VENEDIG / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Dokumentation „Naza“ von Yuval Abraham und Rachel Szor startet ab Donnerstag in deutschen Kinos. Ab November soll sie kostenlos online abrufbar sein. Im Film geht es um ein System, das hinter der israelischen Kriegsführung stehen soll – inklusive Schilderungen zum Einsatz von KI bei der Angriffsauswahl. Zugleich eskaliert die Debatte bereits vor einem breiten Publikum, begleitet von rechten Drohungen und offizieller Kritik.

„Naza“: Gaza-Doku startet in deutschen Kinos, später kostenlos online – mit KI im Fokus
„Naza“: Gaza-Doku startet in deutschen Kinos, später kostenlos online – mit KI im Fokus (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Dokumentation „Naza“ wirkt nach außen wie ein Spielfilm-Event: In Venedig erhielt das Werk bei der Premiere 25 Minuten Applaus und wurde mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet. In Deutschland beginnt nun der Kinostart, während die eigentliche Reichweite sich später verlagert: Ab November kündigen die Regisseure an, den Film kostenlos online zugänglich zu machen. Der Spannungsbogen entsteht allerdings nicht erst durch die Vermarktung, sondern durch das, was der Film nach eigener Darstellung sichtbar machen will – nämlich die Prozesse, die hinter Angriffen liegen sollen, und wie sich dabei der Umgang mit Kollateralschäden technisch und organisatorisch „optimieren“ könnte.

Inhaltlich greifen Abraham und Szor in rund 80 Minuten einen einzelnen Aspekt besonders scharf heraus: das System, das ihrer Darstellung zufolge hinter der israelischen Kriegsführung stehen soll. Der Titel „Naza“ leitet sich vom hebräischen Begriff „Nezek Agavi“ für Kollateralschaden ab; im Militär-Jargon soll das Kürzel die geschätzte Zahl von Zivilisten bezeichnen, die bei einem Angriff sterben könnten. Besonders brisant wird es, weil im Film geschildert wird, wie Ziele ausgewählt und Entscheidungen vorbereitet werden, bevor Wohngebäude bombardiert werden. Daneben spielen Aussagen eine Rolle, die den Einsatz von Künstlicher Intelligenz in den Entscheidungsprozessen ansprechen – nicht als Ersatz für menschliche Verantwortung, sondern als Bestandteil der Ablaufkette, die aus Sicht der Regisseure die Abwägung in Richtung „Effizienz“ verschiebt.

Technisch wird der Kern der Dokumentation dabei nicht mit abstrakten Renderings erzählt, sondern über Zeugenschilderungen: Aufnahmen von den Dächern Tel Avivs rahmen die Interviews, die Stimmen der Beteiligten sind verfremdet, Gesichter bleiben im Schatten. Laut Angaben der Filmemacher wurden dafür 24 Mitglieder des israelischen Geheimdienstapparats interviewt; ihre Identität bleibt durch die Inszenierung und die Anonymisierung geschützt. Genau diese Konstruktion ist jedoch zugleich der Angriffspunkt der Gegenseite. Einen Tag vor der Preisverleihung wies die israelische Armee die Vorwürfe zurück, stellte die Glaubwürdigkeit der anonymen Zeugen infrage und kritisierte, dem Team sei das Material vorab nicht zur Gegenrede vorgelegt worden. Auch die Aussage, es gebe eine systematische Hinnahme hoher ziviler Opferquoten als Teil einer Militärdoktrin, wird von offizieller Seite so nicht anerkannt.

Zur Frage der KI zieht die Armee eine klare Linie: Laut Darstellung eines Armee-Sprechers würden Entscheidungen über Auswahl und Genehmigung von Angriffen ausschließlich durch menschliches Personal getroffen und nicht von Künstlicher Intelligenz. Damit verschiebt sich die Debatte von „Wer trifft die Entscheidung?“ hin zu „Wie werden Menschen unterstützt?“. Denn selbst wenn eine KI nicht final entscheidet, kann sie in der Praxis bei Bewertung, Priorisierung und Operationalisierung von Risiko eine Rolle spielen – etwa indem sie Eingabedaten verarbeitet, Wahrscheinlichkeiten schätzt oder Entscheidungswege beschleunigt. Genau an diesem Punkt wird die Dokumentation für viele Zuschauerinnen und Zuschauer zur Spiegelung einer Frage, die über den konkreten Konflikt hinausreicht: Wenn maschinelle Systeme in der Pipeline sitzen, verändert das nicht nur die Geschwindigkeit, sondern auch, wie Schwellenwerte verstanden und beachtet werden. Aus den Stellungnahmen allein lässt sich zugleich nicht belastbar ableiten, ob einzelne Angriffe die Grenzen überschreiten, die das humanitäre Völkerrecht fordert – die offiziellen Aussagen betonen zwar die Regelbindung, der Film zeigt aber Szenen und Ablaufbeschreibungen, die Zweifel nähren.

