf den ersten Blick „boring“, ist aber genau deshalb für Unternehmen attraktiv, die vertraute Prozesse und klar auditierbare Verantwortlichkeiten brauchen. Im Marktvergleich zeigt sich: Viele erfolgreiche Krypto-Broker- oder ETF-nahe Produkte der letzten Jahre standen und fallen weniger mit dem Token selbst, sondern mit einer belastbaren Custody-Architektur.
Marktlich ordnet die Meldung XRP stärker in den Kontext institutioneller Adoptionspfade ein. Das XRP Ledger ist 2012 gestartet und hat nach den vorliegenden Angaben inzwischen über 4 Milliarden Transaktionen verarbeitet; die tägliche Aktivität liege zuletzt bei rund 3 Millionen Transaktionen, also etwa dreimal so hoch wie Mitte 2024. Zusätzlich wird auf den Geschäftsfokus von Ripple verwiesen: Laut den im Werbeformat genannten Zahlen hält Ripple weltweit mehr als 75 regulatorische Lizenzen und arbeitet an tokenisierten Real-World-Assets; genannt wird ein Volumen von rund 3,5 Milliarden US-Dollar, nachdem es zuvor unter 1 Milliarde US-Dollar gelegen habe. Diese Narrative sollen erklären, warum nach dem Ende des langwierigen US-Rechtsstreits das „institutionelle Reset“-Argument wieder stärker zieht.
Als konkreten Nachweis für eine „Post-Lawsuit“-Erholung nennt das Format eine Integration in Zahlungs- und Abrechnungsprozesse, unter anderem über den eigenen Dollar-Stablecoin RLUSD. Dazu kommen Pilot- und Partnerschaftsbezüge, etwa mit großen Kartennetzwerken wie Mastercard. Auch ein Finanzierungselement taucht auf: Ein 200-Millionen-US-Dollar-Arrangemennt von Neuberger Berman wird genannt, um Ripples institutionelle Trading-Services auszubauen; außerdem wird eine separate 200-Millionen-US-Dollar-Vereinbarung für eine stabilecoin-nahe Zahlungsplattform (Rail) erwähnt. Als Branchenvergleich lässt sich das mit anderen Krypto-Wagen vergleichen, die ebenfalls stark auf Regulatorik und Infrastrukturpartnerschaften setzen, etwa bei Bitcoin- oder Ethereum-nahen Vehikeln – dort entscheidet häufig, ob Custody, Abwicklung und Reporting „broker-kompatibel“ werden.
Trotzdem bleibt eine wesentliche Gegenposition im Raum, und genau an dieser Stelle wird der Unterschied zwischen Token-Story und Portfolio-Wirklichkeit sichtbar. Der „bear case“ argumentiert aus dem Ripple-Ökosystem heraus: Banken, die Ripple-Technologie nutzen, müssen nicht zwangsläufig XRP selbst als Settlement-Asset verwenden. Wenn RLUSD an Bedeutung gewinnt, kann mehr Abwicklung in Richtung Stablecoin wandern, wodurch weniger Wert direkt in XRP-Preisbildung zurückfließt. Dazu kommt ein zweiter Hebel: extrem niedrige Transaktionsgebühren auf dem XRP Ledger begrenzen möglicherweise den wirtschaftlichen „Value Capture“ für den Token. Damit bleibt das zentrale Risiko für XRPC-Anleger bestehen: Unternehmensfortschritt kann real stattfinden, ohne dass XRP im selben Verhältnis profitiert.
Für den Vergleich mit klassischen ETFs ist außerdem wichtig, dass XRPC nicht unter das Investment Company Act von 1940 fällt und als „nicht commodity pool“ eingeordnet wird. Das heißt: Viele der typischen Schutzmechanismen, Provisions- und Strukturparameter, die Anleger bei regulierten Vehikeln gewohnt sind, greifen hier nicht 1:1. Im Alltag äußert sich das vor allem in der bereits erwähnten Distanz zwischen Token und Share-Realisierung: Anleger besitzen Shares eines Trusts, nicht die Token selbst, und sie erhalten keine Token-bezogene Governance. Auch eine direkte Erwartung „Staking gibt es nicht“ sollte konsequent eingeordnet werden. Ein Experte aus der Kapitalmarkt-Perspektive würde hier oft sagen: Bei Krypto-Vehikeln ist das wichtigste „Produkt“-Risiko nicht nur Volatilität, sondern die Mechanik der Übertragung von Token-Ökonomie in Portfoliowert.
Aus Enterprise-Sicht verschiebt XRPC vor allem den operativen Zugang: Risiko- und Anlageausschüsse können die Nutzung möglicherweise schneller freigeben, weil keine Wallet- oder Key-Management-Prozesse entstehen. Gleichzeitig sollten Finanzteams die Strukturdetails hart prüfen, insbesondere Tracking-Qualität, Spread-Verhalten der Shares, Bewertungsaufschlag/-abschlag gegenüber dem XRP-Bestand sowie die Custody-Verantwortlichkeiten. Wer sich an „ETF-Logik“ orientiert, muss akzeptieren, dass XRPC eher ein brokerfähiges Krypto-Exposure als ein regulatorisch identisches ETF-Modell ist. Die nächste Entwicklung, die man plausibel erwarten kann, ist die Ausdifferenzierung solcher Trust-Strukturen mit stärker standardisierten Reporting- und Abwicklungsroutinen – jedoch wird die Wertübertragung über Börsenmechanik und Stablecoin-Substitution ein zentrales Thema bleiben.
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