LONDON (IT BOLTWISE) – Eine 104-Wochen-Studie vergleicht Wasser mit Diätgetränken bei Erwachsenen mit Übergewicht oder Adipositas. Dabei zeigt sich über zwei Jahre ein messbar ähnlicher Gewichtsverlust: Die Diätgetränke-Gruppe verliert im Schnitt 4,8 Kilogramm, die Wassergruppe 3,7 Kilogramm. Entscheidend bleibt jedoch nicht das Getränk, sondern das begleitende Verhaltensprogramm. Nebenwirkungen im Sinne gesteigerten Appetits finden die Forschenden nicht, die Daten zu Stoffwechselwerten bleiben aber wegen kleiner Teilgruppen begrenzt.

Die Debatte um kalorienfreie Diätgetränke bekommt durch eine Langzeitstudie wieder Substanz: Nicht das Getränk an sich scheint im Alltag den Unterschied zu machen, sondern wie konsequent Ernährung und Bewegung über längere Zeit mitgezogen werden. In der 104-Wochen-Studie, die im British Journal of Nutrition publiziert wurde, stellten Forschende der University of Liverpool das klassische „Kalorien ersetzen statt reduzieren“-Denkschema auf den Prüfstand und ließen Wasser gegen Diätgetränke antreten. Gleichzeitig treffen sie damit einen Nerv der Praxis, denn viele Menschen nutzen zuckerfreie Produkte als Strategie, um den Energiehaushalt zu steuern, während öffentliche Leitlinien bisher eher Zurückhaltung nahelegen.
Im Studiendesign werden 493 Erwachsene im Alter von 18 bis 65 Jahren mit Übergewicht oder Adipositas erfasst, konkret mit einem BMI zwischen 27 und 35. Die Rekrutierung lief in einer Region im Vereinigten Königreich zwischen 2016 und 2021. Zufällig wurden die Teilnehmenden auf zwei Gruppen verteilt: 246 Personen tranken Wasser, 247 erhielten täglich mindestens zwei Portionen à 330 Milliliter Diätgetränke mit Süßstoffen wie Aspartam, Acesulfam-K oder Sucralose. Beide Gruppen erhielten außerdem ein strukturiertes Verhaltensprogramm, das Ernährungssitzungen und Bewegungselemente umfasste. Genau diese Kopplung ist später wichtig, weil sie die Interpretation der Ergebnisse wesentlich verschiebt.
Nach 104 Wochen zeigt sich in beiden Armen ein klar messbarer Erfolg, aber ohne statistisch signifikante Überlegenheit des einen Getränks. In der Diätgetränke-Gruppe lag der durchschnittliche Gewichtsverlust bei -4,8 Kilogramm (entsprechend 10,6 US-Pfund). In der Wassergruppe betrug die Reduktion -3,7 Kilogramm bzw. -3,8 Kilogramm (8,2 US-Pfund). Der rechnerische Unterschied wird in der Studie mit 2,4 US-Pfund bzw. 29 Prozent angegeben und dennoch als nicht signifikant bewertet. Die Forschenden ordnen die Ansätze damit als gleichwertig ein, und zusätzlich fällt auf: Auch im letzten Jahr bleibt der Gewichtsverlauf stabil, obwohl das begleitende Verhaltensprogramm dort nicht mehr in der gleichen Form aktiv unterstützt.
Wer nur die Waage betrachtet, greift allerdings zu kurz. Die Studie erfasst neben dem Gesamtgewicht auch Körperumfang und physiologische Parameter: Der Taillenumfang sank in beiden Gruppen um fünf Zentimeter (rund zwei Zoll), begleitet von einer Verringerung des Hüftumfangs sowie Verbesserungen bei der Körperzusammensetzung und metabolischen Biomarkern. Eine Subgruppenanalyse mit 48 Teilnehmenden deutet zusätzlich auf vergleichbaren Verlust an Körperfett und Magermasse in beiden Armen hin. Klinisch bedeutsame Unterschiede bei Blutdruck und Cholesterinwerten treten nicht auf, während bei Diätgetränke-Konsumentinnen und -Konsumenten Cholesterin und der Langzeitblutzuckerwert HbA1c leicht anstiegen und in der Wassergruppe der diastolische Blutdruck etwas stärker sank. Diese Beobachtungen stützen sich jedoch auf nur 14 bis 16 Personen pro Gruppe und werden deshalb als medizinisch nicht signifikant eingeordnet.
Aus regulatorischer und evidenzstrategischer Perspektive ist vor allem der Zusammenhang zwischen Langzeitnutzung, Sicherheit und dem „Wie“ der Intervention relevant. Die Forschenden berichten, dass die Zuckeraufnahme bei allen Teilnehmenden zurückging und der Rückgang in der Süßstoffgruppe etwas ausgeprägter war. Gleichzeitig lagen die konsumierten Süßstoffmengen innerhalb der Sicherheitsgrenzen der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA). Auch Appetitstörungen, gesteigertes Hungergefühl oder metabolische Folgeschäden hätten sich nicht gezeigt. Dennoch bleibt die Aussagekraft durch methodische Punkte begrenzt: Von ursprünglich 493 Teilnehmenden erreichten 220 den Endpunkt nach 104 Wochen, davon 117 in der Wassergruppe und 103 in der Süßstoffgruppe. Zusätzlich wirkten Verzögerungen und Abbrüche im Rahmen der COVID-19-Pandemie, was für die Interpretation einzelner Teilanalysen ein wichtiger Faktor ist.
Für Unternehmen und Gesundheitskommunikation ist die Kernaussage damit eher operativ als ideologisch: In der Studie führt ein strukturiertes Programm zu Gewichtsverlust, das Getränk allein erklärt die Ergebnisse nicht. Das passt zu einem typischen Muster in der Adipositasforschung, bei dem Verhaltensänderungen über die Zeit hinweg stärker wirken als einzelne Ernährungsdetails. Gleichzeitig zeigt die Langzeitlaufzeit von 104 Wochen, dass sich Effekte nicht nur kurzfristig darstellen lassen, was für Produkt- und Service-Entscheidungen in der Ernährungsbranche oder in Präventionsprogrammen relevant ist. Die Finanzierung erfolgte laut Angaben über eine American Beverage Association, die Forschenden betonen aber, dass Durchführung, Datenanalyse und Berichterstattung unabhängig und unter ihrer eigenen Kontrolle lagen. Insgesamt liefert die SWITCH-Studie damit ein differenziertes Bild: Sie entkräftet nicht automatisch jede Vorsicht, verschiebt aber die Gewichtung weg vom pauschalen „Getränk ja oder nein“ hin zu nachhaltigem Verhalten, das messbar über Jahre trägt.
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