Auch die politischen Reaktionen in Israel folgen einem Muster aus Verteidigung und Einschüchterung. Kulturminister Miki Zohar bezeichnete die Arbeit der Filmemacher als „Landesverrat“ und forderte, ihnen die Staatsbürgerschaft zu entziehen; Ministerpräsident Benjamin Netanjahu kündigte Gesetzesvorhaben gegen Menschen an, die israelische Soldaten oder den Staat im Ausland verleumdeten. Parallel berichten die Regisseure von Morddrohungen und rechter Hetze, während vor dem Elternhaus der Regisseurin rechte Aktivisten auf sich aufmerksam machten. Dem hält eine israelische Menschenrechtsorganisation ihre Unterstützung entgegen und wandte sich gemeinsam mit weiteren Gruppen gegen Drohungen sowie mögliche Schritte gegen Abraham, Szor und ihre Quellen. Damit ist „Naza“ nicht nur ein Film über einen Krieg, sondern auch ein Beispiel dafür, wie Konfliktkommunikation in Demokratien funktioniert: Als Mischung aus öffentlicher Gegenrede, politischem Druck und gesellschaftlicher Polarisierung.

In der Berichterstattung außerhalb Israels spaltet sich das Echo, wobei auch innerhalb des Spektrums nicht jeder die gleiche Schlussfolgerung zieht. Ein Journalist erklärte in einem Beitrag, dass die Vorbereitung eines Luftangriffs organisatorisch langwierig und komplex sei und an einem Angriff mehr als hundert Beteiligte beteiligt seien, bevor der Pilot überhaupt zum Einsatz komme. Ein weiterer Kommentar wertete das Vorgehen Israels im Gazastreifen als schwere Verstöße gegen das Kriegsvölkerrecht, machte aber zugleich eine Art Selbstreflexion als Pflicht aus. Eine frühere Geisel schließlich brachte eine andere Perspektive ein: Der lange Applaus habe sich für ihn wie ein „Abprall“ angefühlt, nicht weil palästinensisches Leid unsichtbar gemacht würde, sondern weil er sich als Betroffener darin nicht ausreichend gesehen fühlte. In arabischen Debatten hingegen wird laut sozialen Medien unter anderem die Zivilcourage der Filmemacher hervorgehoben; zugleich wird dort auch diskutiert, dass westliche Öffentlichkeit auf israelische Zeugenaussagen stärker reagiere als auf langjährige palästinensische Zeugnisse.

Für Unternehmen und technische Teams steckt in „Naza“ eine konkrete Arbeitsfrage: Wie lässt sich KI-gestützte Entscheidungsunterstützung so gestalten und auditieren, dass Risikoabwägungen nachvollziehbar bleiben? Gerade weil der Film anonyme Quellen, technische Prozessbeschreibungen und den Hinweis auf KI kombiniert, werden im Nachgang oft Fragen zur Datenlage, zu Verantwortlichkeiten und zur Dokumentierbarkeit von Entscheidungen laut. Wenn ab November der kostenlose Online-Zugang hinzukommt, dürfte die Diskussion zudem breiter in digitale Communities hineinreichen – und damit auch in Bereiche, in denen KI-Systeme in kritischen Umgebungen bewertet, betrieben und reguliert werden. Unabhängig davon, wie man die einzelnen Vorwürfe juristisch oder politisch einordnet: Die technische Debatte über menschliche Kontrolle, Entscheidungswege und Transparenz wird durch „Naza“ sehr konkret und bleibt damit über den Kinosaal hinaus in der KI-Nachbarschaft präsent.


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